„Schöne neue Welt“ von Jens Friebe: As beschwingt as it gets

Pop Schöne neue Welt? Mit seinem neuen Album „Wir sind schön“ fängt Jens Friebe die Stimmung der Gegenwart ein: Von „Nichtmehrkönnen“ und Microdosing bis hin zur neuen Spießigkeit. Und bleibt trotz allem poetisch und beschwingt
Ausgabe 40/2022

Zu dem Begriff „Trend“ gehört, dass er seine eigene Antinomie gleich mitbringt. Sobald etwas „Trend“ ist, ist es auch das Gegenteil. Der Songwriter und Sänger Jens Friebe weiß das: „Microdoser kommen in deine Stadt / Microdoser machen alles halb platt“ heißt es fröhlich im Eingangssong Microdoser seines neuen Albums Wir sind schön. Microdosing, die wissenschaftlich umstrittene, nicht valide, aber angesagte Selbsttherapie mit mikroskopischen Mengen von psychoaktiven Substanzen, soll – je nach Internetquelle – angstfrei, arbeitswütig oder zufrieden machen. Damit entfernt sich der Trend von der Intention, die Drogenkonsum ursprünglich verfolgte: Microdoser sind weder eskapistisch noch hedonistisch, weder notwendigerweise traumatisiert noch suchtgefährdet. Sondern einfach nur ichbezogen. Oder neoliberal.

Hintergründig schüttelt Friebes Album, es ist sein sechstes, also diese komische moderne Welt zusammen mit Melodien, Klavier, Rhythmus und Synthies und gießt sie in Songs über die Spießigkeit von Hochzeiten („der Discjockey spielte schon Toto / komm schnell du muss doch noch mit drauf / du meintest natürlich das Foto“), über Jugenderinnerungen (Die schrumpfende Stadt) und über die Subjektivität von Freiheit: „Alle die das hören sind frei / so wie ein Boss / so wie der Cop der in Notwehr erschoss“. Über das allgegenwärtige und weitverbreitete Sentiment des „Nichtmehrkönnens“ dichtet er, begleitet vom percussiven Tausendsassa Chris Imler: „Ich habe ein Gefühl / ich weiß schon wie ich‘s nenn / ich glaub‘ ich nenne es / das Nichtmehrkönnen“. Weiser und lakonischer lässt sich die ambivalente Jetztzeit, in der das Empfinden von Druck zur Selbstbeschreibung gehört, kaum auf den Punkt bringen.

Man könnte bei der Hybris der Songs das Konkrete vermissen, das eindeutig Politische, das Dringliche. Denn im Gegensatz zu seinen hör- und fühlbaren Vorbildern, dem Songwriting der 70er und 80er, macht man sich um Friebe, dessen queeres Selbstverständnis nicht mal mehr eine textliche oder ästhetische Andeutung benötigt, zu keiner Zeit Sorgen. Der 46-Jährige wirkt „sane“ und braucht keinerlei Schutzfunktion. Obwohl ein Song wie das zu 6/4-Wurlitzerklängen wabernde Was haben wir getan immerhin Schmerzhaftes andeuten könnte: „Was haben wir getan / und hast du das Blut wegbekommen / was haben wir getan / besser du rufst erst mal nicht mehr hier an“. Huch, hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert …? Schon der Refrain des Lieds löst sich aber wieder in Dur-Harmonien auf: Vielleicht ist ja doch nur ein Minitampon ausgelaufen. Und mehr Drama wäre für die Platte einfach nicht authentisch.

Besonders deutlich wird das in Friebes kalt-knarzender, in elektronischen Arpeggien schwelgender Version von Leonard Cohens First We Take Manhattan, die den düsteren Abgrund und das Enigma des Originals durch eine großartige Übersetzung verehrt: „Es leitet mich ein Zeichen am Himmel / es leitet mich das Feuermal am Kinn / es leitet mich die Schönheit unserer Waffen / erst nehmen wir Manhattan / dann nehmen wir Berlin“ – Cohens gebetsartige Sprachbilder sind stark, und Friebes Interpretation lässt ihnen ihren Rhythmus.

Wir sind schön ist trotz ihrer Geheimnisse und Andeutungen eine beschwingte Platte. Zumindest „as beschwingt as ist gets“ – im Jahr 2022, mit all seinen beschissenen Zutaten.

Wir sind schön Jens Friebe Staatsakt

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