Karl Marx in Sendai

Traditionspflege In Japan orientiert sich eine imponierende Zahl von Professoren am Marxismus und seinem Gründervater

Ach, die Japaner sind doch verkappte deutsche Seelen, Romantiker. Wenn sie den Heidelberger Schlossberg mit ihren Kameras stürmen oder in einer Goethe-Stube gebannt Notizen machen, kann man die Intensität, mit der sie unsere europäische Kultur erschließen, nur bewundern. Wie erst, wenn am Rande eines Symposiums in Kioto japanische Professoren mit ihren deutschen Kollegen „Am Brunnen vor dem Tore“ singen. Keine Germanisten, Ökonomen! Sie können das – weil sie Marx gelesen haben. Weil sie ihn im Original lesen wollten, Wörterbuch und deutsche Grammatik zur Linken, das Kapital zur Rechten. Und sich so weit in die Texte vertieften, dass sie Editionsfehler in gängigen Marx-Engels-Ausgaben nachweisen konnten. Das versuche mal einer im Japanischen!

Isumi Omura war 20 Jahre alt, als er zum ersten Mal einen Marx-Band in die Hand nahm. Jetzt ist er Professor für Politische Ökonomie an der Tohoku-Universität Sendai und bereitet Quellschriften für die neue Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) auf. Nicht nur er entziffert noch die verrücktesten Krakeleien des Pfälzer Ökonomen. Kein anderes Land, in dem so viele Lehrstühle renommierter Universitäten mit Professoren marxistischer Couleur besetzt sind.

Ein Solitär der Marx-Rezeption

In seiner Studie Marx global hat Jan Hoff die verschiedenen Schulen des Marxismus in Europa, Asien, den beiden Amerika untersucht – ein Solitär in der deutschen Marx-Rezeption (Akademie Verlag, Berlin 2009, 345 S., 49,80 Euro). Dem Einfluss von Marx und Engels auf das japanische Geistesleben widmet er ein umfangreiches Kapitel. Zentrales Thema in Japan wie im globalen Diskurs: Was Wert ist, wie und auf welcher Ebene des Reproduktionsprozesses er entsteht, wie er seine Form ändert (Ware, Geld, Kapital, Kredit) – ein unerschöpfliches Streitfeld. Nicht nur die nun schon über zwei Generationen wirkende, nach Kozo Uno benannte Schule arbeitet sich daran ab. Uno und Nachfolger suchen zu vollenden, was Marx für ausgeschlossen hielt, nämlich ein in sich abgerundetes System der „reinen“ kapitalistischen Gesellschaft darzustellen. Eines, das für alle Länder und „die Moderne“ gilt. Sie wollen, über Marx hinausgehend, „die Sache selbst“ – The Theory of Purly Capitalist Society, wie Unos Hauptwerk im Untertitel heißt – erfassen.

Izumi Omura hält sich dagegen lieber an die originären Schriften. Zwar existiert seit 1928 eine mehr als dreißigbändige Marx-Engels-Gesamtausgabe in japanischer Sprache, aber die neue MEGA, an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bearbeitet, eröffnet ganz neue Möglichkeiten des Quellenstudiums. Ein Fünftel der MEGA-Gesamtauflage wird nach Japan exportiert, mit dem erfreulichen Nebeneffekt, dass Deutsch als Wissenschaftssprache noch geschätzt wird. Unfassbar: Als hierzulande in Frage stand, ob die MEGA weitergeführt wird, haben 1500 japanische Wissenschaftler einen Unterstützungsaufruf unterzeichnet.

Interessierte Mitarbeiter

Die drei fulminanten Doppelbände der Ursprungsmanuskripte von Marx zum zweiten Buch des Kapital sowie des Redaktions- und des Druckmanuskripts von Engels sind vornehmlich in Sendai und Tokio erstellt worden. An interessierten Mitarbeitern mangelt es nicht. Die japanische „Wissenschaftliche Gesellschaft für Politische Ökonomie“ zählt an die 800 Professoren zu ihren Mitgliedern, und – man glaubt es kaum, hat es aber von mehreren Seiten bestätigt bekommen – sie seien alle mehr oder weniger marxistisch orientiert. Da hätte bei uns der Verfassungsschutz aber zu tun!

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