Jens Stappenbeck

Stv. Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Genocide Alert e.V., die sich für eine Welt ohne Völkermord und andere Massenverbrechen einsetzt.
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Jens Stappenbeck
RE: Völkermorde und andere Massenverbrechen | 01.09.2016 | 14:30

Hallo Richard Zietz, das sehe ich genauso - und war von mir auch nicht so gemeint. Es ging mir lediglich darum zu zeigen, dass Massenverbrechen sowohl in muslimisch geprägten als auch in christlich oder atheistisch geprägten stattfinden und auch christliche und buddhistische Gewalttäter Gruppenidentitäten instrumentalisieren.

In der empirischen Forschunng zu Massenverbrechen ist die spezifische Religionszugehörigkeit von Tätern oder Opfern gar kein geeigneter Indikator für die Wahrscheinlichkeit von Massenverbrechen. Dort geht es eher um Faktoren wie Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen, wirtschaftliche Ungleichheiten zwischen Gruppen, vergangene (unaufgearbeitete) Massenverbrechen in dem Staat, schwache staatliche Strukturen, Präsenz bewaffneter Konflikt oder andere Formen der Instabilität und so weiter. Bevölkerungsgruppen können sich selbstverständlich auch religiös definieren. Das reine Auftreten einer oder mehrer Bevölkerungsgruppen oder Religionen in einem Staat an sich aber ist kein aussagekräftiger Hinweis auf ein Risiko für Massenverbrechen.

Ich habe verschiedene Indikatoren für Massenverbrechen mal hier zusammengetragen: http://www.genocide-alert.de/monitor/faq/#Was%20sind%20Indikatoren%20f%C3%BCr%20Massenverbrechen?

RE: Völkermorde und andere Massenverbrechen | 01.09.2016 | 14:23

Hallo Gucel, wenn ich ihren Kommentar gesperrt haben sollte (was sein kann) tut mir das leid. Ich wusste zuvor gar nicht, dass das für mich möglich ist.

"Psychopathen berufen sich auf vieles, wenn sich einer als Gottgesandter sieht, hat das was mit seinem fehlerhaften Hirnstrukturen, nicht mit der christlichen Aufstellung zu tun."

Warum können sie dies nicht auf eine "islamische Aufstellung" übertragen? ;) Weshalb nun ausgerechnet arabische Sklavenhändler langfristig eine bedeutendere Rolle einnehmen sollte als der Sklavenhandel der Weißen oder Kreuzzüge der Kirchen, wird nicht deutlich. Selbstverständlich werden Ereignisse in der Region (wie woanders) aber immer auch durch historische Erfahrungen geprägt, korrekt.

RE: Völkermorde und andere Massenverbrechen | 31.08.2016 | 15:10

Hallo Gugel,

bei dem Artikel ging es mir nicht darum herauszustellen, "wie schlimm Christen" sind, sondern, dass eine Instrumentalisierung von Religion nicht nur ein Problem des Islams ist - und insbesondere die 1,6 Milliarden weltweiten Muslime dafür nicht in eine moralische Geiselhaft genommen werden können. Sie sind, wie Christen in Burundi oder in der DR Kongo, ganz überwiegend die Opfer dieser Gewalttäter.

Zur Frage nach christlichen Bezügen von Gewalttätern:
Offensichtlich ist der christliche Bezug z.B. in der Zentralafrikanischen Republik, wo die vermeintlich christlichen Anti-Balaka Milizen als Opfer ganz gezielt und ausschließlich Muslime auswählen.

Über die Situation in Burundi und den Präsidenten informiert etwa dieser Artikel sehr gut: http://www.newyorker.com/news/news-desk/on-the-run-in-burundi

"The word “messianic” comes up often in discussions of his psychology. He likes to say that he was chosen by God to lead Burundi."

RE: Völkermorde und andere Massenverbrechen | 31.08.2016 | 13:36

Hallo Hagen, meiner Kenntnis nach nicht. Wenn, dann gibt es ganz sicher keine vollständige/zuverlässige Statistik. Wir listen im Genocide Alert Monitor jedes Quartal die Todeszahlen in den von uns erfassten Fällen unter www.genocide-alert.de/monitor Von den 21.000 im 1. Quartal 2016 getöteten starben etwa 12.000 allein in Syrien. Die nächst schlimmsten Fälle waren Irak und Nigeria. Alle übrigen Staaten sind (glücklicherweise) relativ abgeschlagen. Unter der Grafik zu den Todeszahlen sind auch informationen zu den verwendeten Datensätzen ausklappbar. Die zuverlässigste und umfangreichste Quelle für zeitnahe Daten ist meiner Meinung nach der ACLED Datensatz unter www.acleddata.com. Der Datensatz umfasst eine riesige Exceltabelle, ist aber auf Afrika sowie einige süd-ost-asiatische Staaten beschränkt. Für den Irak nehmen wir daher etwa Daten von iraqbodycount.com. Die Datensätze sind nur schwer miteinander vergleichbar. Iraqbodycount etwa erfasst nur getötete Zivilisten und kaum weitere Informationen. ACLED erfasst zumindest die Identität der Täter - gehören diese etwa einer islamistischen Terrororganisation an, so ermöglicht das Rückschlüsse. Außerdem wird eine Kurzbeschreibung des Ereignis und ein Link zur Quelle angegeben. Ich gehe davon aus, dass es in der Zukunft mehr zeitnah aktualisierte Datensätze geben wird, auch durch Big Data Projekte. Wie Iraqbodycount deutlich macht: Momentan sind genaue Informationen von diesem Ausmaß im Schnitt nur schwer verfügbar. Der Irak ist ein politisch sehr präsenter Fall. Dass es dort nur eine einzige Organisation gibt, die bemüht ist, Opferzahlen zu zählen, lässt entsprechende Rückschlüsse auf politisch wenig relevante Fälle wie dem Jemen zu, wo keine einzige Organisation aktiv ist.

RE: Völkermorde und andere Massenverbrechen | 31.08.2016 | 13:26

Hallo Iceland62, ich bin nicht ganz sicher, ob ich Ihren Kommentar richtig verstanden habe. Falls es Ihnen darum ging deutlich zu machen, dass es zumindest "den einen Islam" rein faktisch nicht gibt, dann stimme ich Ihnen zu und halte das für einen wichtigen Punkt. Ich hatte ursprünglich zwei Absätze zu den zahlreichen Strömungen, Sufismus und den vier großen sunnitischen Rechtsschulen geplant, aber auch das war zu wenig Platz um die verschiedenen Strömungen aufzulisten. Ich habe mich daher dazu entschieden, diesen Punkt im Artikel weg zu lassen. Ich nehme an, Sie reden von Mouhanad Khorchide? Mir wird ihr Punkt da nicht klar/Sie müssten das ggf. nochmal erläutern. Mein Punkt war, dass diese radikal-islamistischen Gewalttäter schlicht von gemäßigten Muslimen nicht anerkannt und def. nicht unterstützt werden & gemäßigte Muslime rein zahlenmäßig am stärksten unter ihnen leiden. Beste Grüße

RE: Die Zerstörung der Chemiewaffen genügt nicht | 16.10.2013 | 00:22

Hallo. Ich antworte erst einmal in einem Rutsch: Der Artikel beklagt ja an UN-Resolution eben genau, dass sie keinen Bezug zum Schutz der Zivilbevölkerung nimmt. Wäre das Prinzip der Responsibility to Protect (Schutzverantwortung) ein allgemein anerkannter internationaler Standard und dieser nicht Machtinteresen in Syrien geopfert werden, wäre der Artikel in der Form nicht notwendig. (Sehr wohl trotzdem diskutiert würde dann aber natürlich, was wie getan werden sollte! Einen Automatismus der für jeden Fall die gleiche Handlungsabfolge empfiehlt, gibt es auch in der Schutzverantwortung nicht. Es wäre auch nicht durchzusetzen odar gar zu empfehlen angesichts der Vielfalt an Fällen.) Behaupten, die Schutzverantwortung wäre im gleichen Maße etabliert wie die Norm der Souveränität, wollte ich damit nicht. Die Souveränität von Staaten, wie von Ihnen angeführt, steht dabei dem Konzept der Schutzverantwortung aber auch nicht im Wege, sondern bildet den Kernbestandteil des Konzeptes.

Per se ist jeder Staat erst einmal souverän. Nach der Schutzverantwortung wird diese Souveränität in einem zweiten Schritt aber an Verantwortungen (Responsibilities) geknüpft: Jeder Staat hat die Pflicht, seine eigene Bevölkerung vor schwersten Menschenrechtsverbrechen zu schützen. Darunter fallen, wie im Artikel genannt, Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und ethnische Säuberungen. Erst, wenn ein Staat unfähig oder unwillig ist, seine Bevölkerung vor derartigen Menschenrechtsverletzungen zu schützen, erhält die internationale Gemeinschaft das Recht oder die Pflicht, dort einzugreifen. (In Reaktion auf Ruanda etwa erscheint dies doch durchaus als sinnvoll.) Dieses "Eingreifen" wird zunächst ausdrücklich an zivile (!) Maßnahmen geknüpft. Militärische Maßnahmen dürfen maximal als letztes Mittel in Erwägung gezogen werden, und das auch nur, wenn sie ein geeignetes Mittel zur Behebung der Menschenrechtsverletzungen darstellen und verhältnismäßig eingesetzt werden (u.a. also mit möglichst keinen zivilien, aber auch möglichst wenig militärischen Opfern). Zudem ist hierfür ein Mandat des UN-Sicherheitsrats erforderlich.

Über die Schwierigkeit der richtigen Einschätzung eines Konflikts oder der Problematik des Legitimierungsprozesses durch einen oft von Eigeninteressen geleiten oder blockierten Sicherheitsrat, der u.a. hinsichtlich seiner Mitgliederbesetzung und deren Vetomöglichkeiten längst reformfällig ist, können wir gerne diskutieren. Ich denke aber auch, dass Sie mir da zustimmen?

Mit Hitler hat das Ganze aber - zum Glück - nichts zu tun. Das 2005 von der UN-Generalversammlung angenommene und 2001 ausgearbeite Konzept der Responsibility to Protect (=Schutzverantwortung) mit einer Grundlage für Hitlers Außenpolitik zu vergleichen, ist midestens irritierend. Grundlagenlos ist es, wenn Hitlers Annexion der Tescho-Slowakischen Republik 1939 als damit legitimierbar dargestellt wird. Das ist es nicht.

Das Konzept der Responsibility to Protect reformiert klar das klassische Verständnis von Souveränität und steht in einem Spannungsverhältnis dazu. Dabei ist Souveränität an sich aber auch schon immer hinsichtlich innerstaatlicher Abspaltungsprozesse umstritten. Ob und in welcher Form sich die Schutzverantwortung als Norm durchsetzen wird, ist weiterhin offen. Das wird ganz elementar vom Verhalten des UNSC abhängen, aber auch von dazu geführten Diskussionen. Tatenlos bei Massakern zuzugucken, weil ein Staat als Souverän innerhalb seiner Grenzen tun und lassen könne, was er wolle, erscheint mir aber moralisch als grundlegend falsch. Das bedeutet bei Weitem nicht, dass unilaterale Angriffskriege, und gar mit anderer (etwa, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben einer großdeutschen) Zielsetzung, auch nur einen Funken an Legitimität gewinnen. Auch nicht eine Annexion der Tescho-Slowakischen Republik durch Hitler.