Bounce!

Drag Rap New Orleans hat ein spezielles HipHop-Genre groß gemacht: Bounce. Hier geht es um Sexyness, nicht, wie in anderen HipHop-Spielarten, um Sexismus. Und um extremes Tanzen

Als mich das Colors Magazine von Benneton bat, eine Geschichte für seine Tanz-Ausgabe zu fotografieren, war mir schnell klar, dass sie etwas Skurriles, Ausgeflipptes, Risikoreiches einfangen müsste. Bei der Recherche sprach ich unter anderem mit einer Reihe befreundeter DJs in Vancouver, wo ich damals lebte, und ich fand schnell heraus: Mit der Bounce-Music-Szene in New Orleans hatte ich genau diese Geschichte gefunden. Bounce ist die außergewöhnlichste und aufregendste Art an Dancemusic, die es derzeit in Nordamerika gibt.

Am meisten gefällt mir daran, dass jederzeit und überall zu ihr getanzt wird. Ich habe Leute auf den Straßen von New Orleans gesehen, die einfach die Anlagen in ihren Autos aufgedreht hatten, um spontan zu tanzen. Oder zwei Mädchen, die ihre eigene kleine Block-Party veranstalteten. Sie waren auf ein zweigeschossiges Haus geklettert und sind dort total abgegangen! In erster Linie geht es den Leuten darum, etwas Extremes zu machen. Es ist eine starke, körper- und sexbetonte Ausdrucksform.

Vielleicht gibt es deshalb in der Bounce-Szene so viele beeindruckende Charaktere, und ich bedauere, dass ich nicht alle kennenlernen konnte. Aber ich hatte das Vergnügen, dreimal den großen Big Freedia zu treffen. Er (manche sagen „sie“) ist wirklich etwas Besonderes. Der Queer-Rapper ist eine kleine Diva, aber gleichzeitig auch ein ziemlich harter Typ. Dabei würde er keiner Fliege was zuleide tun. Einige der queeren Rapper in New Orleans kommen aus wirklich schwierigen Verhältnissen, wie Sissy Nobby, dem bei einem Streit ein Auge ausgestochen wurde. Freedia aber inspiriert viele Leute dazu, ihre potenziell negative Energie beim Tanzen in den Clubs positiv zu kanalisieren.

Das Leben in New Orleans nach dem Hurricane macht es den Menschen auch immer noch nicht leicht. Dort zu arbeiten, war auch für mich irre anstrengend – schon alleine aufgrund logistischer Probleme. Ich konnte zum Beispiel keinen funktionierenden Kopierer finden, um die Modelverträge zu vervielfältigen. Ich musste drei Stunden von einem zerstörten Laden zum nächsten fahren, von denen die meisten keinen Kopierer hatten. Als ich dann nach drei Stunden einen fand, war er kaputt. Das war verdammt frustrierend. Das Leben in New Orleans ist hart. Die Zerstörung nach Katrina war gewaltig. Vielleicht hat auch Bounce die Menschen danach näher zusammengebracht. Vielleicht waren schwule Rapper in der Musikszene vor Katrina nicht so akzeptiert wie sie es jetzt sind.

Jennifer Osborne ist in Kanada geboren und lebt zur Zeit in Berlin. Die Fotoreporterin und ehemalige Suchthelferin arbeitete ein Jahr lang am Kommunikationsforschungszentrum Fabrica, das von Benneton gestiftet ist

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