Briefe des Mitgefühls – heute SUV-FahrerInnen

SUV Versuch des Zugangs zu Mitgefühl mit Menschen, die zumindest einen Teil Ihres Glücks im Besitzen und Fahren eines übermotorisierten, überdimensionierten Fahrzeugs suchen.
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Ich lebe in Berlin und fahre nahezu ausschließlich Fahrrad. Zudem bemühe ich mich, mein Mitgefühl mit allen Geschöpfen dieser Erde zu entwickeln. Ich glaube fest daran, dass nur mit Frieden in jedem Einzelnen Frieden und Glück auf dieser Welt dauerhaft möglich sind. Auch wenn ich schon lange praktiziere, meditiere, stoße ich immer wieder an meine Grenzen, lasse mich in unnötige Diskussionen hineinziehen, werde aggressiv, gekränkt etc. Als Radfahrer bin ich oft in schwierigen Situationen – ich werde zu knapp überholt, mir wird die Vorfahrt genommen, meine Wege sind vollgeparkt, ich werde angehupt, weil ich nicht auf dem Radweg fahre (auch wenn dieser nicht benutzungspflichtig sind) etc. Jede Fahrradfahrt ist eine Übung, bei mir zu bleiben, nicht das Adrenalin (das unweigerlich in lebensbedrohlichen Situationen entsteht und im Grunde ist jede Fahrradfahrt in Berlin lebensbedrohlich) von mir Besitz ergreifen zu lassen und aggressiv zu werden. Oft gewinnt das Adrenalin. Schon bei „normalen“ AutofahrerInnen leidet mein Karma. Dieser Brief des Mitgefühls geht an eine gesonderte Gruppe von AutofahrerInnen, die noch mehr meine Aggression, meine Überheblichkeit, meine Ablehnung abbekommen. Während schon „normale“ Autos bzw. ihre FahrerInnen mein Unverständnis, meine Ablehnung, meine Kritik erfahren, stehe ich SUVs, Pickups oder Fourwheelsdrives in Berlin nahezu fassungslos gegenüber. Hier ist großer Arbeitsbedarf.

Meine Prämisse ist, dass nahezu jeder Mensch glücklich sein möchte und versucht, durch seine Handlungen diesem Ziel näher zu kommen. Die Wege, wie versucht wird, dieses Glück zu erreichen – die Bedürfnisse - weisen auf die Ängste, die empfundenen Mängel hin. Ich gehe ferner davon aus, dass fast kein Mensch das Unglück, den Schmerz, den Tod, die Verletzung anderer Menschen dafür bewusst in Kauf nimmt.

Um Mitgefühl zu entwickeln ist es gut, die Bedürfnisse und Mängel anzuschauen und festzustellen, dass diese sich nicht all zu stark von den eigenen Bedürfnissen und Mängeln unterscheiden.

Wer sind eigentlich SUV-FahrerInnen?

SUVs werden vorwiegend von Männern bevorzugt (ca. 75 %) und nur ein Viertel der FahrerInnen hat damit vor, überhaupt einmal ins Gelände zu fahren. SUVs werden gerne von älteren Männern gekauft, die über das nötige Geld verfügen. Sie gelten als Autos, die ziemlich stark den finanziellen Status ausdrücken (sollen).

Was sind die Bedürfnisse der SUV-FahrerInnen:

Einige Bedürfnisse werden von den FahrerInnen in Kommentaren etc selbst benannt. Zentral sind dabei Komfort und Sicherheit für die Insassen, für sich selbst. Das sind zweifellos nachvollziehbare Bedürfnisse. Wer sitzt nicht gerne bequem, wer möchte im gefährlichen Straßenverkehr nicht sicherer sein? Und wem ist das eigene Hemd nicht näher als die Jacke? Ich kann diese Bedürfnisse und die Haltung sehr gut verstehen. Besonders Sicherheit ist auch für mich als Radfahrer ein großes Anliegen. Auch ich sitze nicht auf dem unbequemsten Sattel, sondern habe schon geschaut, dass ich darauf gut sitzen kann.

Wir unterscheiden uns m. E. weniger im Bedürfnis nach Sicherheit als im Bedürfnis nach Komfort. Das Bedürfnis nach Sicherheit, insbesondere nach körperlicher Unversehrtheit ist vermutlich verallgemeinerbar – abgesehen vielleicht von Extremsportlern. Aber auch diese haben außerhalb ihres Sports das Bedürfnis nach Sicherheit. Zöge man nur das Bedürfnis nach Sicherheit in Betracht, müssten wir alle in SUVs sitzen, vielleicht gar in Panzern. Ich glaube auch nicht, dass das Bedürfnis nach Sicherheit bei SUV-FahrerInnen größer ist als bei andern, also dass diese ängstlicher oder unsicherer sind. Ich glaube daher, dass das Bedürfnis nach Sicherheit den Kauf eines SUVs nicht erklärt.

Bleibt also von den selbstgenannten Gründen der Komfort. Ich frage mich allerdings wirklich, ob das Selbstbild der SUV-FahrerInnen tatsächlich das von Menschen ist, die es bequem lieben. Obwohl das Auto gerne von älteren VerkehrsteilnehmerInnen gewählt wird, würden sich vermutlich die meisten beleidigt fühlen, wenn der SUV als Rentnerauto, als Auto für Unsportliche bezeichnet würde – der SUV als neuer Jetta. Mir liegen auch hier keine Erkenntnisse vor, dass SUV-FahrerInnen in ihrem sonstigen Leben auch mehr Wert auf Komfort legen als andere Menschen oder häufiger körperliche Einschränkungen aufweisen. Ich frage mich, ob SUV-FahrerInnen in Möbelgeschäften eher die Sofas mit hohen Sitzflächen wählen oder Opas Ohrensessel mit Aufstehhilfe. Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich SUV-FahrerInnen selbst eher als sportlich, zupackend bezeichnen würden. Ich kann sehr gut das Bedürfnis nach Sicherheit und Komfort der SUV-FahrerInnen nachvollziehen, den Wunsch mit ihnen sogar teilen. Alles in allem erklären diese Wünsche für mich aber nicht wirklich den Kauf eines SUV.

Nun wird das Ganze leider etwas spekulativer, da ich zu den folgenden Überlegungen nicht auf die Aussagen der FahrerInnen selbst zurückgreifen kann.

Welche Gründe sprechen aus meiner Sicht noch für den Kauf eines SUV?

Wenn ich mir diese großen Autos anschaue, dann verbinde ich damit Begriffe wie: Größe, Kraft, Robustheit, Unabhängigkeit, Hindernisse überwindend, Abgeschlossenheit, Sichtbarkeit, Erhöhung. Während die FahrerInnen selbst Ihre bewussten Motive und Bedürfnisse für einen SUV benennen können, sind ihre unbewussten Motive schwerer für sie und damit für mich zugänglich.

Schauen wir meine Spekulation näher an:

Groß, stark, robust

Einerseits kommt hier der Wunsch der eher männlichen FahrerInnen nach (eigener) Größe, Kraft und Robustheit zum Ausdruck. Bei Frauen wird stereotypisch von Verkehrssoziologen eher von dem Wunsch nach einem starken Beschützer (Bodyguard) gesprochen. In diesen Attributen spiegelt sich einerseits erneut der Wunsch nach Sicherheit wider, andererseits als aktive Version, der Wunsch danach die Welt nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können, danach sich durchzusetzen, etwas im eigenen Sinne zu verändern.

Unabhängigkeit, Hindernisse überwindend

Der SUV vermittelt nach meinem Empfinden ein Gefühl von Freiheit. Wenn ich wollte, könnte ich auch ohne Straße weiterkommen, ich kann Hindernisse überwinden, bin nur schwer von meinem Weg abzubringen.

Abgeschlossenheit, Erhöhung

Noch (denn die Zahl der SUV steigt unaufhörlich) bin ich im SUV gegenüber anderen AutofahrerInnen erhöht. Dies spiegelt zum einen ein Gefühl von Überlegenheit wider und zum anderen schafft es Distanz. Der SUV wirkt noch viel stärker als andere Autos von der Umgebung abgeschlossen. Man ist mitten im Verkehr und gehört dennoch nicht dazu. Man ist getrennt, in seinem eigenen Raum, fährt mit dem Wohnzimmer durch die Gegend (in den USA ist das ja vielfach Realität).

Sichtbarkeit

Im SUV ist man nicht nur gegenüber anderen erhöht, (noch) ist man durch die Größe und Höhe des Fahrzeugs auch für andere gut sichtbar. Dies und der Preis steigern den Wert des SUV als Statussymbol.

All diese Motive sind mir überhaupt nicht fremd. Ich kann auch die Mängel und Ängste dahinter gut nachvollziehen und teilen: Ängste, dem Leben, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein, nicht gut genug zu sein; das Gefühl in Zwängen und Begrenzungen zu leben; verletzlich zu sein und daher einen Schutzraum zu benötigen; die Angst übersehen zu werden, nicht wertgeschätzt zu werden. Ich kann diese Gefühle und Bedürfnisse gut nachvollziehen und habe daher mit all den SUV-FahrerInnen volles Mitgefühl.

Allerdings bin ich in meinem Leben nie auf die Idee gekommen, abgesehen vielleicht in meiner Kindheit, diese meine Bedürfnisse durch das Fahren eines Autos zu verwirklichen. Ich führe das auf eine bestimmte Konstellation in meiner Familie zurück. Ich war im Grunde das schwarze Schaf in der Familie und mein Programm war Abgrenzung. Alle meine Geschwister fahren Auto und haben teilweise mehrere. Ich beschloss bereits mit 18 keinen Führerschein zu machen. Ich hatte – so sehe ich es heute – Glück. Der Weg über ein Auto Anerkennung zu erfahren, war für mich bereits früh versperrt, weil es der Weg meiner Familie war. Das ist kein Grund sich über andere Menschen zu erhöhen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Ich hatte einfach Glück, dass ich nun auf der Seite der „Guten“ stehe, die sich auf die Schulter klopfen können und sich rühmen können, nicht für tausende Tote durch Feinstaub und Unfälle verantwortlich zu sein, nicht maßgeblich den Klimawandel voranzutreiben, andere VerkehrsteilnehmerInnen zu gefährden, Kinder vom Spielen auf der Straße abzuhalten. Ich hatte Glück, weil ich durch meine Sozialisation und meinen störrischen Charakter nie darauf gebaut habe, meine Bedürfnisse durch Äußerlichkeiten erfüllt zu bekommen.

Und Ihr, liebe SUV-FahrerInnen, habt Pech gehabt. Ihr habt irgendwie gelernt, dass es ein Weg ist, seine Bedürfnisse nach Anerkennung, Größe, Kraft, Freiheit durch den Kauf eines SUV zu erfüllen. Ihr habt deshalb Pech, weil Ihr auf diesen SUV und andere Güter angewiesen seid und damit in der Unfreiheit leben müsst, die damit verbunden ist, z.B. dass Geld dafür zu verdienen. Mit der Angst, der mit dem Besitz einhergeht, dass er verloren geht. Und Ihr müsst mit dem schlechten Gewissen leben, Eure Bedürfnisse auf Kosten anderer zu erfüllen, einen erheblichen Beitrag zur Unsicherheit anderer Menschen zu leisten, zu Krankheiten und Tod anderer beizutragen. Und das, obwohl Ihr eigentlich nur glücklich sein wollt und dieses sicher nicht auf Kosten anderer Menschen. Ich weiß. das klingt nicht ernst gemeint, vielleicht auch, weil ich mich erst an diesen Gedanken gewöhnen muss, aber ich habe Mitgefühl für die Zerrissenheit, die in Euch herrscht, für das Leid, dass Ihr erlebt, weil irgendwo ganz tief in Euch drin, ein guter Kern sitzt, der leidet. Ich schaue nicht auf Euch herab, habe kein Mitleid, denn wer weiß, wenn ich anstelle von Euch in eurer Familie geboren wäre und Ihr in meiner, dann säße ich nun im SUV und Ihr auf dem Fahrrad.

Dennoch denke ich, dass es gut wäre, wenn Ihr Euer Handeln ändert, damit das Leid in der Welt weniger wird. Und ich weiß, dass das viel verlangt ist, von Euch etwas zu verlangen, was mir in den Schoß gefallen ist. Aber auch wenn ich von Außen Eure Sozialisation, Eure Umgebung mildernd werte und Euch nicht zu „schlechten“ Menschen erkläre, darf dieses Argument nicht für Euch selbst gelten. Niemand darf sich auf seiner Kindheit, seiner Sozialisation ausruhen, sondern jeder hat m- E. die Verpflichtung, an sich zu arbeiten, damit diese Welt eine bessere wird. Aber es bleibt dabei: Ich habe Mitgefühl mit Eurem Pech und Eurem Leid, obwohl Ihr nach meiner Meinung unverantwortlich handelt. Und wenn ich nächstes Mal durch die Stadt radele und auf einen von Euch treffe, werde ich hoffentlich weniger wütend werden.

17:30 23.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jay

Gesundheitswissenschaftler, Sozialromantiker
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