Wir sagen leise „servus“

Weltuntergang Die NASA hat schon vor Jahren den Untergang der Menschheit für unausweichlich erklärt. Ich habe es gestern erst gehört.
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Mir wurde letztens ein Artikel zugemailt, er ist schon älter, aber ich kannte ihn noch nicht und er hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Die NASA hat laut N24 eine Studie veröffentlicht, die bei allen Szenarien, die durchgespielt wurden zu dem Ergebnis kam, dass die Menschheit untergehen wird (http://www.n24.de/n24/Nachrichten/n24-netzreporter/d/4455836/die-menschheit-ist-am-ende.html). Im Gegensatz zum Untergang früherer Zivilisationen hat dies meines Erachtens aber gewaltigere Auswirkungen. Denn diese Zivilisation ist global und mit Ihr die fünf in der Studie benannten maßgeblichen Faktoren für den Untergang: Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Wasserversorgung, Landwirtschaftsentwicklung und Energieverbrauch. Nicht benannt ein enormer Faktor: Die globale Umweltzerstörung und damit die Zerstörung der Ökosysteme. Mit uns geht auch die Tier und Pflanzenwelt unter. Wir leisten gerade ganze Arbeit. „Der Grund für diese aussichtslose Lage“ liege „ nicht im Verhalten bestimmter Personengruppen sondern in der Natur unserer Gesellschaft“. Damit kann nur die westliche Gesellschaftsform gemeint sein, die sich allerdings global ausgebreitet hat.

Viele werden angesichts der NASA Studie oder meines Artikels den Kopf schütteln und Weltuntergangswahn oder Lust am Pessimismus diagnostizieren. Die Technik wird es schon richten, auch wenn die NASA Studie zum gegenteiligen Ergebnis kommt. Aber im Grunde passiert schon alles vor unseren Augen. Hunderte von Tier- und Pflanzenarten sterben jährlich aus, ein Temperaturanstieg von mehreren Grad scheint fast unausweichlich, Wasser wird immer knapper, die Bevölkerung wächst, der Energieverbrauch steigt, die Landwirtschaft wird auch durch genmanipulierte Pflanzen immer extensiver, um auch einen weltweit steigenden Fleischbedarf pro sich vermehrende Köpfe zu decken. Der Flugverkehr nimmt immer mehr zu und verändert das Klima unter anderem durch verbranntes Kerosin, dass in großen Höhen ausgebracht wird. Das alles passiert jetzt. Und wir wissen alle, dass das Folgen haben muss, aber wir haben uns angewöhnt, die Folgen auszublenden, weil sie von jedem von uns Verhaltensänderungen fordern würden.


Lassen Sie uns die Wahrheit nur einmal ungeschminkt anschauen:

Wir zerstören gerade die Welt, die wir bisher kannten.

Wir sind vermutlich eine der letzten Generationen, die in einer Welt voller Wunder der Tier- und Pflanzenwelt leben darf, eine der letzten Generationen, die nicht das massenhafte Sterben von Menschen, Tieren und Pflanzen miterleben muss.

Nehmen sie sich einen Moment Zeit und vergegenwärtigen Sie sich das. Für mich fühlt sich das an, wie die Diagnose, dass ich noch ein halbes Jahr zu leben habe. Auf einmal fängt alles an wertvoll zu werden. All die Dinge, die sonst so selbstverständlich sind, wie das Zwitschern der Vögel, die Sonne, die in mein Gesicht scheint, der Regen der meine Haare nass macht, die Menschen, die mir auf der Straße begegnen. All dies bekommt angesichts des Endes eine besondere Bedeutung. Jetzt, wo ich weiß, dass alles selbstverständliche, dass wir Natur nennen, verschwinden wird, dass ein Großteil der Menschen, wenn nicht alle, verschwinden werden, freue ich mich umso mehr über jeden Vogel, den ich sehe, jeden Menschen, den ich treffe, jede Blume. Und ich verabschiede mich leise und bitte um Verzeihung.

Und ich bin traurig, dass wir es versäumt haben, verantwortungsvoll zu leben. Ich verstehe auch noch nicht ganz, wie uns das passieren konnte. Die Folgen unseres Handelns konnten uns schon lange klar sein. Kein Mensch kann wirklich geglaubt haben, dass das folgenlos bleiben kann, wenn wir Plastikmüll über die ganze Welt verteilen, Giftmüll vergraben, radioaktives Wasser in die Meere leiten oder in der Welt herumfliegen. Aber die Folgen unseres Handelns sind nicht so offensichtlich gewesen und uns nicht so nah gekommen, dass wir innegehalten hätten. Es wäre deutlicher gewesen, wenn wir gewusst hätten, dass durch jeden Flug, den wir absolvieren, ein Kind aus unserer Nachbarschaft oder evtl. gar unser eigenes gestorben wäre. Da hätten wir einen klaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhang und es wäre uns schwer gefallen nach La Gomera zu fliegen. Leider gab es diese klaren Zusammenhänge nicht und wir konnten uns immer darauf ausruhen, dass es schon so schlimm nicht sein würde. Aber mal ganz ehrlich, wie konnten wir nur handeln, ohne die Konsequenzen zu kennen, ohne diese klar vor Augen zu haben?


Ich habe einen Traum:

Ich stehe auf einem Hochhaus. Am Rand steht eine geschlossene Holzkiste. Ein Mann bittet mich, die Kiste über den Rand zu schieben, damit sie viele Meter runterfällt. Ich frage ihn, was drin sei und er meint, das wisse er nicht. Ich bekäme eine Flugreise nach Australien, wenn ich sie hinunterstoße. Ich habe Angst. Ich frage mich, ob in der Kiste vielleicht ein Kind ist oder ein Tier. So antworte ich dem Mann – er solle mir versichern, dass niemand zu Schaden kommt, nein, ich möchte zuerst in die Kiste schauen und sicher wissen, dass auch unten niemand die Kiste auf den Kopf bekommen kann. Ich müsse die Folgen meines Handelns kennen, sonst hätte ich zu große Angst jemanden zu schaden. Ich wache auf, schweißnass.

Okay, die Welt ist nicht mehr zu retten. Aber der Untergang kann hinausgezögert werden. Ich weiß oft nicht, welche Folgen meine Handlungen haben, aber ich weiß genau, dass alternative Handlungen geringere Folgen haben. Zug- oder Busfahren ist besser als Fliegen, Radfahren besser als Autofahren, Licht aus machen besser als Licht anlassen, Stofftüte mitnehmen besser als Plastiktüte kaufen, Handy solange benutzen wie es geht besser als ständig neu kaufen etc. Und ich kann immer mehr Handlungen wählen, bei denen ich die Folgen einschätzen kann und Handlungen weglassen, deren Folgen ich nicht kenne. Ich kann regional biologisch einkaufen, kann Produkte kaufen, die zumindest zertifiziert sind und bei denen mir glaubhaft versichert wird, wir sie hergestellt wurden. Ja, es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber das darf keine billige Ausrede sein, die Verantwortung abzugeben.

Mehr denn je spüre ich, dass wir alle in einem Boot sitzen, dass untergeht. Und mehr denn je, fühle ich mich deshalb mit allen verbunden. Ich fange an, alle Wesen zu lieben. Ich trage Verantwortung für mein Handeln, dass Folgen für mich und vor allem für andere hat. Und ich arbeite jeden Tag daran, die Folgen meines Handels abschätzen zu lernen und entsprechend zu handeln. Und Du?

10:49 21.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jay

Gesundheitswissenschaftler, Sozialromantiker
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