Vorsicht, Quietschalarm!

Kinder „Fraggle Rock“ in einer Neuauflage zeigt, wie progressiv und lustig die Werke von Jim Henson immer schon waren

Unter Docs (Lilli Cooper) Wohnung ist schwer was los. Dort liegt eine Parallelwelt: In einer Höhle, erreichbar durch ein verstecktes „Portal“ (oder Loch in der Wand), leben die Fraggles, knapp 60 Zentimeter große, bunte, glupschäugige anthropomorphe Wesen, deren Lebensaufgabe Tanzen, Singen, Spielen und Quietschen ist. Mit ihnen haust eine weitere Spezies im „Fraggle Rock“ – die „Doozers“ sind hellgrüne, bleistiftgroße Humanoide mit Bauarbeiterhelmen und beachtlichem Arbeitsethos. Während die Fraggles „Dance your cares away / worries for another day“ singen, heißt es bei den Doozers: „Work your cares away / dancing is for another day“. Das gemeinschaftliche Leben der Partylöw:innen und der glücklich vor sich hin schaffenden Streber:innen gestaltet sich jedoch entspannt. Und auch die dritte Truppe in Jim Hensons alternativem Universum macht selten Ärger: Die „Gorgs“ sind eine Familie riesiger, monsterähnlicher Fragglejäger:innen, allerdings gebärden sie sich dabei so trottelig, dass ihnen die zappeligen Geschöpfe immer entkommen. Allein in die Menschenwelt, den sogenannten „outer space“, trauen sich die Fraggles – bis auf wenige Ausnahmen – nicht hinein. Schließlich wird sie von „silly creatures“ bevölkert, die merkwürdige Dinge tun – zum Beispiel die Ozeane mit Plastik zumüllen.

Bei Jim Hensons Fraggles, die der sanftmütige Puppenspieler nach seinen Erfolgen mit den Muppets und den Sesamstraßenfiguren 1983 erdachte, ging es stets darum, die Sichtweise des anderen zu verstehen. Seine verschiedenen Milieus, die küchenpsychologisch unschwer als Kinderwelt (Fraggles) und Erwachsenenwelt („silly creatures“) erkennbar sind, stehen für die Missverständnisse zwischen den Bewohner:innen: Kinder wollen spielen und können das manchmal verängstigende Verhalten der Erwachsenen oft nicht nachvollziehen, diese dagegen sind so beschäftigt mit ihren „erwachsenen“ Tätigkeiten, dass sie die kleinen bunten Gestalten zuweilen übersehen.

Das soeben beim Streamingdienst AppleTV+ gestartete Reboot der Hand- und Stabpuppenserie Fraggle Rock unterscheidet sich – bis auf wenige produktionstechnische Aktualisierungen – kaum vom 80er-Jahre-Original. Was für Hensons genuin großartige und zeitlose Ideen spricht.

Divers waren sie immer

Denn die Fraggles brauchen keine Erneuerung: Sie waren immer schon all das, was heute als Nonplusultra des modernen, pädagogisch wertvollen Kinderfernsehens gesehen wird – tolerant, selbstermächtigend, auf eine spielerische Art didaktisch, selbstironisch, albern und divers sowieso. Egal ob Grobi, Gonzo oder Red (eine Fraggle-Protagonistin mit roten Pinselzöpfen): Bei Henson ging es stets um die Repräsentanz und das Zusammenleben aller Menschen, aller Hautfarben, aller Gender und Klassen.

Dass der Children’s Television Workshop, aus dem Ende der 60er Jahre die Sesamstraße hervorging, nicht nur eines der ersten Fernsehunternehmen mit einer weiblichen Chefin war (Joan Ganz Cooney leitete die Non-Profit-Organisation vom Start 1969 bis 1990 und holte Henson gleich zu Beginn mit ins Boot), sondern auch bewusst als „Slum Kids Program“ antrat und bevorzugt nicht-weiße Schauspieler:innen für die wenigen Menschenrollen besetzte, ist der Geist, in dem die Fraggles noch immer schwingen.

Eine der wenigen Veränderungen der Neuauflage stellt die Person dar, unter deren Wohnung die Fraggles im psychedelischen Ambiente feiern: Doc wurde früher vom weißen irischen Schauspieler Gerard Parkes dargestellt, in der deutschen Version spielte Hans-Helmut Dickow den Erfinder. Im Reboot ist Doc eine schwarze Doktorandin der Umweltwissenschaften.

Denn neben der humanistischen transportieren die Fraggles immer auch gesellschaftliche Botschaften: Onkel „Travelling Matt“, der einzige Fraggle, der regelmäßig die Grenze zum „outer space“ durchbricht, schickt eines Tages einen transparenten „Zauberumhang“ nach Hause, den seine anthropomorphen Neffen und Nichten fleißig bewundern. Dass es sich dabei um Verpackungsmüll, nämlich eine gebrauchte Luftpolsterfolie handelt, die Matt in einem Müllcontainer gefunden hat, steht für den Grundgedanken der Serie: Ob etwas Müll ist oder ein Zauberumhang, liegt im Auge des Betrachters.

Das für Erwachsenenohren aufgrund hoher Quietschfrequenzen eventuell schwerer aushaltbare Kinderprogrammangebot ist nebenbei Teil einer kleinen, aber bemerkenswerten Initiative von AppleTV+, dem übermächtigen Disney-Konzern eins auszuwischen. Dessen Inhalte tragen schließlich nicht nur in den USA stark zur Kindererziehung bei: Disneys solide Kernfamilien-Message manifestiert sich zwar inzwischen vielfältiger als früher – in Produktionen wie The Mandalorian muss immerhin ein (verwaister) Mann seine Vatergefühle gegenüber einem außerirdischen Kind erwecken. Doch vor allem in Eigenproduktionen wie Jessie oder Liv und Maddie geht es dann doch immer wieder um den familiären Zusammenhalt in einem weißen gutbürgerlichen Umfeld.

Dagegen stellt sich AppleTV+ in seiner Henson-Kooperation mit den Fraggles auf – und hat noch eine weitere Henson-Produktion ins Programm genommen: Harriet, Spionage aller Art,das außergewöhnliche Kinderbuch vonLouise Fitzhugh, in dem ein reiches weißes New Yorker Mädchen sich seiner Privilegien dadurch bewusst wird, dass es ihre ärmere Nachbarschaft ausspioniert, läuft als Zeichentrickversion bei dem Streaminganbieter. Dass die Foo Fighters zum Fraggles-Start außerdem einen Fraggle Rock Rock aufnahmen, schadet ebenfalls nicht: Vor allem Pinselzöpfe lassen sich zu dem altmodischen Rock-Kracher hervorragend schwingen.

Info

Die Fraggles: Back to the Rock! Jim Henson Company USA 2022, AppleTV+

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