RE: Fehlversuch in Sachen Autoritarismus | 12.07.2017 | 10:59

Diese Gruppe war ja auch Gespräch in der Pressekonferenz, u.a. um die Gefährlichkeit von Camps zu begründen.

Inhaltlich kann ich zu den Beweggründen dieser Leute natürlich nichts sagen, dass sie eine taktische Dummheit begehen, da schließe ich mch Weiermann, wie oben gesagt, an. Zur Distanzierung verweise ich auf den Sprecher der Flora, der sich sehr wohl distanziert hat.

Mir scheint das Problem immer folgendes zu sein: Wenn sich autonome linke Zentren von Aktionen wie dieser distanzieren, dann kommt immer der Hinweis, dass sie sich aber nicht grundsätzlich von Gewalt distanzierten und daher unglaubwürdig seien. Wir haben, denke ich, medial diesen unangenehmen Punkt erreicht, dass zwischen Sachbeschädigungen und Körperverletzungen nicht unterschieden wird und dass Gewalt per se als Mittel des politischen Kampfes negiert wird. Und da geht es nicht um die Frage des bevorzugten politischen Mittels, sondern um die Aberkennung des Politischen in der Manifestation der Militanz. Wir müssten es, denke ich, hinbekommen, Sachbeschädigung und Sabotage als politisches Mittel grundsätzlich, egal ob man es für legitim hält oder nicht, anzuerkennen. Dann ist es überhaupt kein Problem sich glaubhaft von dem Vandalismus, wie er in den Videos zu sehen ist, zu distanzieren.

Was @GELSE schrieb ist aber auch grundsätzlich ein interessanter Punkt. Mich hat es auch erstaunt, dass es diese Bilder in einer Stadt geben konnte, in der ich nicht um zwei Ecken gehen konnte, ohne wieder vor einer Polizeieinheit zu stehen.

RE: Je dois partir | 23.07.2014 | 12:10

Ich hatte Ihnen diesbezüglich bereits den Essay angeboten, wie auch andere Literatur, die einiges dazu erklärt. Offenbar ist Ihnen jedoch an einer inhaltlichen Auseinandersetzung nicht gelegen, ich versuche dennoch, manchmal bin ich einfach sehr optimistisch, Ihnen ein paar grundlegende Fehler aufzuzeigen.

1. Rationalität, Empathie und Intuition widersprechen sich nicht. Ich habe auch an keiner Stelle behauptet, dass es einen intuitiven Zugang zu rationalen Entscheidungen brauche. Ich habe lediglich angemerkt, dass rationale Entscheidungen eher akzeptiert werden, wenn man einen intuitiven Zugang zu Ihnen hat, als wenn man von einem widerstreitenden Affekt beherrscht wird.

2. Ich habe nie ausgeschlossen, dass der Todeswunsch ein Wunsch nach einem besseren Leben ist bzw. sein kann. Wenn ich jedoch bilanziere, dass dieser status quo des Lebens, den ich für eine notwendige Bedingung halte, nicht erreichbar ist, dann ist es durchaus rational, dem jetzigen status quo, den ich nicht als hinreichend zur Fortsetzung der eigenen Existenz sehe, eine Absage zu erteilen. Das wäre dann entsprechend der Suizid. Wie Sie sehen lässt sich sehr leicht zeigen, dass es sich hier nicht um Widersprüche handelt.

3. Ihre Theorie der neohedonistischen Wegwerfgesellschaft erscheint mir zu allererst aus einer unzureichenden Kenntnis über den ethischen Hedonismus zu bestehen. Weiterhin findet keine Entsorgung des Trägers statt, da der Träger nicht - oder zumindest nicht allein - Objekt der Handlung, sondern (auch) tätiges Subjekt ist. Ihr grammatikalischer Aufbau suggeriert hier etwas grundsätzlich anderes. Ich bitte dort um sprachliche Genauigkeit.

4. Rationale Entscheidungen sind natürlich vernünftig. Der Satz ist wahr, aber eben weil er tautologisch ist.

5. Die Menschenwürde ist keinesfalls die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens. Ich halte den Begriff auch für schwierig, da er meiner Ansicht nach leer ist, aber selbst wenn wir ihn so verwenden, wie wir ihn verwenden, dann ist die oktroyierte Fortsetzung von Leid wohl kaum darin beinhaltet.

6. Wenn jemand aus der Solidargemeinschaft ausscheidet, weil er nicht der Meinung der Mehrheit ist, dann muss ich mich bezüglich des reaktionären Gedankengutes entschuldigen. Ich habe Sie dann zu progressiv eingeschätzt. Was Sie hier fordern ist eine moralische Vogelfreiheit für Alle, die aus dem Chor der Lebensbejahung nicht einstimmen wollen. Dieser mittelalterliche Gedanke des Verlustes elementarer Rechte, die wir inzwischen eigentlich für Unveräußerbar halten, erschreckt mich in besonderem Maße. Gleichzeitig zwingt er auch zu einer Neueinordnung ihrer vorherigen Aussagen. Das Bild, welches sich dann abzeichnet, ist das einer Gesellschaft, die mit der Autorität der Mehrheit die Bedürfnisse der Minderheit missachtet und dieser ihre Ansichten aufzwingt. Der Begriff des Zwanges soll hier durchaus als starker Zwangsbegriff verstanden werden. Das würde uns in der Entwicklung zu einer liberalen Gesellschaft um Jahrhunderte zurückkatapultieren.

RE: Je dois partir | 21.07.2014 | 23:09

"Alles andere als ein unbedingter Lebenswille ist das Symptom einer massiven Störung und mitnichten Ausdruck von „Selbstbestimmtheit“."

Es amüsiert mich auf eine gewisse zynische Weise, dass Sie das reaktionäre Gedankengut, gegen welches ich plädiere, so exemplarisch anführen und dabei noch so tun, als stünde ich auf einem revolutionären Posten. Ein solches Gedankenspiel ist mir, historisch betrachtet, zuletzt bei Kant untergekommen. Dessen Suizidverbot ist allerdings schon mehrfach auseinandergenommen worden. Ich empfehle, weil es recht kurz ist, dazu: Dieter Birnbacher: Suizid und Suizidprävention aus ethischer Sicht.

Ohne ihre persönlichen Leiderfahrungen kleinreden zu wollen, so sollte man mit dem emotionalen Affekt der Trauer doch nicht gegen rationale Entscheidungen anrennen, nur weil der intuitive Zugang fehlt. Es wäre bedauerlich, sollten sich Haltungen wie die ihrige noch sehr lange halten.

Was die übrige Unterscheidung von terminal Kranken und den "Verzweiflungstaten Gescheiterter in der Mitte oder gar am Anfang desselben" angeht, so werden Sie leider zirkulär. Sie bezeichnen die Tat als Verzweiflungstat Gescheiteter und treffen hiermit eine terminologische Vorentscheidung, die ich definitiv ablehne. Eine entsprechende Unterscheidung ist also auf dem oberflächlichen Betrachtungsfeld, welches dieser Beitrag abdeckt, überhaupt nicht zu leisten und muss auch überhaupt nicht geleistet werden. Oder um es anders zu sagen: Um uns über den Grünton zu streiten, müssen wir einig sein, dass es sich um einen Grünton handelt.

Sofern Sie neben ihrer Polemik ein ernsthaftes Interesse an der Auseinandersetzung mit diesem Thema haben, so kann ich Ihnen gerne den Essay zusenden, der die Grundlage für diesen Beitrag bildet.

RE: Je dois partir | 21.07.2014 | 19:10

Vielleicht erscheint das Totlachen ja auch als kreative Art des Suizids?

Ansonsten bedeuten Institutionen nicht gleich Staat; hier ist eine terminologische Differenzierung durchaus angebracht. Wie dem Kommentar überhaupt einiges an differenzierter Auseinandersetzung fehlt. Über meine Gedanken denke ich gerne noch einmal drüber, Dir empfähle ich aber auch über den Text nicht nur noch einmal 'drüber'zulesen, sondern ihn sinnentnehmend zu lesen. Kleiner Tipp: Konjunktoren sagen sehr viel über den semantischen Aufbau aus...

RE: Der schleichende Putsch | 07.01.2014 | 11:53

Neben den Hintergründen, die hier mit Verweis auf andere Medien und Stellungnahmen, nochmals erläutert wurden noch ein kleiner Kommentar aus der FR, welcher mir kurz nach dem Verfassen des obigen Beitrags untergekommen ist:

http://www.fr-online.de/meinung/rote-flora-hamburg-strategie-der-aufruestung,1472602,25807392.html

RE: Eine Universität gibt auf | 09.12.2013 | 11:06

Was mir bei den letzten beiden Beiträgen auffällt ist, dass man so tut, als handele es sich hier um einen Mitläufer. Und das ist einfach falsch. Das was Sie, Ernstchen, beschreiben ist klassische bürgerliche Intoleranz. Die findet sich bei den beiden großen Volksparteien wieder. Rassistische Ressentiments und Homophobie bilden sogar eine Grundlage für große Teile des CDU-Parteiprogramms. Aber Brück ist eine andere Nummer.

Entsprechend kann ich persönlich den Rekurs auf seine Persönlichkeitsrechte nicht verstehen. Brück ist eine Person des öffentlichen Lebens. Es wurde ja auch keine Hetzjagd auf ihn gemacht, sondern darauf hingewiesen, wer er ist.

Man kann natürlich sagen, dass eine Vorlesung unter Anwendung aller Mittel durchgesetzt werden muss. Immerhin wird hier Menschenmaterial für den Arbeitsmarkt produziert. Dann brauchen wir uns über politische Partizipation gar keine Gedanken mehr machen. Dann machen wir Veranstaltungen, zu denen nur bereits informierte Leute kommen, und 95% der Menschen um uns herum fragen sich, warum denn niemand diesen Brück bemerkt hat, der da jetzt mordend durchs Land zieht.

RE: Eine Universität gibt auf | 08.12.2013 | 23:44

Liebe Jana, ich sehe schon einen signifikanten Unterschied zwischen Antisemitismus und Antifaschismus. Mir ist allerdings auch unklar, wie es zu dieser Conclusio kommt. Folgt man den Äußerungen jedoch erscheint zumindest ein 'ex falso quodlibet' als realistisch.

Es ist an keiner Stelle in diesem Text eine Exmatrikulation erwähnt, zumindest nicht für Brück. Ebenso wird das Versagen der Universität nicht auf Borges bezogen. Es sind viel mehr die Äußerungen des Universitätssprechers.

Und nein, Nazis sind nicht radioaktiv. Wären sie es, so gäbe es zumindest eine Ausrede dafür, dass man ihre Straftaten nicht entdeckt. So bleibt ein ungutes Gefühl. Richtig ist aber wohl, dass Nazis sich dort ausbreiten, wo man sich ihnen nicht entgegen stellt.

Aus einer linken Perspektive heraus ist es entsprechend vollkommen unverständlich, wenn man Nazis unentdeckt leben lassen will. Antifaschistische Bündnisse haben ein reges Aufklärungsinteresse, sie sind nicht der Verfassungsschutz.

Und jemanden, der resp. die, aus einer linken Perspektive schreibt, muss man doch wohl auch nicht vermitteln, warum sich bei einer solchen Aktion eine Unkenntlichmachung anbietet. Vielleicht möchte man ja trotz seines Engagements sein physisches Wohl ein wenig beibehalten dürfen.

RE: Eine Universität gibt auf | 05.12.2013 | 19:26

Wie oben auch der Verweis auf das, von den Ruhrbaronen, dokumentierten Video. Ein Universitätsprofessor ist zudem auch kein Repräsentant einer Staatsgewalt.

Meine Frage wäre aber auch, ob man entweder Schreibtischlinks oder Märtyrer sein muss, um ernstgenommen zu werden. Anders kann ich mir die Debatte um die Masken nicht erklären.

RE: Eine Universität gibt auf | 03.12.2013 | 22:28

Wie man dem Video entnehmen kann ist niemand "gestürmt", sondern man hat ruhigen Schrittes den Raum betreten. Wie man dem Video ebenfalls entnehmen kann, geht niemand auf den Dozierenden zu; es gibt keinerlei Bedrohungssituation. Wie man dem Video ebenfalls klar entnehmen sucht der Professor zuerst die physische Konfrontation.

Und die Frage, wer angefangen hat, ist keinesfalls ein bisschen lustig, sondern strafrechtlich höchst relevant. Ich fürchte, dass Ihnen die Ausmaße dieses Zwischenfalls in keiner Weise bekannt sind.

RE: Eine Universität gibt auf | 03.12.2013 | 21:34

Es wurde auch kein Podium gestürmt, sondern eine Vorlesung unterbrochen. Dass man darüber diskutieren kann, sagte ich bereits. Dann aber bitte mit Argumenten und nicht mit der Feststellung, dass man das einfach nicht macht.

Und warum genau musste der Prof annehmen, sie seien gewaltbereit? Weil es Linke waren? Weil sie einen Nazi outen wollten? Und natürlich ist es ein Skandal, wenn aus so einer Debatte eine Diskussion über Linksradikalismus entspringt, in der sich die Lokalpresse mit der Presse der radikalen Rechten argumentativ gemein macht.

Zur Frage der Handgreiflichkeiten haben die Ruhrbarone heute übrigens einen weiteren Beitrag gebracht, welcher auch ein Video zeigt. Offenbar ist der Prof auf die Aktivist*innen losgegangen. Das weitet den Skandal noch aus.

http://www.ruhrbarone.de/ruhr-uni-prof-vs-antifa-vorbildliches-staatsbuergerliches-verhalten/