JoS
03.12.2013 | 19:55 20

Eine Universität gibt auf

Extreme Rechte Eigentlich wollte man auf einen Kader der extremen Rechten aufmerksam machen. Jetzt hat ein Professor Strafanzeige gestellt und der Staatsschutz ermittelt - nach links.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied JoS

Der 02.12. war ein sonniger Wintertag - auch in Bochum. In der Innenstadt fand eine Einführung für Erstsemster in das Bürgerliche Gesetzbuch statt. Plötzlich waren sie mit ihrem Dozenten, dem Juraprofessor Georg Borges, nicht mehr allein. Etwa 20 Personen in Weihnachtsmannkostümen, Scream- und Guy-Fawkesmasken betraten das Auditorium. Bei sich trugen sie einen großen Pfeil, Plakate und ein Megaphon. Das Anliegen: Sie wollten auf einen der Studierenden aufmerksam machen. Professor Borges wollte das nicht. Er versuchte den Aktivisten mit dem Megaphon herauszudrängen, dieser schlug zu. Es entsteht ein Tumult. Ab dort wird es unübersichtlich, die Aussagen fangen an sich zu widersprechen.

Hintergrund der Aktion an der Bochumer Ruhruniversität (RUB) war das Outing eines Kaders der militanten rechten Szene. Eine weitere, es gab in diesem Jahr mehrere. Erst kürzlich wurde in Hannover eine NPD-Aktivisten geoutet - dort an der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät, im Fachbereich Politikwissenschaften. Outings sind umstritten, viele Lehrende und auch Studierende halten sie für übergriffig. Aus dem linken Spektrum hört man, es sei notwendig. Studierende, die sich in der extremen Rechten bewegen, dürften nicht unerkannt auf den Fluren der Hochschulen wandeln. Doch die Fälle in Hannover und Bochum sind zu unterscheiden; vor allem in ihrer Wirkung.

Während das Hannoveraner Vorkommnis eine Debatte über den Umgang mit der extremen Rechten an Hochschulen anregte, schlägt die Debatte an der RUB in die andere Richtung aus. Der Staatsschutz ermittelt nun - gegen links. Den beteiligten Studierenden droht vielleicht eine Exmatrikulation, Borges hat zudem Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt. Von Teleskopschlagstöcken ist inzwischen die Rede und das Rektorat, wie auch der AStA, verurteilen die Aktion mit harten Worten. Das Wort des gewaltbereiten Linksextremismus ist in aller Munde. Der Fachschaftsrat zeigte sich mit dem angeprangerten Kommilitonen solidarisch, parteipolitisches Engagement dürfte nicht auf diese Weise diskreditiert werden. Der Post ist inzwischen wieder von der Facebookseite des FSR verschwunden. Ein Stirnrunzeln bleibt.

Bei dem Studenten, auf den die Gruppe aufmerksam machen wollte, handelt es sich nämlich nicht um einen AfD-Sympathisanten, wie sie auch im Umfeld des AStA vorkommen, und auch nicht um eine NPD-Aktivistin, wie dies in Hannover der Fall war. Es handelt sich um Michael Brück, führendes Mitglied bei der Partei 'Die Rechte', welche als Sammelbecken für Kader der Kameradschaftsszene gilt. Für diejenigen, denen die NPD nicht radikal genug ist. Brück wird dem, inzwischen verbotenen, Nationalen Widerstand Dortmund (NWDO) zugeordnet. Nach bisherigen Erkenntnissen war er an dem Angriff auf die DGB-Demo am 01.05.2009 in Dortmund beteiligt. Außerdem gibt es Hinweise auf Verbindungen zwischen dem NWDO und dem selbsternannten 'Nationalsozialischen Untergrunds (NSU)'. Bei Brück handelt es sich nicht um einen Mitläufer, sondern um einen der führenden Neonazis Deutschlands.

Die Debatte gerät nun jedoch aus den Fugen. In einem Kommentar vergleicht Michael Weeke in der WAZ, der ansässigen Lokalzeitung, die Aktivisten aus Bochum mit Nazis. Von Brück ist keine Rede mehr. Er hat gewonnen. Doch Weeke ist hier kein Brandstifter, er folgt nur der Argumentation. Einer Argumentation, die Fachschaftsrat, Rektor und die rechtskonservative 'Junge Freiheit' vereint.

Betrachtet man die Lage einigermaßen objektiv, so muss man feststellen, dass in Bochum eine umstrittene Aktionsform gehörig schiefgelaufen ist. Wenn sich die Aktivistinnen und Aktivisten nur auf Plakate und Flyer verlassen hätten, wenn sie vielleicht auf einen Wortbeitrag in der Vorlesung verzichtet hätten, wenn der Dozent besonnener reagiert hätte, wenn der bedrängte Aktivist ruhiger reagiert hätte, vielleicht wäre dann nur auf Brück aufmerksam gemacht worden. Jetzt gibt es eine Debatte über Linksradikalismus, weil eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen in einem allgemeinen Tumult endete.

Feststellen lässt sich: Bochum zeigt, dass die Frage, ob und in welcher Form Outings stattfinden dürfen, einer weiteren Debatte bedarf. Immerhin ist sie auch im linken Spektrum umstritten. Bochum zeigt aber auch, dass eine Universität schon in erster Instanz vor der radikalen Rechten einknickt. Wenn eine Universität mit großem Aufwand einen führenden Neonazi vor politischer Auseinandersetzung schützt, dann läuft etwas falsch. Doch davon wird in der Debatte nichts bleiben. In den nächsten Wochen wird es um linke Chaoten gehen, nicht um gewalttätige Neonazis. Das ist der Skandal in Bochum. Und nichts anderes.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (20)

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Ehemaliger Nutzer 03.12.2013 | 20:48

Wir wollen uns darum nicht streiten :-) Sie finden selbst die Aktion ist schiefgelaufen. Ich finde an dieser schiefgelaufenen und dadurch höchst missverständlichen Aktion lässt sich schlecht ein Skandal ausrufen.

Es sind nun mal nicht Rechte aufs Podium gestürmt, sondern Linke, von denen der Prof annehmen musste, sie seien gewaltbereit, auch wenn das evtl. nur ein Affekt eines Einzelnen in einem Handgemenge war.

Dass die Studis vielleicht exmatrikuliert werden, ist nicht nicht gerade die schlimmst-anzunehmende-Katastrophe. Ich geh mal davon aus das wird nicht passieren, aber andererseits... ehrlich ... Podien stürmen und Professoren schlagen macht man auch nicht :-)

JoS 03.12.2013 | 21:34

Es wurde auch kein Podium gestürmt, sondern eine Vorlesung unterbrochen. Dass man darüber diskutieren kann, sagte ich bereits. Dann aber bitte mit Argumenten und nicht mit der Feststellung, dass man das einfach nicht macht.

Und warum genau musste der Prof annehmen, sie seien gewaltbereit? Weil es Linke waren? Weil sie einen Nazi outen wollten? Und natürlich ist es ein Skandal, wenn aus so einer Debatte eine Diskussion über Linksradikalismus entspringt, in der sich die Lokalpresse mit der Presse der radikalen Rechten argumentativ gemein macht.

Zur Frage der Handgreiflichkeiten haben die Ruhrbarone heute übrigens einen weiteren Beitrag gebracht, welcher auch ein Video zeigt. Offenbar ist der Prof auf die Aktivist*innen losgegangen. Das weitet den Skandal noch aus.

http://www.ruhrbarone.de/ruhr-uni-prof-vs-antifa-vorbildliches-staatsbuergerliches-verhalten/

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Ehemaliger Nutzer 03.12.2013 | 22:09

Ach, und ich dachte, dass Stürmen und Schlagen keine besonders sozialverträglichen Handlungen sind, müsse man nicht noch argumentativ untermauern ^^

Ich hab das Video angeschaut und kann mir danach keine Meinung bilden, wer angefangen hat (der hat angefangen... finden Sie das nicht selbst ein bisschen lustig?)

Probieren Sies einfach mal mit einem Perspektivwechsel, also versuchen Sie sich die Situation von Seiten des Professors aus vorzustellen... wenn 20 maskierte Leute einen Vorlesungssaal stürmen, ist das eine massiv bedrohliche Situation. Wenn mir das passiert wäre, würde ich die nächsten Vorlesungen immer wieder zu Tür blicken und mich fragen wer reinkommt. Ich würde vermutlich sogar einen Sicherheiheitsdienst anfordern, weil ich keine Lust habe, in irgendwelche Handgemenge verwickelt zu werden. Die Menschen haben da einfach Angst.

JoS 03.12.2013 | 22:28

Wie man dem Video entnehmen kann ist niemand "gestürmt", sondern man hat ruhigen Schrittes den Raum betreten. Wie man dem Video ebenfalls entnehmen kann, geht niemand auf den Dozierenden zu; es gibt keinerlei Bedrohungssituation. Wie man dem Video ebenfalls klar entnehmen sucht der Professor zuerst die physische Konfrontation.

Und die Frage, wer angefangen hat, ist keinesfalls ein bisschen lustig, sondern strafrechtlich höchst relevant. Ich fürchte, dass Ihnen die Ausmaße dieses Zwischenfalls in keiner Weise bekannt sind.

Ernstchen 04.12.2013 | 11:16

Entschuldigung, aber wenn ein paar "Linke" maskiert Vorlesungen stören um schön gepflegt nach alter Mittelalter-Art irgendwen an den Pranger zu stellen und im Verlaufe dessen auch noch dem Professor eins draufgeben, dann sind das schlicht Idioten. Ich habe das Gefühl dass die teils absichtlich die "Staatsgewalt" provozieren, damit sie danah wieder total reif und erwachsen ACAB an Hauswände sprayen können. Das ist - wie man wieder sieht - kontraproduktiv im "Kampf gegen Rechts", darüber sollte sich niemand wundern und schon gar nicht "Skandal!" rufen. Aber es macht mich traurig dass die so gegen Rechts engagierten in der Linken Szene oft all das vermissen lassen was ihre Mentalität von der rechten unterscheiden würde. Manchmal scheinen mir die beiden Gruppen nur unterschiedliche Gegner zu haben. Dabei müsste gegen die Menschenverachtung und Gewalt der Rechte das genaue Gegenteil stehen, auch wenn das sauschwer ist, ich weiß ... :(

Ernstchen 04.12.2013 | 11:16

Entschuldigung, aber wenn ein paar "Linke" maskiert Vorlesungen stören um schön gepflegt nach alter Mittelalter-Art irgendwen an den Pranger zu stellen und im Verlaufe dessen auch noch dem Professor eins draufgeben, dann sind das schlicht Idioten. Ich habe das Gefühl dass die teils absichtlich die "Staatsgewalt" provozieren, damit sie danah wieder total reif und erwachsen ACAB an Hauswände sprayen können. Das ist - wie man wieder sieht - kontraproduktiv im "Kampf gegen Rechts", darüber sollte sich niemand wundern und schon gar nicht "Skandal!" rufen. Aber es macht mich traurig dass die so gegen Rechts engagierten in der Linken Szene oft all das vermissen lassen was ihre Mentalität von der rechten unterscheiden würde. Manchmal scheinen mir die beiden Gruppen nur unterschiedliche Gegner zu haben. Dabei müsste gegen die Menschenverachtung und Gewalt der Rechte das genaue Gegenteil stehen, auch wenn das sauschwer ist, ich weiß ... :(

sWoR7gHo5t - CT 06.12.2013 | 08:20

Mein erster Gedanke nach dem Lesen des Artikels war: "Idioten ! Wenn ihr einen Überwachungsstaat wollt habt ihr gerade mit JA gestimmt...!" Mein zweiter Gedanke war: "Vendetta und Scream? Fehlt nur noch Matrix und World of Warcraft und ich kann euch ernst nehmen...." ..."eine Universität gibt auf..." ...hat eine Bildungseinrichtung den Anspruch parteipolitische standings zu beziehen? Ist sie Austragungsort einer Politischen Ausseinandersetzung? Veranstallten Unis Links/Rechtsradikale "politische Spiele"?...ich denke Nein ! Eine Universität ist ein Ort der Bildung und des Austauschs...sie ist allenfalls Plattform der Meinungsfreiheit, aber niemals Mittel zum Zweck bzw. sollte Bildung nicht mit Links/Rechtsradikalen Inhalten aufladen... ...und was die Bengels angeht die eine Vorlesung mit nem Abisturm verwechseln... Wenn ich etwas verändern will dann durch Verantwortlichkeit...vorbildhaften Charackter...und den Anspruch moralische, philantropische und ethische Prinzipien zu Leben und als Leitbild in die Welt zu tragen......

Jana Feedler 08.12.2013 | 11:53

Was für zeitliche Zusammenfälle es gibt! Kaum ist (seit 1.12.) die "Linke Liste" wieder da und gibt es im Januar Stupa-Wahlen, wird der Uni auf einmal geschickt in Nazi-Problem angedichtet. Ein Schelm wer Böses dabei denkt.

Die Frage ist, was war wirklich das Ziel dieser Aktion?

Vermummung signalisiert beileibe keine Friedlichkeit. Niemand weiß, wie provokant oder bedrohlich der Professor die Situation erlebt hat und wie oft ER zu diesem Zeitpunkt, wo das Video startet, bereits aufgefordert hatte, den Raum zu verlassen. Und auch wenn es in der PM heißt, die Weihnachtsmützen seien kreativ gewesen: Vieles ist nicht mehr lustig, wenn darunter eine Sturmmaske sitzt.

Beide Seiten haben da nicht grad Stärke gezeigt. Aktivismus gegen Rechts ist gut und wichtig. Aber der Diskurs sollte doch nicht in die Richtung: "Wir müssen die Spezies Nazi auslöschen" laufen. Auch wenn er als "kein Mitläufer, kein eingeschüchterter harmloser Student," (Zitat Presseerklärung) eingeschätzt sein mag, wird er nicht als Monster geboren worden sein. Es gibt keine Babys, die als erstes "Heil Hitler" sagen. Und es macht jemanden auch nicht zum Vogelfreien, gewaltige Fehler zu machen.

Eine aufgeklärte Gesellschaft führt keinen Rache- sondern einen Präventionsdiskurs. Vor allem führen *Linke* keinen Ausgrenzungs- sondern einen Aufklärungsdiskurs. Nazis sind Menschen, die fehlgeleitete Vorstelllungen haben, die mal oberflächlich, aber auch mal sehr tief liegen. Nazis so zu bekämpfen, wie Nazis selbst es bei Ausländern tun, reproduziert Nazi-Methoden -die man doch eigentlich bekämpfen will.

Jana Feedler 08.12.2013 | 11:54

Es ist Tatsache, dass man jemanden wegen verirrten Gedankengutes nicht einfach exmatrikulieren kann. Ein Mensch, der rechts ist und an der Uni studieren will, ist der Uni sicher unangenehm, aber er macht kein Nazi-Problem an der Uni. Nazisein ist nicht Radioaktivität - ein Nazi kontaminiert keine Uni, zumal, wenn die Uni sich nicht "wehren" kann oder rechtlich darf.

Wir haben hier: 3 Parteien: 1 Professor, 1 Nazi, 1 Antifa-Gruppe. Da ist so ein wohlkalkulierter Fehlschluss dabei: "Stören wir mal die Veranstaltung des Profs von dem Nazi, wenn der sich dann wehrt, sagen wir: die Uni schützt Nazis, höhö" Nee, dem gings klar um *seine* Veranstaltung und, wie wir Profs kennen, um *seine Autorität* und das wird bewusst im Nachhinein dann genutzt. "Gegen die Antifa im Moment, wo sie seine Veranstaltung stört" heißt ja nicht gleich "generell für den Nazi", inbesondere, wenn der Dritte selbst grad krass angefressen ist.

Dass er da nicht grad souverän reagiert hat und für den Kurzschluss bestimmt eher Kritik als eine Medaille verdient, steht auf einem anderen Blatt. Spooky ist sicher auch die einseitige Berichterstattung, die aber auch stark mit der späten Pressemitteilung der Antifa zusammenhängen wird. Und damit, dass eine unbekannte Gruppe von Vermummten, die ohne Ankündigung eine VL stört, vom Prof sicher nicht zu Unrecht als Bedrohung erlebt wird - egal, wie lustig sie sich findet.

Seit dem 1.12. ist auch die "Linke Liste" wieder in der Hochschulpolitik der Ruhr-Uni und kann Promo gebrauchen. Dass das Zufall ist, kann ich nicht glauben. Wenn das Ziel war, eine Situation herbeizuführen, in der sich Leute von der Ruhr-Uni so verunsichert in ihrer Reaktion zeigen würden, dass man nachher genüsslich von einem "Nazi-Problem" an der Uni sprechen kann, dann ist die Mission ja gut verlaufen.

Jedenfalls: Mit Sturmmasken, Sonnenbrillen und Xmas-Style in seine VL reinzuschneien ist jetzt nicht das friedvollste Zeichen, das man einem Prof. so aussenden kann. Ich finde daran irgendwie auch nichts besonders "links", bei allen Facetten, die mir als Linker so zu "links" einfallen.

Das hatte etwas von: "mitteralterlicher Mob will aufräumen". Dabei gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, Leute über Rechts aufzuklären und wirklich etwas positives zu bewirken in den Köpfen der Menschen. Zum Beispiel eine intensive Flyer-Aktion und gute Vortragsreihe mit "Denkfehlern rechten Gedankenguts" oder Ähnlichem.

Wenn eine Gesellschaft, die vor 80 Jahren gerufen hat, "Juden raus", heute ruft: "Nazis raus", hat sie nichts gelernt.

JoS 08.12.2013 | 23:44

Liebe Jana, ich sehe schon einen signifikanten Unterschied zwischen Antisemitismus und Antifaschismus. Mir ist allerdings auch unklar, wie es zu dieser Conclusio kommt. Folgt man den Äußerungen jedoch erscheint zumindest ein 'ex falso quodlibet' als realistisch.

Es ist an keiner Stelle in diesem Text eine Exmatrikulation erwähnt, zumindest nicht für Brück. Ebenso wird das Versagen der Universität nicht auf Borges bezogen. Es sind viel mehr die Äußerungen des Universitätssprechers.

Und nein, Nazis sind nicht radioaktiv. Wären sie es, so gäbe es zumindest eine Ausrede dafür, dass man ihre Straftaten nicht entdeckt. So bleibt ein ungutes Gefühl. Richtig ist aber wohl, dass Nazis sich dort ausbreiten, wo man sich ihnen nicht entgegen stellt.

Aus einer linken Perspektive heraus ist es entsprechend vollkommen unverständlich, wenn man Nazis unentdeckt leben lassen will. Antifaschistische Bündnisse haben ein reges Aufklärungsinteresse, sie sind nicht der Verfassungsschutz.

Und jemanden, der resp. die, aus einer linken Perspektive schreibt, muss man doch wohl auch nicht vermitteln, warum sich bei einer solchen Aktion eine Unkenntlichmachung anbietet. Vielleicht möchte man ja trotz seines Engagements sein physisches Wohl ein wenig beibehalten dürfen.

Ernstchen 09.12.2013 | 01:26

Ich stimme Ihnen zu, zwischen Antifaschismus und Antisemitismus besteht ein Unterschied, aber ich würde mich freuen wenn die linken Antifa-Aktivisten auch zur Kenntnis nehmen würden dass diese zwei Phänomene zumindest in einigen Punkten Ähnlichkeiten aufweisen. Zu behaupten bzw. zu glauben dass die zwei komplett unterschiedliche, ja gegensätzliche Dinge wären halte ich persönlich für betriebsblind. Ich hatte hier in der FC schon mal eine Diskussion, in der ich davon sprach dass ich beruflich mit Securitypersonal zu tun habe, das Böhse Onkelz hört und hin und wieder mal über Schwule verächtliche Sprüche reißt. In dem Zusammenhang schrieb ich dass diese Jungs an sich ok sind und dass ich ihnen ihre teils versteinerten Ansichten sicher nicht durch Konfrontation austreiben werde, sondern versuche ihnen ein positives Beispiel zu geben, wie man mit anderen, offeneren Augen durch die Welt gehen kann. Mit diesen Bemerkungen war ich für einige Mitdiskutanten bereits ein gefährlicher Nazisympathisant. Wir werden durch Hexenjagd keine bessere Gesellschaft, keine friedlichere, auch nicht durch Hexenjagd gegen vermeintliche Nazis. Gegen das Gedankengut können wir nur mit Menschlichkeit und einem besseren Beispiel vorgehen. Die Taten können wir bestrafen. Aber nur die.

Jana Feedler 09.12.2013 | 01:34

Klar du hast Recht, es ist natürlich nicht dasselbe und ich setze es auch nicht gleich.

Was ich meine, ist: Was all diese Vorurteile und spezifischen Abwertungen im Endeffekt erst gefährlich macht, ist der Mechanismus, dass eine Gruppe sagt: wir sind die einzig richtigen und den anderen erkennen wir alle oder bestimmte Menschenrechte ab.
Was hat die Antifa hier anderes getan mit dem Plakatieren? Auch Nazis haben Menschenrechte, weil Menschenrechte indiskutabel und universell sind.

Wenn man jemanden ausstellt wie eine Kopfgeldbeute, würde ich das -wie die Uni- als Persönlichkeitsrechtsverletzung betrachten. Wir richten uns doch gegen Nazis wegen humanistischer Grundüberzeugungen. Was für einen Sinn hat es, Menschenrechtsbedenken auszuschalten um eine Ideologie zu bekämpfen, die man nicht mag, weil sie selbst Menschenrechte missachtet? Das ist der Kern meiner Aussage oben.

Ein großer Teil des Problems ist es, einer Gruppe von Menschen die Menschenrechte abzusprechen und sie jagen zu gehen - egal welche Gruppe man in die Formulierung schreibt. Es bleibt immer falsch.

Ich hab ja nie gesagt, nicht verstehen zu können, warum sie nicht vermummt sind. Das ist mir schon klar. Ich bin auch nicht hier, um Berichterstattung über Linke zu verteidigen. Aber diese Vermummung hat halt einen Außeneffekt. Kommunikation ist das, was beim Empfänger letzlich ankommt. Wenn ein Professor sich aufeinmal mit 20 vermummten Männern in seiner VL konfrontiert sieht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich bedroht sieht, doch einfach sehr groß. Machen wir uns nichts vor.

Und scheinbar war dies der Fall, denn er hat ja dann auch recht impulsiv und unsouverän reagiert. Was ich oben darlege ist mein Unverständnis darüber, dass der Fakt, dass das bedrohlich wirkt, scheinbar vonseiten der Lili oder Antifa völlig ausgeblendet wird.

Dass der Prof falsch gehandelt hat, steht auf nem anderen Blatt. Aber man kann doch nicht den Kontext ignorieren.
Zu sagen: weil der Prof sich gegen Antifa in seiner VL wehrt, in der auch ein Student ist, mit dem die Antifa ein Problem hat, und die Uni sich vor den Prof stellt, sei die Uni machtlos gegen Nazis - das ist ein dicker logischer Fehlschluss, der halt sehr schnell ins Auge springt.

Nur weil ich zwei Feinde habe (von dem einer vielleicht gerade neu ist, denn ich störe gerade seine Veranstaltung auf für ihn unangenehme Weise), heißt das nicht, dass der eine den anderen mag oder für ihn eintritt. Einfach ausgedrückt.

Es ist nicht zu leugnen, dass diese Aktion und die aus ihr gezogenen, m.E. falschen, Schlüsse sehr mit dem Wiederauftauchen der Linken Liste zusammenfallen - das ja sicher mindestens einige Wochen früher geplant wurde, denn Menschen müssen sich organisieren.

Gegen Rechts: ja bitte. Aber bitte im Sinne der Menschenrechte und ohne tendenziöses: "Wer nicht für mich ist, ist immer gegen mich" bzw. "Wenn die Uni die Antifa einmal rausschmeißt, muss sie auf der Seite der Rechten stehen".
Das Leben ist komplexer. Und er Kampf gegen Rechtes Gedankengut keine Sache der Uni, sondern eine von Gruppen wie der Antifa, die ihre Aktionen eben auf eigene Gefahr ausübt.

Mir hätten Flyer zu rechten Organisationen und spannende Vorträge ausgereicht. Man hätte auch indirekt auf ihn hinweisen können, wenn man über die Dortmunder Recht informiert, nur zum Beispiel. Auch die Antifa muss sich keiner doofen Methoden bedienen, um Dinge zu erreichen. Doofe Methoden werden natürlich sanktioniert, aber das weiß man doch vorher.

Es ist ein bisschen wie ein Klassenkasper, der die Lehrerin so lange beleidigt und bis er sagen kann, sie konnte ihn eh nicht leiden, wenn sie ihn vor die Tür stellt. Die Uni kann nur auf der Seite der Linken stehen, wenn diese im rechtlichen Rahmen bleiben. Und da es sich um kluge Leute handelt, bleibt der Verdacht, dass so eine Sanktion von Uniseite bei der Antifa-Aktion - zumindest einkalkuliert war, um Promo für die Linke Liste zu haben. :/

JoS 09.12.2013 | 11:06

Was mir bei den letzten beiden Beiträgen auffällt ist, dass man so tut, als handele es sich hier um einen Mitläufer. Und das ist einfach falsch. Das was Sie, Ernstchen, beschreiben ist klassische bürgerliche Intoleranz. Die findet sich bei den beiden großen Volksparteien wieder. Rassistische Ressentiments und Homophobie bilden sogar eine Grundlage für große Teile des CDU-Parteiprogramms. Aber Brück ist eine andere Nummer.

Entsprechend kann ich persönlich den Rekurs auf seine Persönlichkeitsrechte nicht verstehen. Brück ist eine Person des öffentlichen Lebens. Es wurde ja auch keine Hetzjagd auf ihn gemacht, sondern darauf hingewiesen, wer er ist.

Man kann natürlich sagen, dass eine Vorlesung unter Anwendung aller Mittel durchgesetzt werden muss. Immerhin wird hier Menschenmaterial für den Arbeitsmarkt produziert. Dann brauchen wir uns über politische Partizipation gar keine Gedanken mehr machen. Dann machen wir Veranstaltungen, zu denen nur bereits informierte Leute kommen, und 95% der Menschen um uns herum fragen sich, warum denn niemand diesen Brück bemerkt hat, der da jetzt mordend durchs Land zieht.

Jana Feedler 09.12.2013 | 11:30

Aber selbst wenn er kein Mitläufer, sondern eine treibende Kraft ist, hat er weiterhin Menschenrechte. Es gibt doch kein Ende der Skala "Wie schlimm ist der Nazi wirklich?", an dem jemand auf einmal "die Grenze" überschreitet und -schwupps- kein Mensch mehr ist.

Der Schluss ist übertrieben: Es gibt Mio. andere Gründe, aus denen Unterbrechungen wie diese nicht gewünscht sind. Wie gesagt muss das auf ihn extrem bedrohlich gewirkt haben, es war ja auch nicht abgesprochen. Vielleicht wusste Borges selbst nichts von Brück, die VL war in der Innenstadt, er hat sicher ein Auto - wer weiß, wann er das letzte Mal über den Campus gelaufen ist. Klar kann die Antifa solche Dinge auch schlecht absprechen, ist mir schon klar. Aber dann muss sie eben davon ausgehen, dass das nicht so peaceful rüberkommt.

Man kann ja gerne in Blogs o.Ä. auf ihn als öffentliche Person hinweisen und sehen dass der Link geteilt wird. Aber wie gesagt: unter seinen Mitstudierenden Plakate aufzuhängen, was soll das denn bewirken außer Mobbing und Ausgrenzung? Denn mehr Handlungskompetenzen haben die Studierenden nicht. Was für eine Erwartung hat diese "Wanted"-Symbolik? So ein Blogeintrag, oft genug geteilt, hätte doch vollkommen gereicht. Nungut, jetzt gibts ne Mail, die an alle ging, jetzt wissens auch alle.

Aber unter uns: Dass der jemals das "Rechtssystem für sich nutzen" könnte, das kann man eh erst sagen, wenn er das erste Staatsexamen gepackt hat. Und auch wenn er führend ist, so ganz besonders intelligent schaut der einfach nicht drein auf den Fotos.

Jana Feedler 09.12.2013 | 11:31

Aber selbst wenn er kein Mitläufer, sondern eine treibende Kraft ist, hat er weiterhin Menschenrechte. Es gibt doch kein Ende der Skala "Wie schlimm ist der Nazi wirklich?", an dem jemand auf einmal "die Grenze" überschreitet und -schwupps- kein Mensch mehr ist.

Der Schluss ist übertrieben: Es gibt Mio. andere Gründe, aus denen Unterbrechungen wie diese nicht gewünscht sind. Wie gesagt muss das auf ihn extrem bedrohlich gewirkt haben, es war ja auch nicht abgesprochen. Vielleicht wusste Borges selbst nichts von Brück, die VL war in der Innenstadt, er hat sicher ein Auto - wer weiß, wann er das letzte Mal über den Campus gelaufen ist. Klar kann die Antifa solche Dinge auch schlecht absprechen, ist mir schon klar. Aber dann muss sie eben davon ausgehen, dass das nicht so peaceful rüberkommt.

Man kann ja gerne in Blogs o.Ä. auf ihn als öffentliche Person hinweisen und sehen dass der Link geteilt wird. Aber wie gesagt: unter seinen Mitstudierenden Plakate aufzuhängen, was soll das denn bewirken außer Mobbing und Ausgrenzung? Denn mehr Handlungskompetenzen haben die Studierenden nicht. Was für eine Erwartung hat diese "Wanted"-Symbolik? So ein Blogeintrag, oft genug geteilt, hätte doch vollkommen gereicht. Nungut, jetzt gibts ne Mail, die an alle ging, jetzt wissens auch alle.

Aber unter uns: Dass der jemals das "Rechtssystem für sich nutzen" könnte, das kann man eh erst sagen, wenn er das erste Staatsexamen gepackt hat. Und auch wenn er führend ist, so ganz besonders intelligent schaut der einfach nicht drein auf den Fotos.