Coffee to Go – Jetzt auch zum Mitnehmen

Die Sprache verrät sie Der Rat der Stadt Münster hat beschlossen, ein Parkhaus zu einem „Mobility Hub“ umzuwidmen. Die Reaktion von Bekannten, denen ich davon erzählte, war immer wieder: „Wie bitte, zu WAS umwidmen?“ Ein erneuter Anlass für folgende Polemik:

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Manche Leute hoffen, Ingenium und Niveau auszustrahlen, wenn sie austauschbare Wörter lateinischer oder griechischer Provenienz absondern. Besonders ältere Akademiker sedieren immer noch gern Diskurse durch den Verweis auf den normativen Referenzrahmen ihres Narrativs.

Bei jüngeren Geistesverwandten dieses Typs prevails dagegen die habit, ihr wording durch möglichst viele Wörter in American English nicer zu gestalten. Da wird in jeder location supported, getriggered, gefeatured, performed, gefeadbacked, gesmashed, geswitched, gecanceled und gecrashed, dass es eine Lust ist. Es erhöht natürlich die coolness bedeutend, wenn auch der/die Andere während des talks gelegentlich ein bewunderndes Wau, pardon Wow, ausrufen kann - besonders wenn es genau die gleichen Wörter auf Deutsch gibt. Man muss schon sehr im eigenen Saft schmoren, um nicht zu bemerken, wie peinlich und lächerlich die Show ist.

Ist es, nüchtern betrachtet, nicht völlig verrückt, dass Menschen mit der gleichen Muttersprache sich untereinander ernsthaft in einer anderen unterhalten?

Wozu also das alles? In den eigenen Kreisen einen besseren Eindruck machen, dazu gehören wollen? Die Leere der eigenen Gedanken hinter Fremdwörtern verbergen? Nachäffen der bewunderten amerikanischen Sprache oder Bewunderung der USA selbst? All diese Aspekte mögen eine Rolle spielen, entschuldigen aber nichts. Bei genauerer Beobachtung steckt oft mehr dahinter.

Man darf wohl davon ausgehen, dass mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland kein oder kein gutes Englisch spricht, von Latein und Griechisch ganz zu schweigen. Wer so redet, grenzt sich von vielen Menschen ab – und das ist auch beabsichtigt. Zugegeben, manchmal geschieht es auch unbewusst. Man erscheint auf jeden Fall cooler, wichtiger, klüger – mit anderen Worten: höher stehend – als die, die nicht alles verstehen. Wichtigtuerei ist oft mit Händen zu greifen.

Für Menschen und Organisationen, die andere mit politischen Botschaften erreichen wollen, wäre es aber nützlich darüber nachzudenken, wen sie mit ihrer Redeweise erreichen und wen sie ausschließen. Besonders dann, wenn sie vorgeben, die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertreten zu wollen und gerade die der Abgehängten und Benachteiligten. Die Koalition mit fortschrittlichem Anspruch aus Grünen, SPD und Volt in Münsters Stadtrat schien jedenfalls zu meinen, es sei ein Ausweis ihrer "Fortschrittlichkeit", mit Bürgern im Stil von "Mobility Hub" zu reden.

Schlimmer als die Tatsache, dass die Leute einen nicht verstehen, ist der Eindruck, dass sie von oben herab behandelt werden. Wer es nötig hat sich aufzublasen und als gespreizter Pfau daherkommt, schafft Distanz. Vertrauen jedoch braucht Nähe, und Distanz ist eine Voraussetzung für das Beherrschen von Menschen.

Menschen sollten ihre eigene Sprache sprechen und wenn nötig zurückerobern – aber eine Sprache der Freiheit, die jede/r versteht, nicht die Herrschaftssprache der Bürokraten, eine Sprache, die konkret ist und kreativ, die ohne Worthülsen auskommt, ohne Abkürzungen von Spezialisten und ohne beschönigende und verlogene Begriffe wie „Arbeitnehmerfreisetzung“, „Entsorgungspark“ und „Populismus“.

Fremde Sprachen zu sprechen ist wunderbar. Sie erlauben uns, in andere Kulturen einzutauchen, und mit Fremden ihre Sprache sprechen zu können baut Brücken. Dies aber arroganter- oder dummerweise mit den eigenen Leuten zu tun schaufelt Gräben. Also noch mal die Frage: Wozu das alles? Mit den eigenen Leuten haben wir eine Sprache zu sprechen, die ihre Würde respektiert und die sie verstehen. Mit miefiger Deutschtümelei hat das nichts zu tun.

Und schließlich: Die Art wie wir sprechen verändert und offenbart unser Denken und davon hängt unser Handeln ab. Nicht denken macht es nicht besser.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jürgen Buxbaum

Jürgen Buxbaum ist Soziologe und hat in vielen Ländern für internationale Organisationen gearbeitet. Er schreibt auch auf Querzeit.org.
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