Bildanalyse des Krisengipfels: Er lenkt die Welt, sie den Wanderstock

Elmau Zu den Krisen, die von den Staatschefs der G7 besprochen werden mussten, bildete die Kulisse von Schloss Elmau den denkbar bizarrsten Kontrast – so entstanden vielsagende Bilder
Die Skistars Christian und Miriam Neureuther (1. u. 3. v. l.) mit Carrie Johnson, Frau von Boris Johnson, Brigitte Macron, Frau von Emmanuel Macron, Britta Ernst, Frau von Olaf Scholz und Amelie Derbaudrenghien, Partnerin von Charles Michel: Männer lenken die Welt, Frauen den Walking-Stick
Die Skistars Christian und Miriam Neureuther (1. u. 3. v. l.) mit Carrie Johnson, Frau von Boris Johnson, Brigitte Macron, Frau von Emmanuel Macron, Britta Ernst, Frau von Olaf Scholz und Amelie Derbaudrenghien, Partnerin von Charles Michel: Männer lenken die Welt, Frauen den Walking-Stick

Foto: Ronald Witteck/Getty Images

Das Wesentliche ist für das Auge bekanntlich unsichtbar. Vom G7-Treffen, das in einer weltpolitisch festgefahrenen Situation die Staatsoberhäupter von sieben Industrienationen am Wettersteingebirge zusammenkommen ließ, damit sie, nach Möglichkeit, an der Beendigung des Krieges und der Rettung der Welt vor dem Klimakollaps mitwirken, gibt es dennoch anschauliche Dokumente.

Ein für die Aufnahme in die Geschichtsbücher geeignetes Bild stammt vom ersten Gipfeltag. In einem Video, das auf einer Seite der Bundesregierung zu finden ist, kann man sehen, wie sie zustande kam: Am Sonntag promenierte die Truppe, angeführt von Boris Johnson und Gastgeber Olaf Scholz, auf 1.008 Meter Höhe durch das leuchtende Grün des Parks bis zum Schloss Elmau, um sich auf einem breiten Steg aus hellem Holz aufzubauen. (Der an Saunafußboden erinnernde Catwalk wurde bereits bei früheren G7-Gipfeln erprobt.) Auf beiden Seiten flankierten den Steg weiße Ständer, in denen – gleich Partyspießen – die Landes- und die EU-Flagge steckten, links Deutschland, Kanada, Frankreich und Italien, rechts Japan, Großbritannien, die USA und die EU.

Zwischen den EU-Beobachter:innen Charles Michel und Ursula von der Leyen richteten sich an aufgeklebten Markierungen von rechts nach links Kishida, Johnson, Biden, Scholz, Macron, Trudeau und Draghi aus, die Staatsmänner im weißen Hemd ohne Krawatte und – bis auf Trudeau, der Grau bevorzugt oder die Absprache nicht mitbekommen hatte – im blauen Anzug.

Im friedliche-bukolischen Elbau wird die Kriegsproblematik gewälzt

Es war weder die sich aufdrängende Konnotation des Holzwegs, auf dem die Politiker:innen standen, auch nicht ihre lockere Haltung, noch war es das als hoffnungsfrohe Botschaft hinausgesendete kollektive Lächeln, das dieses Bild zu einem geradezu surrealen Dokument des Spitzentreffens machte. Vielmehr ließ der idyllische Hintergrund, das pittoreske Alpenpanorama (ohne Gewähr: Karwendel, Wetterstein, Dreitor), gesäumt von Bäumen und mit einem wie von Claude Monet getupften blau-weißen Wolkenhimmel, den Gegensatz zur Realität und damit zum Anlass des Treffens extremer werden: Hier, in dieser friedlichen, bukolischen Landschaft, in der die Luft von fleißigen Bienchen durchzogen wird, die von Streuobstwiese zu Streuobstwiese summen, und in der weder ein Ozonschaden noch ein russischer Raketenangriff zu drohen scheint, hier will ein Teil der Welt dafür sorgen, dass in einem anderen Teil nicht mehr auf Einkaufszentren geschossen wird, bis der Himmel voller Rauch und Feuer ist.

Andererseits kann man ein symbolträchtiges Get-together heuer kaum anders gestalten: Eine Darstellung der sieben (und ihrer Partnerland-Vertreter:innen) nach dem Vorbild der Feixenden auf Ilja Repins Gemälde Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief würde die angestrebte Befriedung im Keim ersticken. Repins zwischen 1880 und 1891 entstandenes Werk zeigt laut Legende die Reaktion einer Gruppe Kosaken auf den schriftlich an sie herangetragenen Befehl eines türkischen Sultans, sich ihm zu unterwerfen: Sie hatten sichtbar Spaß am Verfassen eines mit wüsten Schimpfwörtern gespickten Antwortbriefs, „tartarischer Geißbock“ und „Stutenarsch“ sollen dabei noch zu den harmloseren gehört haben.

Er lenkt die Welt – und sie?

Neben dem obligatorischen Klassenfoto vor der „Obama-Merkel-Bank“ illustrierte ein weiteres Gipfel-Image subtil den Zustand der westlichen Demokratien: Männer lenken die Welt, Frauen den Nordic-Walking-Stick. Denn während ihre Gatten Kriegsproblematiken wälzen, walken die Ehefrauen der Staatsoberhäupter in bequemer Kleidung lächelnd durch die Felder, angeleitet von der Sportskanonenfamilie Neureuther. (Dem ZDF-Journalisten Christian Sievers walkten des Nachts gar die Macrons bei einer Privat-Promenade vor das Handy, wie er „baff“ auf Twitter mitteilte. Ikonisch sah sein Schnappschuss allerdings nicht aus, eher nach Paparazzi – die Story griff prompt die Bunte auf.)

Als Lego-Set für den Nachbau zu Hause wäre ein drittes, klassisches Gipfel-Bild sicher besser geeignet: Bei einem Gespräch zum Thema „Investitionen in eine bessere Zukunft: Klima, Energie, Gesundheit“ sitzen die sieben, die Partnerland-Vertreter:innen und einige Beobachter:innen in großer Runde zusammen. Trotz Holz wirken die kühle Raumgestaltung und der abgerundete Tisch modern und progressiv, die Fenster sind zwar von Vorhängen verborgen, aber an der Stirnseite prangt eine bläulich verfremdete Schlossansicht mit G7-Logo. Die Szenerie ähnelt der (als Lego-Set schon erprobten) „High Council Chamber“ der Jedi aus Star Wars auf dem Planeten Coruscant – ein mit kreisförmig angeordneten, futuristischen Sitzmöbeln gefüllter Saal, in dem die Jedi-Ordensmitglieder zur Beratung zusammenkommen, während die Wolkenkratzer der „Galactic City“ durch die Fenster glitzern. Dass nicht weit entfernt, auf dem Planeten Geonosis, zeitgleich eine Droidenarmee gegen Klonkrieger kämpft, ist dabei (sic!) nicht zu erkennen.

Aber Politiker sind keine Jedi, und das Leben ist kein Science-Fiction-Film. Ob G7-Bilder ikonisch werden, hängt von den Konsequenzen des Gipfels ab. Momentan wirken sie eher wie ein Beleg des Scheiterns.

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