Wet Leg: Der längste und lauteste letzte Schrei

Pop Das Debütalbum des südenglischen Postpunk-Duos Wet Leg weckt hohe Erwartungen – was ist dran am Hype?
Wet Leg lassen einen neben Blondie an die Pixies denken – und das bedeutet, dass eine All-female-Band endlich definitiv kein Alleinstellungsmerkmal, keine Besonderheit mehr, sondern nur eines von vielen Kriterien ist
Wet Leg lassen einen neben Blondie an die Pixies denken – und das bedeutet, dass eine All-female-Band endlich definitiv kein Alleinstellungsmerkmal, keine Besonderheit mehr, sondern nur eines von vielen Kriterien ist

Screenshot: Wet Leg/Youtube

Eine Chaiselongue ist zum Herumlungern da. Zum Rekeln und Mußetun, zum Poussieren, mit der Option auf faulen Nachmittagssex. Im Ausnahmehit des letzten Sommers, Chaise Longue von Wet Leg, zeigten die beiden von der Isle of Wight stammenden jungen Musikerinnen deutlich, wie und worum es geht: „Hey you, over there / on the chaise longue in your underwear / what are you doing sitting down / you should be horizontal now“, heißt es, etwas später konkretisiert Sängerin Rhian Teasdale: „Hey you / in the front row / Are you coming backstage after the show? / Because I’ve got a chaise longue in my dressing room / And a pack of warm beer that we can consume.“ Dazu klappert ein trockener Beat, kurz darauf setzt Hester Chambers’ Gitarre ein und spielt keinen Ton zu viel, um die coole Frauenband-Sexfantasie bloß nicht ins Niedliche kippen zu lassen: „All day long / all day long / on the chaise longue.“

Ihr soeben erschienenes Debütalbum unterstreicht die nonchalante Post-Punk-Sexyness der Band: Wieso sich lyrisch und musikalisch ausmehren, wenn es auch reduziert geht? „You’re so woke /Diet Coke / I feel gross / Oh no“, wackelreimt Teasdale in Oh no und spuckt dabei lakonisch Mobilfonkritik aus – „On my phone / all alone / in the zone / Oh no“. Klanglich erinnern Wet Leg in ihrer Sound-Transparenz an Blondie und andere frühe Punkbands, die aus einer Zeit kommen, in der Coolness das superiore Sentiment war. Emo sind Wet Leg glücklicherweise nicht, selbst wenn sie die üblichen Befindlichkeiten mit dem Gefühlskummer thematisieren: In Ur Mum, dessen cleane Chorus-Gitarre in der Strophe der Hochzeiten von The Cure gedenkt, seziert Teasdale eine vergangene Liebe. „I don’t want you to want me / I need you to forget me / you’re always so full of it / yeah why don’t you just suck my dick“, resümiert die (vermutlich) dickfreie Musikerin, bevor sie in einem instrumentalen Moment ihren „lang geübten, längsten und lautesten Schrei“ ankündigt. Und den dann natürlich auch bringt: Sich die Wut, die Verzweiflung und die Ohnmacht nach einer geplatzten Beziehung so schön von der Seele geschrien hatte das letzte Mal Kelis in Caught Out There. Aber das war 1999.

Ziemlich viele Killer

„Neue Akteure durchkämmen die Vergangenheit nach Ahnen“, hieß es in Greil Marcus’ Punkdefinitionsbuch Lipstick Traces (1989). Ganz nebenbei fällt einem bei den Ahnen und Referenzen, an die Wet Leg sich selbstbewusst anlehnen, die inzwischen angewachsene Fülle von Akteurinnen auf: Wet Leg lassen einen neben Blondie an die Pixies denken, an die Breeders, an Transvision Vamp oder Sleater-Kinney – und das bedeutet, dass eine All-female-Band (die beiden Freundinnen, Gitarristinnen und Songschreiberinnen lassen sich nur für Livekonzerte von Musikern begleiten) endlich definitiv kein Alleinstellungsmerkmal, keine Besonderheit mehr, sondern nur eines von vielen Kriterien ist.

Und auch wenn man aus alter miesepetriger Gewohnheit die Erfüllung jener hohen Erwartung skeptisch betrachtet, die Wet Leg mit Chaise Longue einfuhren, und zudem das Wort „Hype“ durch die Berichterstattung geisterte wie eine fiese, self-fulfilling prophecy, kann man sich über dieses Debütalbum tüchtig freuen: zwölf knappe, groovende, selbstbewusste Postpunksongs, vielleicht nicht „all killer, no filler“. Aber die meisten killen gut. Wenn das ein „Hype“ ist, dann ist er spitze.

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