Ziel aus den Augen verloren - Klimacamp 2016

Kohle Die Teilnehmer des Klimacamps waren zu wenig demütig, friedlich und respektvoll um Menschen ihre Werte einer gesunden und gerechten Erde nahezubringen.
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Vom 3. bis 15. Mai 2016 haben sich auf sechs Kontinenten tausende Menschen in mutigen, blockierenden Aktionen für die weitestgehende Abkehr von fossilen Brennstoffen ausgesprochen und engagiert. Da in der ostdeutschen Region Lausitz eines der drei großen Braunkohletagebaureviere liegt, fand hier vom 9. bis 16. Mai ein Klimacamp zum Zusammenkommen, für Workshops und für gemeinsame, die Kohleverbrennung blockierende Protestaktionen statt.

In Koordination mit der weltweit aktiven Gruppe 350.org wurde das Lausitzcamp maßgeblich von dem bereits zuvor in der Lausitz und im Rheinland aktiven Zusammenschluss Ende Gelände organisiert. Unter der Woche stand das Zusammenkommen sowie inhaltliche und logistische Vorbereiten der Aktionen im Mittelpunkt, die dann am Wochenende von 13. bis 15. Mai stattfanden. Der Aktionskonsens gab ein Menschen und Sachwerten gegenüber friedliches Verhalten vor. Dass dies aus meiner Sicht von einem nennenswerten Teil der ca. 3.500 AktivistInnen nicht umgesetzt wurde und dieses Verhalten von der Gesamtgruppe und der Organisation passiv, unsicher und/oder wohlwollend mitgetragen wurde, ist der Grund für meinen Wunsch, dieses persönliche Resümée zu schreiben, um zu verarbeiten und zum Nachspüren anzuregen. Ich wünsche mir eine intensivere Auseinandersetzung und Absage an Formen physischer und emotionaler Gewalt, um im Fall der Kohle nicht nur ein gesellschaftliches Symptom zu bekämpfen, sondern um meinen Wert und Wunsch von Freundschaft auf der Erde einzubringen und zu realisieren.

Folgende Ein-Satz-Geschichte beschreibt für mich die Ereignisse und mein Mitwirken treffend:

„Ich hatte befürchtet, ausgerechnet am Tag meines 30sten Geburtstags das erste Mal auf eine Polizeiwache gebracht zu werden, stattdessen hat nachts ein Polizeihubschrauber dafür gesorgt, dass ich mit ausreichend gutem Gefühl schlafen gehen konnte.“

Zunächst zum für mich Erfreulichen, wobei mir vier Dinge einfallen: 1. Der Ort war grün, ruhig und schön, 2. das Kommen von vielen Menschen besonders auch aus dem Ausland hat mich berührt und beflügelt, 3. der, der Sache und den Anderen dienende Einsatz beim Planen, Schnibbeln, Toiletten Saubermachen usw. so vieler Menschen war existenzsichernd, fürsorglich und bedingungslos, und 4. die Musik hat mir friedliche und positive Lebensenergie gegeben, über Reggae und aktuellen gute Laune Radiopop habe ich mich besonders gefreut.

Nichtdestotrotz wiegt meine Enttäuschung doch schwerer: Das teils aggressive Verhalten gegenüber Sachwerten und Menschen in den Aktionen, unsere Behandlung der lokal und regional lebenden Menschen und die strukturell von den TeilnehmerInnen und OrganisatorInnen getragene Aufweichung des Aktionskonsenses sind die Kernpunkte meiner Enttäuschung und meiner Unsicherheit bezüglich meines weiteren Mitwirkens. Seitens der Solidarität unter den AktivistInnen kam ich mir in dem Moment gegenüber Menschen, die mit dem Bus aus Stockholm oder dem Fahrrad aus Paris zum Camp gekommen sind, besonders schlecht vor, als sie mit Polizeischutz und Angst, vor teils durch unser aggressives Verhalten provozierte Gewalt, zu Bett gehen mussten.

Konkret kritisiere ich das nicht eindeutig friedliche Verhalten im Kraftwerk, die Beschädigung und Sabotage von Anlagen und Gleisen, das nicht friedliche Ende der Gleisbesetzung durch die Gruppe „Orangener Finger“, die nicht rechtzeitige Diskussion und spätere ungenaue Kommunikation des gewünschten Endes der Aktionen seitens der Mehrheit der TeilnehmerInnen und der OrganisatorInnen, die strukturelle Friedlosigkeit wenn z.B. in Plena von Bullen und Faschos geredet oder die Gewaltlosigkeit gegenüber Menschen und Sachwerten nicht betont wurde, das Konzept der festen Bezugsgruppen und das Rennen bei den Aktionen, und ganz wichtig, der arrogante Umgang etlicher AtivistInnen mit den Menschen vor Ort und, wenn auch weitaus seltener, mit der Polizei und auch sich selbst. Der letzte Punkt betrifft zum einen das ausgeübte Verhalten der AktivistInnen, z.B. das an die EinwohnerInnen gerichtete und andernorts der Selbstinszenierung dienende Singen des gewaltvollen Sprechgesangs „We are unstoppable, another world is possible“, und zum anderen betrifft dieser Kritikpunkt das unterlassene Verhalten, durch Straßencafés oder -theater oder der Ausarbeitung anderer Kontaktformen den einheimischen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen.

Ich denke, wer den Klimawandel verhindern will, weil sie/er die Erde liebt, sollte zu dieser Erde alle Grashalme und auch alle Menschen zählen. Ich persönlich möchte meinen Einsatz für eine respektvollere, mit dem Universum und allen Wesen in Freundschaft verbundene Welt nur friedlich einbringen, weil dies meinen Werten und Wünschen entspricht und ich denke, dass nur aus der jeweils eigenen Entscheidung der Menschen heraus eine Veränderung langfristig erfolgreich sein kann.

Auch wenn für eine undifferenzierte Berichterstattung der lokalen Medien im Anschluss (Lausitzer Rundschau 17., 18., 19. Mai 2016) nicht vollständig die Verantwortung zu übernehmen ist, hat die abwertende Analyse der JournalistInnen, die hauptsächlich von unserer Randale und nicht unseren Wünschen und Werten berichtet haben, und soweit geführt hat, dass die AtktivistInnen z.B. von einem Leser in seinem Leserbrief als „Ökoterroristen“ bezeichnet wurden, gezeigt, dass aus meiner Sicht das Ziel aus den Augen verloren wurde. Die Aktionen haben nicht deutlich die Message einer wertschätzenden und gerechten Erde gesandt. Die Menschen vor Ort haben sie besonders dürftig positiv inspiriert. Insgesamt haben sich Menschen überall aufgrund der von uns ausgeübten Gewalt von uns und somit signifikant auch unserem Impuls abgewandt.

Das Zitieren der Reaktion der Lokalmedien ist hier nicht als Expertenargument zum Unterstützen meiner Meinung gedacht, sondern ein Hinweis darauf, wie wir von Menschen verstanden wurden und welche Angriffsfläche widersprüchliches, in unserem Fall unfriedliches Verhalten bietet. Ich möchte anmerken, dass die Medienreaktion jedoch nur einen sehr kleinen Bruchteil meiner Motivation zum Schreiben dieses Textes ausmacht, denn die gründet sich auf das eigene Erleben und auf das eigene Gefühl während und kurz nach dem Klimacamp.

Auch sage ich eindeutig, dass ich Zivilen Ungehorsam als politische Aktionsform unterstütze. Das Durchbrechen einer Polizeikette oder eines Zaunes oder das Entstehen eines verhältnismäßigen wirtschaftlichen Schadens zum Beispiel halte ich in der Regel für in Ordnung. Mitgefühl und Respekt vergessendes Verhalten gegenüber Menschen sowie Sachbeschädigungen des Schädigen wegens lehne ich als unschön und ineffektiv ab. Es hieß im großen Plenum, das Ziel sei nah, das Kraftwerk müsse bald abgeschaltet werden. Das war nicht mein Ziel. Der in seinen Entscheidungen freie Mensch ist für mich die beste und größte Chance, die wir haben. Wenn große Medien nur berichten wollen, wenn es sich lohnt, will ich diese Bewertung ihnen überlassen und für ihre Aufmerksamkeit nicht meine Moral verwerfen. Für mich ist bereits unser Zusammenkommen wunderbar. Sinnbildlich haben wir das kurzfristige über das langfristige Abschalten gestellt, für mich ein Eigentor.

Als Fazit haben die Anlagenbeschädigungen, die Räumung der Gleisblockade der Gruppe „Orangener Finger“, und der Umgang mit den Menschen vor Ort für mich einen internationalen, friedlichen, die Erde liebenden Erfolg ineinen in großen Teilen nicht liebevollen, egozentrischen Misserfolg verwandelt. Während meine Bewertung subjektiv ist, gibt es kausale Gründe für das, was als Realität passiert ist. Zu den Hauptgründen zählt für mich die mangelnde Auseinandersetzung mit dem Aktionskonsens sowiedessen in der Folge eingetretene Aufweichung. Auch fehlt für mich im Aktionskonsens an der Stelle, wo es heißt, dass sich die Aktionen nicht gegen MitarbeiterInnen Vattenfalls oder der Polizei richten, die Berücksichtigung aller Menschen vor Ort und das Bekennen zu einem friedlichen, respektvollen Umgang mit ihnen allen. Zwar ist ein Aktionskonsens kein Wertekonsens, den zu errichten schon bei zwei Personen und erst recht bei derart großen Gruppen wohl vermessen ist, doch dürfen auch hier vorsichtigere Formulierungen des Wunsches nach Friedlichkeit und Selbstreflektion meines Erachtens nach durchaus vorkommen. Vielleicht hätte dies die Umsetzung des eindeutigen Teils des Konsens, in dem es heißt, dassin den Aktionen keine Infrastruktur zerstört oder beschädigt und sich nicht auf Provokationen eingelassen würde, unterstützt. Des weiteren waren aus meiner Sicht eine ungenaue Kommunikation vom Camp in die Aktionen, z.B. im Fall des mehrheitlich gewünschten, freiwilligen, gemeinsamen Aktionsendes, und der von mir vermutete eingetretene Abbau anstelle des Aufbaus von Eigenverantwortung und Solidarität mit allen im Camp aufgrund der Starrheit der Bezugsgruppen Gründe für ein reflektions- und entspannungsarmes, nicht gemeinsames, insgesamt unschönes Aktions- und Campende am Sonntag. Doch soll nicht eine tiefere Analyse der Gründe, sondern mein Empfindungsbericht im Vordergrund dieses Textes stehen.

Ich klage niemanden an. Ich habe nicht recht. „Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort - dort treffen wir uns.“ (Rumi) Nehmt ihr und nehmen Sie meine Kritik als Einladung, zu überlegen, wasSie spüren, wenn Sie mögen. Die Rapperin Sookee singt: „Die Kritik ist ein Dessert wenn man sie liebevoll ausspricht.“ In diesem Sinne schreibe ich.

12:14 27.06.2016
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