Yes, we camp

G8-Gipfel Gastgeber Silvio Berlusconi hat den G8-Gipfel des Jahres 2009 ins Erdbebengebiet von L’Aquila verlegt, will die Gäste aber nicht in Zelten unterbringen

So richtig widersprechen mochte anfangs kaum jemand. Italiens Premier Silvio Berlusconi hatte wieder einmal einen Coup gelandet, der Freund und Feind sprachlos machte. Nur wenige Tage nach dem Erdbeben, bei dem am 6. April in den Abruzzen 300 Menschen getötet, Tausende verletzt und 60.000 obdachlos wurden, verkündete König Silvio: Der G8-Gipfel, der vom 8. bis 10. Juli eigentlich auf der vor Sardinien gelegenen Insel La Maddalena stattfinden sollte, wird nach L’Aquila verlegt, ins Zentrum der verwüsteten Region. Dort sind zwar zahllose Gebäude zerstört oder vom Einsturz bedroht, aber immerhin die erdbebensicher gebaute Kaserne der Finanzpolizei steht noch. Ein wundervoller Tagungsort! Und was für eine Gelegenheit, sich als Retter in der Not zu präsentieren, den auch Naturkatastrophen nicht aufzuhalten vermögen.

Dass die Verlegung des Gipfels ein selbstloser Akt der Solidarität mit den Erdbebenopfern sei, verkündeten nicht nur die Medien von Berlusconis Mediaset-Imperium. Auch die Programme des vom Rechtsblock weitgehend kontrollierten Staatsfernsehens RAI. In der ihm eigenen Dreistigkeit fügte der Premier noch zwei Argumente hinzu: Zum einen könnte der Anblick zerstörter Kulturgüter – an den Gipfeltagen der Weltöffentlichkeit vermittelt – bei ausländischen Sponsoren für Spendenfreude sorgen; zum anderen würden sich selbst die härtesten Linksradikalen nicht trauen, in L’Aquila Randale zu machen. Wo ohnehin schon alles kaputt sei. Kein neues Genua also, das 2001 dem Ansehen der gerade inthronisierten italienischen Rechtsregierung so massiv geschadet hatte.

Marsch auf Rom

Bis vor kurzem schien es, als werde die Vision eines von Protesten weitgehend verschonten Show-Gipfels Wirklichkeit. Die italienische Linke befindet sich noch immer in einer tiefen Krise, und die allermeisten derjenigen, die in den vergangenen Monaten die Proteste gegen die regressive Bildungsreform getragen haben, sehen wenig Sinn in einem Marsch auf L‘Aquila während des G8-Gipfels. Doch nun macht sich unversehens ein Akteur bemerkbar, der die Zeremonien empfindlich stören könnte: die Bevölkerung der Katastrophenzone. Dass der kurz nach dem Beben versprochene rasche Wiederaufbaus nicht vorankommt, ist mittlerweile offensichtlich. Im Vorfeld des Gipfels wird zudem die wegen der Erdbebenschäden schon erheblich reduzierte Bewegungsfreiheit in L‘Aquila durch Absperrungen und Kontrollen weiter beschnitten. Das führt – über Parteigrenzen hinweg – zu Unmut. So machten sich am 16. Juni mehr als 2.000 Menschen auf den Weg nach Rom, um von der Regierung feste Zusagen für den Wiederaufbau zu fordern. Als ihnen die verweigert wurden, reagierten sie mit Straßenblockaden und sprachen von einer „doppelten Heimsuchung“ – erst durch das Erdbeben, dann durch Berlusconi, der in L’Aquila nicht nur ein großes Geschäft wittert, sondern auch die Chance, sein durch die Skandale der letzten Wochen ramponiertes Image aufzupolieren.

Die englische Presse ist schuld

Bei den Bewohnern der Abruzzen ist von der anfänglichen Hoffnung auf den Retter wenig geblieben. Auf Transparenten „dankten“ sie ihm mit einer sarkastischen Anspielung an die Zeltstädte, in denen viele seit Wochen hausen: „Yes, we camp. Grazie Silvio“. Und sie versprachen, ihre Proteste zu Hause fortzusetzen – auch und gerade an den Gipfeltagen.

Berlusconi reagierte, wie man es von ihm gewohnt ist. Die Opfer des Erdbebens würden für eine politische Kampagne instrumentalisiert, die seinen Sturz als Regierungschef zum Ziel habe, wütete er. Dahinter stecke ein internationales Komplott, an dem vor allem die englische Presse beteiligt sei. Deren vernichtende Kritik abzuwürgen, ist ihm – trotz Einschaltung der römischen Diplomatie – nicht gelungen. So dürfte sich der angeschlagene Egomane in L’Aquila ausreichend Genugtuung verschaffen wollen. Massimo Cialente, den Mitte-Links-Bürgermeister der Stadt, hat er ­bereits öffentlich als „Aufwiegler“ gebrandmarkt. Die Konfrontation scheint unausweichlich; wer sie gewinnt, ist offen.

Finanzarchitektur

Noch als G7 befassen sich die USA, Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Kanada und Italien 1999 in Köln unter dem Eindruck der Asien-Krise mit einer neuen internationalen Finanzarchitektur. Nachdem jedoch klar ist, dass sich die Folgen der Finanzkrise auf die Dritte Welt begrenzen lassen, wird die neue Architektur zur Entwicklungsruine.

Der Tod des Carlo Giuliani

Nachdem sich schon 1999 beim Gipfel der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle heftiger Widerstand auf der Straße artikuliert hat, erlebt die Welt 2001 in Genua eine der größten Aktionen gegen eine abgehobene Gipfeldiplomatie und den damit verbundenen Sicherheitswahn. Als die Polizei auf Demonstranten schießt, wird der 23-jährige Carlo Giuliani tödlich getroffen.

Legitimationsprobleme

Die spätestens 2001 mit dem Genua-Gipfel ausgelöste Legitimationskrise der G8-Treffen wird noch verstärkt, als die beteiligten Staatschefs sich zunehmend abschotten. 2002 ziehen sie sich in die kanadische Wildnis von Kananaskis zurück. 2004 trifft man sich auf Sea Island, einer kleinen Insel vor der Küste des US-Bundesstaates Georgia, und 2005 im schottischen Golfer-Nest Gleneagles.

Krise? Welche Krise?

Hinter einem kilometerlangen Sperrzaun der aber die Protestszene nicht entmutigt, sondern eher anspornt beschäftigt sich im Juni 2007 das G8-Treffen von Heiligendamm mit der Globalisierung. Obwohl es im Gebälk der Finanzmärkte schon kracht, wird jede Regulierung verworfen. Der Klimaschutz fordert seinen Tribut, doch auf Drängen der USA wird eine konkrete Aussage aus der Abschlusserklärung verbannt und stattdessen nur vereinbart, dass die G8-Staaten ernsthaft in Betracht ziehen, die CO2-Emissionen bis 2050 um 50 Prozent zu senken. Noch erstaunlicher ist 2008 auf dem G8-Gipfel von Toyako (Japan) der Optimismus bei allen Prognosen zur Weltökonomie, obwohl die Finanz- und Immobilien-Krise bereits ausgebrochen ist. Kleine Gipfelgeschichte von Halifax bis LAquila

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