Kleine Studie aus der Vorhölle

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Eine geschichte aus den endsechziger jahren

frau s., die ihre runden um die zwei wohnblöcke in der enklave drehte, mittäglich, genesungsrunden, nachdem man ihr das geschwür herausoperiert hatte, dieses krebsgeschwür, und nun also die überlebende, im mütteralter, blasse haut, keine haut, wie sie die mütter in der enklave aufwiesen, obwohl die meisten inzwischen volltags arbeiteten – Frau s. schleppte sich runde um runde, gegen den uhrzeigersinn, gegen die vorahnung, die schon die runde gemacht: daß das alles nichts nützen würde, und es war, als trüge sie diese botschaft mit, im trüben mittagslicht, oder verkörperte sie gar, worauf der zeitgenosse, der mittags von der schule nachhause kam, kaum eingestellt war –

Wie verhielt man sich zu einer person, von der bekannt war, daß sie demnächst im nichts verschwinden würde, ins nichts entschwinden, obgleich sie hier als wiedergängerin unterwegs, behäbig zwar, aber doch auf eigenen füßen, und inwiefern mochte sie an ihr überleben glauben, davon überzeugt sein … Was war angezeigt? Ein lächeln, kopfnicken oder eine miene, die mitgefühl signalisierte? Wie oft sie dem zeitgenossen entgegengekommen ist, wenn er von der straße her auf die umlaufbahn eingebogen war, diesen vor den blöcken asphaltierten, hinter ihnen indes nur geschotterten weg – er vermochte sich später nicht mehr zu erinnern, ob sie gegrüßt, gelächelt oder ihm nur zugenickt hat, ob sie ab und an auf gleicher höhe stehen geblieben, ob sie je ein paar worte gewechselt haben …

Nur immer, daß er sich konfrontiert sah, weil sie entgegen dem uhrzeigersinn und zur stunde seiner heimkehr ihre runden absolvierte, hier, statt im hof der haftanstalt nebenan, wo ihr gatte beschäftigt; hier in der vorhölle, die als paradies erachtet wurde, apfelparadies, die obstbäume noch aus einer zeit, über die zu schweigen wohl das beste, das schweigen, eine petschaft, mit der räume versiegelt werden, die unsichtbar, und das auch angesichts der frau, die ihre runden drehte, angeraten war …

17:22 13.10.2009
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Geschrieben von

jayne

beobachterin des (medien-) alltags
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jayne

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