Zum sogenannten „Netzwerk Homöopathie“

Homöopathie Ein so sogenanntes „Netzwerk Homöopathie“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, auf die Gefahren der Homöopathie hinzuweisen. Eine Bewertung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am 2. Februar hat eine Gruppe von ÄrztInnen, ApothekerInnen, WissenschaftlerInnen und Bloggern (sic!) eine Pressemitteilung veröffentlicht, die sogleich von der FAZ veröffentlicht wurde (die Mitteilung kann hier gefunden werden, eine Verlinkung zur FAZ war mir nicht möglich: http://homoeopathie-neu-gedacht.blogspot.de/2016/02/ergebnisse-des-treffens-der.html).

In der Meldung geht es um die Gründung eines sogenannten „Netzwerks Homöopathie“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, auf die Gefahren der Homöopathie hinzuweisen. Die Kernaussagen in der Pressemitteilung sind: 1. Homöopathie soll künftig Pseudomedizin genannt werden, damit Menschen nicht in die Irre geleitet würden und glaubten, dass diese eine Alternative sei, 2. Homöopathie beruhe auf Irrtümern und Täuschungen und „die vielen inneren Widersprüche der 200 Jahre alten dogmatischen Heilslehre sollen offengelegt werden“, 3. Das Ziel sei es , die therapeutische Unwirksamkeit homöopathischer Präparate ins allgemeine Bewusstsein zu bringen, 4. Als Fernziele sehen die Netzwerk-Aktivisten die Aufhebung des sogenannten Binnenkonsenses für die „Besonderen Therapierichtungen“ und die Abschaffung der Apothekenpflicht für homöopathische Mittel vor. Die Leitung des Netzwerks übernimmt Natalie Grams, die früher Homöopathie betrieb und sich nun als Gegnerin der Homöopathie besonders zu eignen scheint.

Die Wirksamkeit homöopathischer Mittel ist unklar

Ob homöopathische Mittel wirken oder nicht, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden. Die Studienlage ist unübersichtlich, die Qualität der Studien wird mal von der einen, mal der anderen Seite nicht anerkannt. Ein ewig währender Streit. Relativ unbestritten ist, dass die homöopathische Behandlung Erfolge erzielt, selbst wenn den homöopathischen Mitteln keine Wirksamkeit zugesprochen wird (www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Ist-das-bei-Chirurgen-so-anders/story/17098489). Den Patienten dürfte es egal sein, ob das Setting wirkt, das Medikament oder eine Kombination aus beidem – Hauptsache es wirkt. Das sehen die Kritiker anders. Sie verweisen darauf, dass die homöopathischen Mittel nicht wirkten und die Umgebungsfaktoren nicht spezifisch zur Homöopathie zu zählen seien und daher außer acht gelassen werden müssten. Daher müsse man die Homöopathie ablehnen.

Bei dem Streit um die Homöopathie geht es offensichtlich neben möglichen finanziellen Interessen der Ärzteschaft, der Pharmaindustrie. der Apotheker um die Anwendung der Regeln der Evidenz-basierten Medizin bzw. über das Verständnis von Evidenz-basierter Medizin.


Evidenz-basierte Medizin

Auf der Internetseite www.ebm.netzwerk.de findet sich eine Definition von Evidenz-basierter Medizin: „Unter Evidenz-basierter Medizin ("evidence based medicine") oder evidenzbasierter Praxis ("evidence based practice") im engeren Sinne versteht man eine Vorgehensweise des medizinischen Handelns, individuelle Patienten auf der Basis der besten zur Verfügung stehenden Daten zu versorgen. Diese Technik umfasst die systematische Suche nach der relevanten Evidenz in der medizinischen Literatur für ein konkretes klinisches Problem, die kritische Beurteilung der Validität der Evidenz nach klinisch epidemiologischen Gesichtspunkten; die Bewertung der Größe des beobachteten Effekts sowie die Anwendung dieser Evidenz auf den konkreten Patienten mit Hilfe der klinischen Erfahrung und der Vorstellungen der Patienten.“

Nach der Defnition des EBM Netzwerkes ist es ziemlich egal, ob die Globuli wirken oder nicht. Einzig und allein entscheidend ist die relevante Evidenz für ein konkretes klinisches Problem. Wenn also nachgewiesen werden konnte, dass PatientInnen mit einem bestimmten Rheuma durch homöopathische Behandlungen geholfen werden konnte, ist es sehr gut mit den Zielen evidenzbasierter Medizin vereinbar, eine homöopathische Behandlung bei dieser Art Rheuma zu empfehlen oder durchzuführen, ganz unabhängig davon, ob sich in der Studie herausgestellt hat, dass die PatientInnen, die Placebos erhielten genauso gute Resultate erzielten, wie diejenigen, die homöopathische Arzneien erhielten.(http://rheumatology.oxfordjournals.org/content/early/2010/11/08/rheumatology.keq234.abstract).

Übertragung verengten ärztlichen Denkens auf die Homöopathie

Warum stoßen sich die Homöopathiekritiker so sehr an der zweifelhaften Wirksamkeit der homöopathischen Arzneien? Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Fokussierung auf die Wirksamkeit der Globuli als Übertragung der ärztlichen Realität auf die Homöopathie. Die ärztliche Realität ist es, dass Evidenzen vorwiegend bei Arzneimittelstudien festgestellt werden. In diesen Studien müssen Arzneimittel unter anderem ihre Wirksamkeit gegenüber Placebos beweisen. Quasi unter Laborbedingungen wird im Optimalfall in doppel-verblindeten Studien die Wirkung eines Medikamentes nachgewiesen. Diese Evidenz fordern die Homöopathie-kritischen Ärzte auch von den homöopathischen Arzneien. Klar, was für das eine recht ist, sollte für das andere billig sein. Könnte man meinen. Aber ist das eigentlich für die Evidenz-basierte Medizin relevant? Wir erinnern uns, relevant ist die Evidenz für ein konkretes klinisches Problem. Das klinische Problem ist ein Patient, eine Patientin mit einem Gesundheitsproblem in der Praxis. Für diesen Patienten gilt es eine Lösung zu finden, die sich bereits bewährt hat. Im Falle eines Rheumapatienten verfügen wir über die Erkenntnis, dass sich die homöopathische Behandlung zusätzlich zu einer konventionellen Therapie bewährt hat (zumindest in dieser Studie). Es handelt sich dabei um eine Versorgungsstudie, bei der Patientinnen und Patienten in der Praxis von HomöopathInnen behandelt wurden. Das bildet ziemlich die Situation ab, für die ein Arzt eine Lösung finden muss. Ein Patient ist in der Praxis und muss behandelt werden. Damit haben wir für die homöopathische Behandlung eine gute positive Evidenz – egal ob der Homöopath später Placebo gibt oder eine homöopathisches Arzneimittel.


Evidenz der Schulmedizin in der Praxis oft unklar

Für die meisten Medikamente haben wir allein die Evidenz der Arzneimittelstudien (über die Verlässlichkeit der Studien lohnt ein eigener Artikel, da sie intensiv interessensgeleitet sind), da Versorgungsstudien nur selten durchgeführt werden. Bei sehr vielen Arzneimitteln wissen wir daher nicht, ob und wie sie sich in der Praxis bewähren. Das Problem ist, dass PatientInnen oft nicht nur eine Arznei nehmen, dass sie unterschiedliche weitere Erkrankungen haben können, dass sie die Arzneimittel vielleicht nicht ordentlich einnehmen etc. Wir haben letztlich für die meisten Therapien keine ausreichende Evidenz für die Praxis, aber sehr wohl eine Evidenz aus klinischen Studien. Für die Patenten ist wichtig, was bei Ihnen an Wirkungen ankommt, nicht was klinische Studien ergeben haben. Da ist die Evidenz der Schulmedizin oft schwach auf der Brust.

Nun haben wir die paradoxe Situation, dass Ärztinnen und Ärzte die Homöopathie kritisieren, die ihre Wirkung scheinbar nur in der Praxis entfaltet, während die eigene Therapie ihre Wirkung vor allem im Labor entfaltet, bzw. in der Praxis wird ihre Wirkung kaum überprüft. Dass zwischen Labor und Praxis ein erheblicher Unterschied liegen kann, verdeutlicht geradezu die Homöopathie. Die Wirkung im Labor ist zweifelhaft, die Wirkung in der Praxis zeigt sich immer wieder. Bei der Schulmedizin ist die Wirkung im Labor klinisch erwiesen und die Wirkung in der Praxis aber oft ungeprüft und daher zweifelhaft. Als Patient würde ich mir wünschen, dass eine Therapie ihre Evidenz in der Praxis gezeigt hat, egal ob durch Placebo oder anderswie.


Setting und Globuli lassen sich nicht trennen

Die Gewohnheit der eigenen Methode wird also auf die Homöopathie übertragen. Das ist ein Grund für die Fokussierung auf das Arzneimittel. Weiterhin liegt dem der Glaube zu Grunde, die homöopathische Behandlung sei in zwei Einheiten zu trennen. 1. Die Anamnese und der Umgang mit den PatientInnen und 2. die Wirkung des Arzneimittels. Wenn die Wirkung des Arzneimittels fehle, dann bleibe nur die Anamnese und der Umgang mit dem Patienten als wirksam übrig. Davon könne man versuchen die wirksamsten Teile in die herkömmliche Therapie zu überführen. Damit hätte man in Zukunft eine wirksames Medikament und die wirksame Behandlungsweise kombiniert und so die gute Medizin geschaffen. Klingt super, aber ist ein Fehlschluss. Die Anamnese und der ganze Umgang mit den Patienten dient in der homöopathischen Behandlung dem Verständnis des Patienten hinsichtlich des Auffindens des passenden Homöopathikums. Die Fragen, die gestellt werden und an welcher Stelle nachgefragt wird, dient dem Finden der Arznei. Am Ende der Sitzung wählt der Homöopath auf Grund der Informationen des Patienten das Mittel, in dem er die Symptome und Zeichen des Patienten auf verschiedenen Ebenen unter Wahrung des Ähnlichkeitsprinzips in Übereinstimmung mit einem homöopathischen Mittel bringt. Dieser Prozess erweist sich offensichtlich als wirksam und heilsam für den Patienten. Ihm liegt ein tiefes Verständnis des Patienten auf verschiedenen Ebenen – als ganzer Mensch – zu Grunde. Da es so viele homöopathische Arzneien gibt, erfordert es vom Behandler eine starke Differenzierung der Symptome und damit eine große Individualisierung. Die homöopathischen Arzneimittel sind somit Individualisierungsanforderung und -motivation zugleich. Die Motivation ist von erheblicher Bedeutung für den Prozess, denn der Glaube, nur mit dem Finden des richtigen Arzneimittels für den Patienten könne diesem gedient werden, spornt den Homöopathen an, den Patienten zu verstehen. Das homöopathische Mittel ist somit nicht von der homöopathischen Behandlung zu trennen, sondern sehr wichtiger Bestandteil. Umgekehrt ist es kaum denkbar, diese Technik der homöopathischen Anamnese auf die Schulmedizin zu übertragen. Um ein Medikament zu geben, reichen dem Arzt oft wenige Informationen oder Laborwerte. Es findet keine Individualisierung statt, sondern es wird sich an Leitlinien orientiert oder symptomorientiert medikamentiert. Selbst, wenn sich die Ärzte bei Schulmedizin mehr Zeit nähmen, ist noch lange nicht gesagt, ob ein Plausch über Wetter und Familie diesen Prozess des Verstehen-wollens ersetzen kann.

Was wäre der Gewinn der Kritiker?

Die Kritiker wollen im Grunde das Vertrauen der PatientInnen in die homöopathische Therapie erschüttern. Das ist schon ein Generalangriff auf einen der wichtigsten Aspekte der ärztlichen Tätigkeit – auf das Vertrauen. Immer, wenn Korruption, Ärztefehler oder anderes in die Öffentlichkeit geraten, dann wird dies von der Ärzteschaft weit zurückgewiesen, nicht ohne auf den Schaden für die Arzt-Patienten Beziehung hinzuweisen, denn auch in der normalen Praxis wirken Placebokräfte und die Compliance oder Kohärenz (Zusammenarbeit mit dem Patieten) wird durch Vertrauensverlust nachhaltig beschädigt. Gegenüber der Homöopathie und den hömöopathischen ÄrzteInnen ist dieser Schaden geradezu erwünscht.

Was würde aber letztlich geschehen, wenn diese Kritiker Erfolg hätten? Der eine Erfolg wäre, dass bisherige evidente Therapiemöglichkeiten durch homöopathische Behandlungen wegfielen, ohne dass diese von der Schulmedizin ersetzt werden könnten. Es wäre einzig und allein ein Verlust an Therapiemöglichkeiten für die PatientInnen. Der zweite Erfolg wäre der Erfolg dieses Netzwerkes, die sich auf ihre Schultern klopfen können, ihrem engen Verständnis von Evidenz Rechnung getragen zu haben. Wenn der zu erwartende Nutzen für die PatientInnen und Patienten so gering ist, liegt die Frage nach der Motivation der Homöopatiekritiker nahe, vor allem angesichts gravierender Probleme im Medizinsytem, deren Beseitigung großen Nutzen für die PatientInnen bringen könnte.

Der blinde Fleck der Kritiker

Denn während diesen KritikerInnen die mangelnde Evidenz der homöopathischen Arzneimittel offensichtlich ernsthafte Kopfschmerzen verursachen, leben sie ganz gut damit, dass dies gleichzeitig für einen großen Teil der Arzneimittel, Behandlungsverfahren und Wirkstoffe ihrer Medizin ebenfalls gilt. Die Schätzungen über den Anteil an evidenzbasierter Medizin in der Schulmedizin liegen zwischen 4 und 20 Prozent, Studien kommen je nach Design zu 11 bis 80 Prozent (http://bit.ly/2451LNv) Für fast alle Medizinprodukte und Behandlungsmethoden in Krankenhäusern gilt, dass bislang lediglich eine Unschädlichkeit nachgewiesen werden musste. Hinzu kommt ja die bislang meist mangelnde Evidenz in der Versorgung. Auch interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Ärztinnen ihren eigenen Therapien teilweise selbst nicht sehr vertrauen. So besagen Zahlen der Bertelsmann Stiftung, dass Ärztinnen viel seltener ihre Gebärmutter entfernt wird, als dem Durchschnitt. Ebenfalls weniger scheint sie zu interessieren, dass bis 40 000 Menschen jährlich an Keimen sterben, die sie sich in Krankenhäusern zuziehen, dass 60 Prozent der Krankhauseinweisungen bei alten Menschen auf Fehlmedikationen zurückzuführen sind, dass vermutlich tausende Operationen an Krankenhäusern nur stattfinden, weil die Kassen der Häuser stimmen müssen, dass hunderte Millionen Euro für ein Mammographiescreening ausgegeben werden, ohne dass dies einen angemessenen Nutzen nachweisen kann und vieles mehr.


Fazit

Mir als langjährigem Beobachter des Gesundheitssystems stellt sich angesichts der riesigen Probleme, die es im Gesundheitssystem gibt, die Frage danch, warum diese engagierten Mediziner sich des Splitters im Auge der alternativen Medizin widmen, statt des Balkens im eigenen Auge. Man stelle sich umgekehrt einmal vor, eine Gruppe von Homöopathen würde sich den Problemen in der Schulmedizin widmen und diese skandalisieren. Sofort käme der Aufschrei, man solle sich erst einmal den eigenen Evidenzproblemen widmen und um die eigenen Probleme kümmere man sich schon selbst. Nein, diese engagierten Menschen kämpfen für das Verschwinden einer Therapie, die immer wieder ihren Nutzen beweist und deren Schadensbilanz zumindest unbekannt ist. Sie erweisen der Gesellschaft damit vermutlich nur einen Bärendienst. Schade um die verschenkte Energie.

16:21 15.02.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jay

Gesundheitswissenschaftler, Sozialromantiker
Schreiber 0 Leser 3
Avatar

Kommentare 164

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar