Das Chlorhähnchen

TTIP - Das gerupfte, weißgraue Hähnchen im Chlorbad ist zum Symbol für das transatlantische Freihandelsabkommen geworden. Eine Bagatellisierung!
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Ein Symbol reduziert komplizierte Dinge auf ein konkretes Objekt, ein repräsentatives Beispiel. Das ist gut, denn es dient als Meinungsbildner. Es ist geradezu offensichtlich, dass ein zur Desinfektion in Chlorwasser getauchtes Stück Fleisch eklig ist. Jeder hat schließlich im Schwimmbad schon mal Wasser geschluckt. Zugleich ist ein solches Symbol eine gefährliche Vereinfachung. Denn TTIP ist mehr als Chlorhähnchen. Es ist viel mehr, viel schlimmer. Aber bleiben wir doch zunächst beim Beispiel des Hähnchens, weil es so schön griffig ist.

TTIP – Transatlantic Trade and Investment Partnership. Zu deutsch… transatlantisches Freihandelsabkommen. Zwischen Nordamerika und Europa sollen Handelsbarrieren abgebaut und Normen vereinheitlicht werden. Zeitgleich ist es in der Öffentlichkeit zu einer unrühmlichen Popularität gekommen, weil es dafür stehen soll, den laschen amerikanischen Verbraucherschutz in Europa importieren zu wollen. Auf der anderen Seite des Atlantiks gilt sozusagen die Unschuldsvermutung auch für Nahrungs- und Konsummittel jeder Art. Solange man nicht nachweist, dass es schädlich ist, ist es unschädlich. Außerdem enthält das Abkommen den Investorenschutz, durch den man Regierungen vor geheim tagenden Schiedsgerichten verklagen kann, wenn diese Gesetze verabschieden, die den Konzernen das Geschäft kaputt machen könnten. Das alles gilt auch für das Chlorhähnchen. Um zu verstehen, worum es bei TTIP geht, lohnt sich der fiktive Ausblick auf das jämmerliche Leben eines Hähnchens, das einmal im Chlorbad landen wird.

Wir schreiben das Jahr 2018. Im US-Bundesstaat Kentucky baut die kürzlich gegründete Firma Modifood eine riesige Hühnerfarm. Mit über 1,5 Millionen Hähnchen im Jahr übertrifft sie die noch vor einigen Jahren größte deutsche Hähnchenfabrik im niedersächsischen Hären um 300000. Aber nicht nur die Anzahl der Tiere ist gewaltig. Auch ihr Gewicht ist beträchtlich. Während der nur 29 Tage andauernden Mast bringt es das Hähnchen mit Hilfe von Wachstumshormonen auf stolze 2,5kg. Damit ist es zwar im Vergleich zu einem normal aufgewachsenen Huhn immer noch ein Spargeltarzan, aber in der deutschen Fabrik erreicht das Tier in mehr Tagen deutlich weniger Gewicht. Außerdem ist die Brutzeit für die Eier um 2 Tage und 5 Stunden auf nunmehr 19 Tage verkürzt. Mit 24 statt 21 Tieren pro Quadratmeter kann man dank präventiver Antibiotikagabe den Platzbedarf deutlich reduzieren. Die Firma Modifood ist aus einem Startup entstanden, das sich mit revolutionären Konzepten zur Fleischproduktion mit genmanipulierten Tieren einen potenten Geldgeber angeln konnte. Nun werden viele Millionen in das Projekt investiert. Man möchte den riesigen, europäischen Markt für Hähnchenfleisch fluten und hat hier massive Vorteile gegenüber dem deutschen Konkurrenten. Zwar gelten dank TTIP in Europa die gleichen Gesetze wie in Amerika, aber die Produktion genveränderter Hähnchen, mit genverändertem Futter aus dem Amazonasgebiet und massiver Antibiotikagabe ist in Europa höchst unpopulär. Großer öffentlicher Druck hat die deutsche Fabrik von ihren Plänen abgebracht, ebenfalls auf Genfood zu setzen. Am Ende liegen die günstigen Hähnchen aus Übersee dann doch im Laden. Und dort entscheidet der Verbraucher meist anhand des Preises über seinen Griff ins Regal. Jetzt hat die deutsche Regierung ein Gesetz beschlossen, dass eine umfangreiche Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel vorschreibt. Ebenso startet sie eine Kampagne, die auf die Gefahren und Folgen von Antibiotikagabe in der Fleischproduktion hinweisen soll. Modifood sieht seine Investitionen bedroht und klagt vor einem Schiedsgericht gegen das deutsche Gesetz und auf Schadensersatz wegen der Kampagne… und bekommt Recht. Der deutsche Steuerzahler muss zahlen, die Kampagne wird eingestellt, das Fleisch bleibt ungekennzeichnet. Die Hähnchen wurden übrigens am Ende der Mast in einem Chlorbad desinfiziert, falls das noch jemanden interessiert…

Dem geneigten Zeitungsleser sind die Fakten nicht neu. Bei der nationalen Gesetzgebung wird ein Veto ausländischer Konzerne eingeführt. Verbraucherschutz ist schon allein dadurch nicht mehr möglich. Darüber hinaus gibt es Pläne bezüglich Bankenregulierung, die einem den Angstschweiß auf die Strin treiben. Aber wie kann es sein, dass so etwas überhaupt zur Debatte steht? Kein Mensch mit Verstand kann so etwas wollen! Offenbar doch… denn es sind keineswegs nur die Amerikaner, die sich davon fette Gewinne erwarten. Es sind auch die deutschen Industriekonzerne, die sich über eine Harmonisierung von Standards und Normen endlich einen Zugriff auf den amerikanischen Markt erhoffen. Sicher nicht zu Unrecht. Was Industrienormen angeht, sind die meisten amerikanischen Normen nicht besser oder schlechter, lascher oder härter, sondern bloß anders formuliert und eben nicht ganz kompatibel. Man erwartet durch die Harmonisierung einen mächtigen Wachstumsschub in Europa… bis zu 4% werden da gehandelt. Und da die deutsche Wirtschaft ohnehin jegliche Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüber abgeschüttelt hat, wird verkündet, dass sie sich jeglicher Einigung widersetzen werde, in der Investorenschutz gegenüber öffentlichem Interesse ins Hintertreffen gerate. Diesen Satz darf man ruhig zweimal lesen, um seine Tragweite zu erfassen. Und da für die Kanzlerin bekanntlich Wachstum alternativlos ist, lässt sie, gewohnten Mustern folgend, verlauten, dass in solchen Abkommen Deutschland immer ein Mehr an Umwelt- und Verbraucherschutz herausgehandelt hätte. Das ist schwer vorstellbar, im besten Fall blauäugig und im schlimmsten Fall schlicht und einfach gelogen. Und damit ist einmal mehr zu erkennen, wem die Kanzlerin sich verpflichtet fühlt. Ihre Strategie ist dabei so bekannt wie wirkungsvoll: „Lasst das Mutti mal richten und macht Euch keine Gedanken“ Das Chlorhähnchen hilft ihr dabei. Es verharmlost. Tatsächlich wird Gesetzgebungskompetenz gegen Wachstum eingetauscht. Schlimmer geht’s eigentlich nicht!

14:06 03.07.2014
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Geschrieben von

Jens Gottron

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