Gesetz des Dschungels

Brasilien Die nordamerikanische Nonne Dorothy Stang fiel einem Auftragsmord zum Opfer

"Wenn sie mich bisher noch nicht erwischt haben, warum sollten sie es dann jetzt noch tun?", schrieb die 74-jährige Dorothy Stang, eine Nonne aus den USA mit brasilianischem Pass, ihrer Kirchengemeinde noch im Januar. Sie war zu diesem Zeitpunkt seit über 38 Jahren in Brasilien und sah sich zuletzt fast täglich Todesdrohungen ausgesetzt. Die Killer kamen schließlich am Vormittag des 12. Februar. Dorothy Stang muss geahnt haben, was geschehen würde. Sie war unterwegs zu einem Treffen mit armen Bauern. Statt zu flüchten, nahm sie die Bibel und las, als sie von sechs Schüssen getroffen wurde.

Dorothy Stang wurde in Dayton (Ohio) geboren und kam 1966 nach Brasilien. Sie wohnte viele Jahre in dem Städtchen Anapa im Bundesstaat Pará, einer der ärmsten und zugleich gesetzlosesten Regionen. Für ihre Arbeit als Menschenrechts- und Umweltaktivistin wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Über Jahrzehnte hinweg hatte sich Stang für den Schutz des Urwaldes, die Rechte der lokalen Bevölkerung und deren Anspruch auf Land eingesetzt.

Stang muss gewusst haben, in welche Gefahr sie sich begab, als sie Ende 2004 nach Brasilia reiste, um vor einer Parlamentskommission über die Entwaldung auszusagen und die Abholzungsfirmen beim Namen zu nennen - als sie davon sprach, dass bis zu 90 Prozent des Holzes im Bundesstaat Pará illegal geschlagen würden und die Behörden es nicht wagten, dagegen einzuschreiten. Die Beschuldigten reagierten unverzüglich und denunzierten Stang als "Terroristin", die Bauern in der Region mit Waffen versorgt habe.

Der Tod der Nonne hat die brasilianische Öffentlichkeit zutiefst schockiert. Etliche Minister kamen zu ihrer Beerdigung, mehrere Verdächtige wurden verhaftet. Präsident Lula da Silva beorderte 2.000 Soldaten in die Region, um Gesetzlosigkeit und Gewalt zu stoppen, und erklärte in ungewohnter Schärfe, für ihn stehe außer Zweifel, dass eine Mafia regionaler Agrarunternehmer die Ermordung von Schwester Stang und anderer Aktivisten angeordnet habe. Die Armee-Einheiten sollen nun mindestens bis Ende des Jahres bleiben und zusammen mit der föderalen Polizei bedrohte lokale Bauernführer beschützen, wie bei einem Treffen zwischen Autoritäten und 17 Menschenrechts- und Umweltgruppen vereinbart wurde.

Ob dies alles reichen wird, um Terror und Willkür zu stoppen, erscheint zweifelhaft. Der internationale Umweltschutzbund Freunde der Erde verlangt von Präsident Lula die sofortige Streichung mehrerer Infrastrukturprogramme im Amazonasgebiet. "Pläne wie der Rio Madeira-Staudamm, die Manaus-Porto-Velho-Autobahn und der Belo-Monte-Damm sollten nicht länger im Entwicklungsplan von 2004-2007 stehen", meint Meena Raman, die Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation. "Denn all diese Vorhaben sind nur dazu angetan, die illegale Landinvasion noch zu beschleunigen."

Mittlerweile hat sich auch der ehemalige EU-Kommissar Pascal Lamy zu Wort gemeldet. Er könne sich vorstellen, die Amazonas-Region als internationales Gut auf internationaler Ebene kollektiv zu verwalten. "Die Aussagen Lamys zeugen von Vorurteilen, mit denen Entwicklungsländern die Fähigkeit abgesprochen wird, ihre Naturressourcen in souveräner und nachhaltiger Form zu verwalten", parierte Brasiliens Außenminister Calso Amorim verärgert. Derartige Erklärungen seien unvereinbar mit der Position eines Generaldirektors der Welthandelsorganisation (WTO), die Lamy anstrebe. Man muss dazu wissen, dass sich auch der Brasilianer Luiz Felipe Seixas Corrêa um diese Funktion bewirbt und dies keineswegs als aussichtsloser Kandidat tut.

Was auch immer in Amazonien passiert, Schwester Stang ist tot. Vermutlich wird man sich ihrer bald wie des Kautschukzapfers Chico Mendes erinnern, eines Umweltschützers aus dem Amazonas-Gebiet, der 1988 brutal ermordet wurde. Inzwischen schrumpft der Regenwald weiter und das in einem erschreckenden Tempo.


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