Jan Fremder
24.09.2011 | 00:38

Buchkritik: Die Datenfresser von Constanze Kurz und Frank Rieger

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Jan Fremder

Der Untertitel beschreibt den Inhalt etwas reißerisch aber akzeptabel: „Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen.“

Wobei der Satz auch ein bisschen viel verspricht. Es geht mehr um das „Was“ und das „Wofür“ als um das „Wie“ von beispielsweise zugrundeliegenden Scoring-Algorithmen.

Nach den ersten paar Seiten dachte ich, muss ja ganz schön mit der heißen Nadel gestrickt worden sein, wegen ein paar Rechtschreib- / Setzfehlern gleich ab erstem Absatz. Auch bietet es eine relativ nicht-technische Einsicht in das Gebiet, so dass die typischen „Fachidioten“ in dieser Hinsicht keine ausufernd detaillierten Offenbarungen erfahren. Das ist bei Umfang der Materie auch gar nicht möglich und in Bezug auf die eigentliche Zielgruppe, die das Buch am Nötigsten hat, gar nicht angebracht. Die für das Verständnis einiger Probleme notwendigen technischen Aspekte kommen trotzdem nicht zu kurz.

Es dürfte also so ziemlich das Beste zum Thema sein, was man dem Gros der Nutzer, die irgendwie mit dem Netz zu tun haben, zumuten kann und gibt einen Einblick in die „andere Seite“ von Internetdiensten. Nämlich insbesondere, worin die Motivation, und das ist der Knackpunkt, die Finanzierungsgrundlage derer besteht, die Dienste „kostenlos“ zur Verfügung stellen. Die Frage nämlich kommt bei vielen Menschen erst gar nicht mehr auf. Warum Unternehmen, scheinbar rein altruistisch, Unmengen an Geld für die Unterhaltung einer gewaltigen Infrastruktur für all die Helferlein und Zeitvertreiber bereitstellen, damit diese den Konsumenten zur Verfügung stehen.

Dabei zeigt sich auch die Grundlage der vertretenen Philosophien der Firmen und entsprechender Meinungsmacher, sowie deren Doppelmoral in Bezug auf diese. Indem sie das Hacker-Ethos: „Private Daten schützen, öffentliche Daten verfügbar machen“ quasi umdrehen. Wobei es dann freilich nur um die Verfügbarmachung der privaten Daten anderer geht.

Sowohl die Beschreibung einer fiktiven Startup-Gründung, samt den Randdetails als auch die Schattenseiten mit ihren Risiken für die Anwender sind realen Fällen nachempfunden.

Der aufkeimenden Biometrie-Branche und Ortungsdiensten werden entsprechend eigene Kapitel gewidmet. Das kleine Zukunftsszenario am Schluss hätte meiner Meinung nach nicht unbedingt sein müssen, aber direkt schlecht finde ich es auch nicht.

Das Buch füllt die Lücke, die die Restmedien offenlassen. Sei es aus deren Unkenntnis (mit sowohl resultierender Dramatisierung als auch Verharmlosung) oder der Verquickung mit Eigeninteressen. Auch begegnet man weder einem erhobenen Zeigefinger noch übertriebener Paranoia. Das Anliegen der Autoren, den Lesern selbst informierte Entscheidungen treffen zu lassen, und Aufklärung zum Zwecke einer souveränen Anwendergemeinde zu leisten, steht im Vordergrund und das ist ein lobenswerter Ansatz. Der Preis ist ganz schön happig, für ein Buch der Dicke aber normal, deshalb lohnt sich, ggf. vorher in der Bibliothek einen Blick hinein zu werfen.

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