Lässt sich reiner Pazifismus durchhalten?

Pazifismus Gewalt Es ist nicht möglich, derzeit glaubwürdig und logisch konsistent für einen puren Pazifismus einzutreten. Doch unabhängig davon: wird Pazifismus oft zu eng gefasst?
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„Es lag in dieser Bezeichnung kein Hinweis auf die Art, wie wir dieses Ziel erreichen wollen, wodurch wir uns von den anderen platonischen Freunden des Friedens unterscheiden, kein einziger Hinweis, daß wir uns nicht lieblich-naiv an einem Zustand erfreuen wollen, sondern daß wir ernstlich hart einen neuen Zustand der Dinge herbeiführen wollen.“ – Alfried Hermann Fried, 1901

„Während dem engen Pazifismus-Begriff zufolge die Anwendung von Gewalt kategorisch ausgeschlossen ist, hebt der engere auf die Negation der Anwendung kriegerischer Gewalt ab, wohingegen der weite Pazifismus-Begriff in dem Bestreben, die Institution des Krieges zu überwinden, das Charakteristikum sieht.“ – Stefan Grotefeld, 2007

Reiner, absoluter Pazifismus ist nicht durchhaltbar. Wir sind uns wohl alle darüber einig, dass Krieg und Waffengewalt grundsätzlich falsch sind. Militarismus ist abzulehnen. Daraus jedoch zu schlussfolgern, dass in jeder Situation absolut jede Form von physischer Gewaltanwendung in ihren Auswirkungen schlechter ist als jede Alternative – bspw. bei einem ethnischen Massaker untätig zu verharren – ist wohl naiv und bequem. Es folgt die uneingeschränkte Ablehnung des Bellizismus, dessen Ultima Ratio der Krieg ist. Diese Position entzieht sich jedoch der Verantwortung, sofern sie keine Alternativen aufweist. Wer aus pazifistischen Motiven nur die Augen vor Genozid, massiver Unterdrückung von Menschen und willkürlicher (oder systematischer) Gewaltanwendung verschließt, ist in erster Linie kein Pazifist, sondern ein “unpolitischer” Feigling. Oder Egoist_in.

Ein weiterer Widerspruch entsteht da, wo Mensch die Begründung für Pazifismus nachzuvollziehen versucht. Geht es um die möglichst geringe Anzahl ausgelöschter Leben? Dann ist eine Vermeidung militärischer Mittel wohl nicht immer der richtige Weg – was der Zweite Weltkrieg oder Ruanda 1994 gezeigt haben. Aber: dürfen an dieser Stelle Menschenleben gegeneinander abgewogen werden? Zumal der Ausgang einer Intervention nicht vorhersehbar ist.

Sind Pazifist_innen dann automatisch für eine bessere medizinische Versorgung, die Beseitigung wirtschaftlichen Notstands und von Hungersnot? Zumindest setzen sich die meisten Pazifist_innen nicht mit der gleichen Vehemenz dafür ein. Auch wenn sie aus unterschiedlicher Überzeugung heraus pazifistisch denken und handeln.
Ist es zudem nicht so, dass relativ gesehen die Anzahl der durch Gewaltanwendung zu Tode gekommenen Menschen kontinuierlich sinkt, wenn nicht sogar die relative Gewaltanwendung als solche? Oder ist dies als Begründung zur Ablehnung von Bellizismus oder auch Militarismus untauglich, solange es (systematische und/oder immanente) physische oder auch strukturelle Gewalt gibt?:

“Seit Jahrtausenden nimmt die Gewalt zwischen Menschen ab – nie zuvor hat es wohl eine friedlichere Ära gegeben als unsere Gegenwart. Natürlich vollzieht sich der Rückgang der Gewalt nicht gleichmäßig, ist sie noch lange nicht verschwunden. Aber es handelt sich um eine beständige, messbare Entwicklung.” (1) – Steven Pinker

Es ist jedoch auch klar, dass Gewalt keine dauerhafte, “befried(ig)ende” Lösung schafft. (Nicht nur) langfristig gesehen schafft sie eher neue Probleme, als alte zu lösen.

“Einer der wichtigsten Friedensstifter ist dabei tatsächlich der Staat mit seinem Gewaltmonopol. Wo stabile Staaten entstehen, sterben weniger Menschen; Gewalt bricht viel eher aus in Gebieten ohne staatliche Kontrolle, wo die Mafia herrscht oder sich irgendeine Miliz das Recht des Stärkeren anmaßt…” (1)

Das Problem an dieser Analyse: sie vernachlässigt die Faktoren, die zu einer Beherrschung durch Banden, Mafia, Warlords oder bspw. Terroristen oder zu teilweise anarchischen Zuständen führen respektive vernachlässigt die wirtschaftliche Not, die infrastrukturelle oder medizinische Unterversorgung oder auch religiöse oder ethnische Faktoren. Als Beispiel seien hier Somalia, Afghanistan oder auch Sizilien genannt (wobei letzteres natürlich eine weit weniger dramatische Zustandsbeschreibung erfährt). Daraus lässt sich schließen, dass fehlende staatliche Kontrolle allein keinen ausreichenden Indikator darstellt, um eine Zunahme oder hohe Präsenz von Gewalt zu rechtfertigen.

“…Auch Handel schafft Frieden. Wir verschicken Waren und Ideen über immer größere Distanzen und zwischen immer mehr Partnern – also bekommen immer mehr Menschen Bedeutung für unser Wohlergehen.” (1)

Entscheidend ist also die (Weiter-)Entwicklung und Verbreitung von und die Kommunikation über Alternativen zu Krieg und vor allem Gewalt. Wie lassen sich (Interessen-)Konflikte lösen? Wie umgeht Mensch das Ausnutzen asymmetrischer Machtbeziehungen? Lassen sich diese, betrachtet Mensch das Gewaltmonopol von Staaten, überhaupt vollständig vermeiden oder aushebeln?
An dieser Stelle gilt es, noch einen anderen, viel zu oft vernachlässigten Aspekt von Pazifismus anzuschneiden: strukturelle Gewalt. Strukturelle Gewalt als Diskriminierung gegenüber Migrant_innen, gegenüber Frauen, gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften oder gegenüber Behinderten (u.a.). Letztlich immer die Einschränkung von Partizipation an der Gesellschaft und die Schlechterstellung oder Verschlechterung von Lebensbedingungen und Zugang zu Bildung, Arbeit, Kultur und (teils) allem anderen. Derartige strukturelle Gewalt lässt sich effektiv nur mit friedlichen Mitteln bekämpfen, auch wenn Nachdruck und Konstanz in diesem Zusammenhang stets erforderlich sind.

Denkbar ist auch eine nichtstaatliche, auf freier Assoziation und auf kleinteiligste, jeweils auf miteinander verbundene Gemeinschaften begründete Form des Zusammenlebens. Die entscheidende Frage ist hierbei: lassen selbstverwaltete Menschen von Gewalt ab? Ist es möglich, im täglichen Aushandeln von Positionen und Interessen und im konstanten Dialog aller mit allen ebenjene Konflikte zu vermeiden? Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, ob ein Staat als Garant der Unversehrtheit und allgemeingültiger, universeller Freiheit seiner Bürger alternativlos für ein friedliches Zusammenleben dient. (2)

Was kein ein_e Pazifist_in tun, wenn er oder sie sich nicht wehrt?

Gegengewalt ablehnen, aber vor Gewalt nicht zurückschrecken, so wie es Gandhi damals tat? Diese Haltung erfordert Mut und lässt sich nur in Assoziation mit Freunden, Verbündeten, Gleichgesinnten durchhalten.
Oder die “freie Aktion” in Form von Besetzung von Plätzen und Häusern, Infostände, Menschenketten, Protestmärsche, Bürgerbegehren, Politik hacken/Adbusting, Demonstrationen oder entsprechende Konzerte und vieles mehr. Hinterfragt werden muss auch die Vorstellung, jegliche Hierarchie, Ungerechtigkeit und Gewalt ließe sich in der Konfrontation bekämpfen oder auflösen. Dialogbereitschaft herzustellen – möglichst für alle Seiten – und eine Ebene des hierarchielosen Diskurses zu erreichen ist eines der Ziele, welches sich ein_e Pazifist_in stellen sollte.

(1) http://www.geo.de/GEO/kultur/gesellschaft/70517.html?

Anmerkung: jegliche Zitate spiegeln lediglich die Auffassung ihrer jeweiligen Autor_innen wieder und dienen Denkanstößen. Eine Zustimmung zu dieser oder anderen Grundpositionen der jeweiligen Autor_innen ist hiermit nicht impliziert.

(2) Der Begriff Gemeinschaft soll hier ganz explizit nicht mit der “Volksgemeinschaft” oder ähnlichen Konstrukten gleichgesetzt werden. Es soll hier nicht der Instrumentalisierung dienen, sondern eine mögliche Utopie des Zusammenlebens greifbar machen.

12:38 23.07.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

JDe

Student PoWi; Grüne Jugend MV; Schlagzeuger; Metalhead; Kabarett-Liebhaber; Filme-Gucker; Stratege
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