Rassisten besuchen im Zeichen des "Friedens"

Israel/Palästina BILD-Zeitung schizophren: Journalisten und Politiker besuchen Rechtsnationalisten Avigdor Liebermann für die Kampagne "Nie wieder Judenhass".
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"Es war eine Reise für Frieden, Freude und Verständigung!" Mit diesen Worten inklusive Ausrufezeichen beginnt ein Artikel in der heutigen online-Ausgabe der BILD-Zeitung.

Drei Journalisten des Blattes haben sechs deutsche Politiker von CDU, SPD und FDP auf einer Reise nach Israel begleitet. Die selbsternannte Mission der Reise: "Stimme erheben und Gesicht zeigen gegen den weltweit aufkeimenden Judenhass." Das ist ein hehres Ziel. Hass auf Menschen, nur weil sie einer bestimmten Religionsgruppe angehören, ist abscheulich. Hass auf Menschen, nur weil sie einer bestimmten Volksgruppe angehören, ist allerdings genauso verwerflich. Gemeinhin nennt man das Rassismus. Die drei Journalisten Karin Mössbauer, Hans-Jörg Vehlewald und Fabian Matzerath, die den Beitrag als Gemeinschaftswerk veröffentlicht haben, scheinen allerdings für Zusammenhänge wenig Gespür zu haben. Der vierte Satz ihres Ergusses: „Höhepunkt der Reise: ein Treffen mit Außenminister Avigdor Lieberman (56) in dessen Jerusalemer Büro.“ Herr Lieberman, der Gründer seiner eigenen Partei Yisrael Beytenu („Unser Zuhause Israel“), ist seit November 2013 zum zweiten Mal Israelischer Außenminister. Da er selten ein Blatt vor den Mund nimmt, ist sein Name nicht nur in Israel bekannt. Die Tagesschau zitierte 2006 in einem Portrait des "extrem araberfeindlichen" Politikers ehemalige Kommilitonen mit den Worten, Lieberman sei nachts immer auf "Araber-Jagd" gegangen, mit Fahrradkette und Stacheldraht habe er dann Palästinenser "vermöbelt". Im selben Beitrag unterstreicht die Tagesschau die rassistische Einstellung des Politikers und zitiert ihn folgendermaßen: "Wenn man den Palästinensern schon einen Staat gibt, dann sollte man ihnen auch die arabische Bevölkerung Israels geben, die hier lebt und umgekehrt. Die jüdischen Bevölkerungszentren in der Westbank würde ich annektieren, das heißt hier findet ein Bevölkerungs- und Gebietsaustausch statt." Nur am Rande bemerkt: Nicht den Palästinensern wurde ein Staat „gegeben“, Menschen jüdischen Glaubens, Überlebende der Shoa bekamen von der UNO auf Palästinensischem Gebiet Land zugeteilt. Die Palästinenser mussten Teile ihres Landes abtreten. Aber das sind für Herrn Lieberman unwichtige Details. Schlimmer an seinem Satz ist, dass er ganz offen von Deportation spricht. Deportation arabischer Menschen. Das Wort „Deportation“ dürfte in Deutschland genauso unangenehme Erinnerungen wecken wie in Israel.
Chris Hedges, ein ehemaliger Korrespondent im Nahen Osten, nannte Lieberman in einem Artikel für truthdig „Israels Chefrassisten“. 2004 habe Lieberman gesagt, dass 90 Prozent der Israelischen Araber ihr Zeug packen und abhauen sollen. Dies sei besonders irritierend, so Hedges, da Lieberman selber ein russischer Einwanderer sei und erst seit 1978 in Israel wohne.
Zur „nationalen Schande für Israel“ erklärte die britische Zeitung The Guardian Lieberman ebenfalls 2009. Das Blatt veröffentlichte eine Liste mit Liebermans Taten und Worten, die den Politiker eigentlich von jeglichem öffentlichen Amt disqualifizieren sollte. Darunter findet sich auch sein Ausspruch, Israel müsse mit den Palästinensern verfahren wie die USA mit Japan am Ende des II. Weltkrieges. „Damals [nach dem Abwurf von zwei Atombomben, Anm. d. Autors] war die Besetzung des Landes nicht mehr nötig.“
In einem Beitrag vom 22. Juli 2014 schrieb die Israelische Tageszeitung Haaretz, die rassistische Hetze des Politikers müsse verurteilt werden. Er hatte offen zum Boykott von Geschäften Israelischer Araber aufgerufen, die gegen die Bombardierung des Gazastreifens protestierten.

Liebermans faschistische Äußerungen sind relativ gut dokumentiert. Das, worauf hier verwiesen wurde, ist nur die Spitze des Eisberges.

Dass die BILD-Zeitung sehr Israel-freundlich eingestellt ist, ist kein Geheimnis. Die Axel-Springer AG, zu der auch die BILD gehört, nennt Israel sogar ausdrücklich in seiner Unternehmensverfassung. Dieser Fünf-Punkte-Plan, welcher als Grundlage der publizistischen Ausrichtung dient, nennt als Punkt zwei: „Das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen, hierzu gehört auch die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.“ Das ist natürlich sehr lobenswert. Daher kommt vielleicht auch die derzeit laufende Kampagne der BILD-Zeitung "gegen Judenhass". Der Schuss ging letztes Wochenende allerdings nach hinten los. BILD-am-Sonntag-Vize Nicolaus Fest hatte in einem Kommentar verkündet, dass ihn "der Islam stört". Und dann alle Klischees ausgekotzt, die man normalerweise von Leuten in Bomberjacken und Springerstiefeln erwartet (siehe dazu auch hier). Darauf sah sich Kai Diekmann, Chefredakteur der BILD-Zeitung genötigt, seinerseits einen Kommentar zu schreiben. Darin betont er: "Bei BILD und Axel Springer ist deshalb kein Raum für pauschalisierende, herabwürdigende Äußerungen gegenüber dem Islam und den Menschen, die an Allah glauben."
Und dann hat er seine drei hellsten Köpfe auf eine kleine Reise nach Israel geschickt.

08:55 31.07.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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