Abgefuckt und finster

Serien Unsere Autorin schaut den Superhelden von „The Boys“ nicht zu lange in die Augen
Ausgabe 36/2019

Gut und Böse sind auch nur Kategorien. Die Superheld*innen der Comic-Kultur bewegen sich weitgehend in der ersten – sie retten Katzen aus Bäumen und Menschen aus verunfallten Autos, sie fangen das abstürzende Flugzeug auf, werfen zu Löschzwecken einen gefrorenen See auf Waldbrände, und selbst wenn sie vor lauter Gutsein und Menschenretten depressiv geworden sind wie Batman: Die 1960 in einem Spider-Man-Comic publizierte Weisheit „With great power comes great responsibility“ gilt für sie alle.

Nur nicht für die „Supes“, mit denen es Hughie (Jack Quaid, übrigens Sohn von Dennis Quaid und Meg Ryan, wenn man es weiß, dann sieht man es) zu tun bekommt. Als der unscheinbare Elektrofachverkäufer mit seiner Freundin auf dem Bürgersteig steht, wird diese plötzlich „überrannt“: Der schnellste Mann der Welt, A-Train, einer der vielen Superheld*innen, die im The-Boys-Universum zu finden sind, jagt mitten durch die Frau hindurch, zerfetzt sie dabei – Hughie hält ihre abgerissenen Hände in den seinen. Und sucht schockiert nach Erklärungen. Mithilfe eines angeblichen FBI-Agenten namens Billy Butcher (Karl Urban) findet Hughie heraus, dass die sich auf der ganzen Welt tummelnden Über-Kraftprotze mitnichten so „gut“ sind, wie es deren PR-Konzern Vought seit Jahren behauptet ...

Der splatteraffine Anfang der neuen, vom gleichnamigen Comic adaptierten Amazon-Serie, die fernab von Marvel oder DC spielt, setzt definitiv Duftmarken: Diese Serie hat nichts mit dem üblichen Superheld*innen-versus-Superschurk*innen-Konzept am Hut. Auch die bislang von Marvel erfolgreich für Erwachsene umgesetzten Serienfiguren, Daredevil oder Schluckspecht Jessica Jones, sind Waisenkinder gegen A-Train, den Aquaman-Epigonen The Deep, Homelander (eine Art Superman in Stars and Stripes) oder den unsichtbaren Translucent.

Deren Kräfte interessierten Serienmacher Eric Kripke eh nur am Rande – klar, sie können mit den Augen Laserstrahlen schießen, fliegen, unter Wasser atmen. Aber eigentlich sind sie wie alle anderen „normalen“ Menschen auch: korrupt. Und Vought, das dämmert dem sensiblen Protagonisten und Antihelden Hughie langsam, scheint die von ihm vertretenen Superheld*innen vor allem gewinnbringend zu vermarkten und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden an deren Legendenbildung zu stricken. Die Welt, in der Hughie und die ambivalenten Capeträger*innen leben, ist von Lügen durchzogen und kennt keine Skrupel. The Boys geht damit dort los, wo das Genre sonst endet: Was würde passieren, wenn eine Mega-Waffe wie Homelander tatsächlich die nationale Verteidigung verstärken würde?

„Amerika wird durch Waffen angetrieben“, sagt jedoch ein Senator, der gegen den Einsatz von Superhelden in seiner Armee ist, „das ist doch das Einzige, was wir noch selbst herstellen!“. Kritik an der US-Waffenpolitik wechselt sich in Kripkes unterhaltsamer, absolut nicht jugendfreier Serie mit weiteren, gesellschaftlich relevanten Themen ab: Starlight, eine frische Superheldin bei Vought, muss als erste Erfahrung bei der neuen Truppe mit sexueller Belästigung durch The Deep umgehen. Auch später spiegelt The Boys (sic!) immer wieder die #metoo- und die Genderdebatte – wenn etwa Starlight von Voughts Marketingexperten mit der Begründung, das sei feministisch und selbstermächtigend, ein sexy Suit aufgequatscht wird. „How is that feminist?!“, fragt Starlight verwirrt. Doch sie hat den Vertrag unterschrieben. Sogar religiöse Wahn-Phänomene bekommen ihr Fett weg, wenn Ezekiel, der auf Massenmessen predigt und im Akkord Menschen tauft, davon überzeugt ist, die Superkräfte stammten vom „größten Superhelden“ von allen. Nämlich Gott.

Respektlos, abgefuckt und finster ist die Welt von The Boys, dabei so gut gespielt und vor allem flott genug inszeniert, dass man einige Längen, redundante Situationen oder grenzwertige Gags aushalten kann: „Das Sicherheitsnetz ist so eng wie das Arschloch eines Chorknaben“, sagt der gnadenlos mit Obszönitäten um sich werfende Butcher irgendwann. Man sollte dennoch weder ihn noch die Serienintention zu ernst nehmen: The Boys ist Gesellschaftskritik. Aber mit Lust am Splatter und in dementsprechender Gewaltästhetik. Diesem Homelander darf man jedenfalls nicht zu lange in die Laseraugen schauen. Sonst ergeht’s einem schlecht.

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