Die Mär von der Bildung als Allheilmittel

Bildungspolitik Bildung ist wichtig! Für eine aufgeklärte Gesellschaft, für eine funktionierende Demokratie. Aber sie ist kein soziales Allheilmittel. So funktioniert unser System nicht.
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Der Ruf nach besserer Bildung, um Chancengleichheit herzustellen und so die sozialen Probleme dieses Landes zu lösen, ist weitverbreitet, bei der FDP, der CDU, der SPD, den Grünen und den Linken. Da kann man ja auch nicht dagegen sein, bessere Bildung ist gut, jeder würde ohne zu überlegen zustimmen. Ob sie dazu taugt, die vorhandene Schieflage in der Einkommens- und Vermögensverteilung zu korrigieren, darf allerdings bezweifelt werden.

Dass dieser Glaube trotzdem in weiten Teilen der Bevölkerung so fest verwurzelt ist, liegt wohl vor allem daran, dass viele Wohlhabende der Mittelschicht ihren Wohlstand tatsächlich ihrer Bildung verdanken. Ingenieure und Naturwissenschaftler, Juristen, und Ärzte sind gut bezahlte und gesuchte Fachkräfte, bei denen das Gehalt in den allermeisten Fällen von ihrer fachlichen Eignung abhängt. In Zeiten des viel zitierten Fachkräftemangels scheint es da nur naheliegend, alle zum Informatiker zu machen und schon ist das Armutsproblem gelöst. Bildung erhöht die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, sie ist geradezu entscheidend. Stimmt! Jeder könnte es schaffen… Stimmt auch, jeder schon, nur leider nicht alle. Wie sich manche erinnern können, gab es vor einigen Jahren eine Zeit, da fuhren Ärzte Taxis und Ingenieure arbeiteten in Call-Centern. Auch der Bedarf an Fachkräften ist endlich.

Wer früher Sim-City gespielt hat, weiß, dass jede Gesellschaft auch Krankenschwestern, Müllmänner, Feuerwehrmänner und Kindergärtner braucht. Und diese Jobs sind nicht schlecht bezahlt, weil sie jeder Schimpanse machen könnte - denn dem ist nicht so - sondern weil sie eben relativ wenig Wertschöpfung bieten. Und obwohl man ihren Wert für die Gesellschaft mitunter höher einschätzen könnte, als den eines Ingenieurs oder eines Informatikers, meint Wertschöpfung immer die monetäre. Mehr Bildung ändert an dieser Diskrepanz garnichts! Die Krankenschwester wird trotzdem nicht mehr Geld bekommen, weil sie den Anatomieatlas auswendig kennt und der Automechaniker wird nicht mehr Geld bekommen, weil er den Motor auch entwickeln könnte. Ein Handwerker hingegen muss kein Raketenwissenschaftler sein, um mit seinem Handwerk sehr gutes Geld zu verdienen.

Und auch unter den wirklich Armen in unserer Gesellschaft ist mitnichten einzig fehlende Bildung Schuld an der Misere. Unter den Langzeitarbeitslosen und prekär Beschäftigten sind nicht nur Ungelernte und Schulabbrecher sondern auch reichlich Alleinerziehende oder ältere Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt sind. Und auch das müssen wir akzeptieren: Büros putzen sich nicht von alleine und die Kugelschreiber wollen auch zusammengeschraubt werden. Viel Geld verdienen wird man damit trotzdem nie.

Es bleibt festzuhalten: Bildung ist oft notwendig für einen guten Verdienst, aber keinesfalls hinreichend. Bildung ist außerdem relativ, hebt man das Gesamtniveau, sind trotzdem 50% blöder als die anderen 50%. Verwechseln wir also nicht Chancengleichheit mit sozialer Gerechtigkeit. Mit Bildung alleine ist diesem Problem nicht beizukommen, gleichwohl dem Thema Bildung trotzdem eine zentrale Bedeutung zukommt. Möchte man also die Kräfte der Leistungsgesellschaft weiterhin entfesseln und gleichzeitig den sozialen Frieden im Land wahren, geht an einer angemessenen Umverteilung und einem entsprechenden Mindestlohn kein Weg vorbei.

15:50 07.09.2016
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Geschrieben von

Jens Gottron

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