#anti-#aufschrei

German Angst "Ist anti-anti Pop?" Ein Artikel über die Struktur deutscher Anti-Protestkultur aus der Reihe GERMAN ANGST - eine art suche. auf http://germanangstblog.wordpress.com/
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

TEIL I von II

Manche Themen sucht man sich gezielt aus, manche fallen einem aus heiterem Himmel in die Arme, andere finden sich, wenn man nur ein wenig die Augen offen hält. Und manchmal kommt – irgendwie – alles zusammen…

Doch der Reihe nach –
Freitag, 31. Januar 2013:
Mit zittrigen Händen, nasskalter Stirn und rasendem Herz lade ich den ersten Text auf den brandneuen Blog hoch (--> http://germanangstblog.wordpress.com/)
Geschafft. Zigarette. Bier. Schlaf.

Samstag, 01. Januar 2013:
Aufwachen, langsam. Kaffee, stark. Reaktionen, eingefangen. Zweifel, erste.
Interessiert sich überhaupt jemand für das Geschriebene? Für das Projekt? Für unsere Reise, unsere Suche? Franzi hat sich mit Anaïs auf den Weg in die (Un-)Tiefen dieser Nation gemacht, und jedes der Fotos der Tour ist mehr als nur ein kurzer Blick hinter die Kulissen Deutschlands, mehr als eine Momentaufnahme. Erkenne ich Deutschland wieder in den Bildern? Auf jeden Fall, auch wenn ich gar nicht immer sagen könnte, warum. Aber erkenne ich mich wieder? Oder gar „uns“?

Ich lese und höre, was andere über das Projekt, über den Text, über das Thema denken. Erhalte Feedback, versuche, den Blog besser zu strukturieren. Es gibt eine englische Übersetzung meines Textes, Feedback also auch aus dem Ausland, gutes, gespanntes zumeist.
Ich hingegen – entspanne mich. Die eigenen Gedanken kreisen zu lassen tut gut, sie mit anderen zu teilen sogar besser. Besser als überhaupt erwartet.
Die Füße hoch, ein anderes Projekt, viel zu lange hintenan gestanden, hat erstmal Vorrang.
Das wird schon, irgendwie.

Freitag, 07. Januar 2013:
Und schon ist wieder Freitag. Halbzeit. Ich lese meinen Text erneut und frage mich ernsthaft, was ich mir dabei gedacht habe. „… eine Suche nach der/einer/irgendeiner/… deutschen Identität – wenn es diese denn überhaupt gibt…“?! Soso… äh, geht’s noch? Auf irgendeinem Zettel vermerke ich in Schönschrift eine Bitte an mich selbst, beim nächsten Mal die Messlatte vielleicht nicht gleich nach ganz nach oben zu legen. Plötzlich fühle ich mich wieder ins kalte Wasser geworfen, schlecht vorbereitet, Turnbeutel vergessen, ab ins Bett, Hausarrest.

Selbstverordnete Strafen können heilsam sein, habe ich mal gehört, in meinem Fall aber sind sie der beste Garant für schamlose und offen ausgelebte Prokrastination. In diesem Sinne suche ich gezielt (as in: auf facebook surfen), breite die Arme aus (in der Hoffnung, dass da schon irgendetwas hinein fallen wird) und halte die Augen offen (gerötet vom Qualm der aus Nervosität und Stress schlecht gedrehten Zigaretten)… und werde wirklich fündig (ohne es gleich zu bemerken):

Ein Eintrag von einem Bekannten, der einen kurzen Ausschnitt aus der Literatursendung DRUCKFRISCH (ARD) vom 29.01. postet, in der Moderator Denis Scheck sich in die Diskussion um das tabuisierte „N-Wort“ in Kinderbüchern einmischt und dazu aufruft, sich gegen jede Art „von ‚politisch-korrektem’ Sprachexorzismus“ zu wehren. Mein Bekannter findet das toll, ich bekomme schon nach den ersten Sekunden des Videos das kalte Kotzen. Ein weißer Mensch, ein „Intellektueller“, der sich allen Ernstes mit schwarz geschminktem Gesicht vor eine Kamera stellt und sich so zu solch einer Angelegenheit äußert?
Nun. Ich hasse Diskussionen in sozialen Netzwerken, aber das Thema berührt mich, und ich muss etwas dazu schreiben. Auf die Geschichte des Blackfacing verweisen, auf die vielen Beiträge auf der facebook-Seite von DRUCKFRISCH von Menschen, die sich angegriffen fühlen und solchen, die sich solidarisch erklären, die eine Entschuldigung oder zumindest aber eine Erklärung fordern.
Es dauert keine Stunde, dass die erste Reaktion eines Freundes meines Bekannten hinzu kommt, und irgendwie überrascht sie mich nicht. Ich muss mich zum Spielverderber degradieren lassen, mich großväterlich belehren lassen (der Herr merkt an, „Schwarze“ – einige sogar! – zu kennen, die sich über Leute wie mich lustig machen würden), bis die Konversation seinerseits abrupt und kommentarlos für beendet erklärt wird. Danke dafür.

Von einem Austausch von Argumenten – keine Spur. Den tollen Artikel zu Political Correctness (http://metalust.wordpress.com/2013/01/30/borniert-ignorant-und-faul-denis-scheck-und-wie-er-und-andere-kunst-ermeucheln-wollen/) scheint er gar nicht erst lesen zu wollen. Naja, denke ich, wer nicht will der hat schon oder so.

Also. Raus aus dem Netz, rein ins Leben. Was will ich hier überhaupt? Mich davon überzeugen, dass sich manche Sachverhalte nicht jedem Menschen erschließen? Dass Diskussionen auf dieser Plattform nicht funktionieren?

Naja, denke ich wieder, manchmal ist es eben so, man sollte die Erwartungen nicht allzu hoch setzen, zumindest nicht jeden Tag, die Leute werden das schon verstehen, und außerdem war da doch auch noch die schwäbische Bäckerin, über die ich euch… und in diesem Moment stehe ich in der Bäckerei meiner Wahl, lasse mir einen Kaffee brühen und eine Butterbrezel auf die Hand geben und lese die Schlagzeile der meistgelesenen (sic!) Zeitung (sic!) Deutschlands: „Wie viel Brüderle ist erlaubt? – Deutschland streitet über Sexismus“.
Na also, na endlich, da haben wir es doch, eine Art Thema, und wie im Zeitraffer rase ich durch die letzten paar Jahre deutscher Skandal- und Protest-Geschichten und deren Rezeption: Stuttgart 21 und Berliner Flughafen. Plagiatsaffären (diverse). NSU-Morde. Die „Causa Wulff“. Occupy (everything). Eurokrise… und jetzt also der #aufschrei, längst überfällig, ausgelöst ausgerechnet von einem plumpen FDP-Politiker. Die Liste ließe fortsetzen, aber das ist gar nicht nötig, denn ich stelle eine entscheidende Gemeinsamkeit fest: In jedem der Fälle handelt es sich um im großen Stil medial behandelte Skandale, die auch im Privaten und vor allem im Internet bis auf das Heftigste diskutiert werden und wurden – aber nicht das Dass ist hier die entscheidende Verbindung, sondern vielmehr das Wie:
Ungeachtet dessen, wer welchen Protest vorantreibt oder vorangetrieben hat, lässt sich nämlich eines feststellen – zu jedem #aufschrei gibt es auch einen #anti-#aufschrei, und es ist die Struktur dieser modernen Anti-Anti- und Protestkultur, die nachdenklich stimmt. Denn nicht nur, dass es (nicht nur bei Menschen jenseits der 50) mittlerweile irgendwie cool zu sein scheint, gegen das „Dagegen“ zu sein, nein, auffällig ist vor allem, wie polemisch und persönlich, aggressiv in vielen Fällen „diskutiert“ wird.

Konkret? Feminist_Innen und Anti-Sexist_Innen sollen sich mal entspannen, war doch nur Spaß, nein, noch besser: War doch’n Kompliment!, Stuttgart 21-Gegner_Innen haben keine Ahnung von Ökonomie (und also auch keine vom Leben), Kritiker_Innen von Wulff, Guttenberg und Co. wollen einfach nicht sehen, was für tolle Staatsmänner das waren (bei aller Kritik: Manchmal muss man auch ein Auge zudrücken!), Anti-Rassist_Innen wie ich sind Spießer, Kulturzerstörer, Vaterlandsverräter – und zuletzt immer das Argument, dass man sich ja auch wirklich über alles aufregen kann, Junge, muss doch nicht sein, das Leben ist doch viel zu kurz, damit ich mich von dir stören lasse. Und genau hier liegt der Kern des Anti-Protestes: Es geht letztlich vor allem darum, nicht gestört zu werden, nicht aus dem Winterschlaf des eigenen Kosmos gerissen zu werden, der sich wie ein schützender Kokon um das eigene Gewissen legt.

In der Soziologie wird von der „Legitimation“ des eigenen Daseins gesprochen, die jeder Mensch zu jeder Zeit vornimmt. Es handelt sich um einen (bewussten und/oder unterbewussten) Vorgang, im Zuge dessen Handlungen (oder Nicht-Handlungen) mit dem abgeglichen werden, was man als Gewissen oder Persönlichkeit bezeichnen könnte. Wenn ich also in den Nachrichten Bilder hungernder Kinder in Somalia sehe, aber einige Stunden zuvor einem Obdachlosen ein Brötchen geschenkt habe, dann kann ich – unter Umständen – das Nicht-Spenden damit legitimieren, dass ich heute ja schon gut war – und mich trotzdem, guten Gewissens, beim Abendessen darüber auslassen, dass sich die Politik sich nicht bemüht, die Katastrophe einzudämmen.

Jede Legitimation kostet Kraft – erst Recht, wenn das Gewissen vor wirklich große Probleme gestellt wird, Probleme, die über lange Dauer mein ganzes bisheriges Dasein in Frage stellen. Die hungernden Kinder in Somalia verschwinden schnell wieder, Bilder ersetzen Bilder, Two and a half Vollidioten ersetzen die Nachrichten… aber tatsächliche (und schließlich mediale) Skandale wie der #aufschrei, Stuttgart 21 oder die „Causa-Wulff“ dauern an, werden im Beruflichen und Privaten immer wieder und überall diskutiert, fräsen sich tief in gesellschaftliche Kontexte und erzwingen über kurz oder lang eine Positionierung.

Bloß: Wenn eine Positionierung im Sinne der Legitimation Kraft kostet, dann liegt es logischerweise nahe, eine Positionierung, die sich als Folge aus meinen bisherigen Positionierungen versteht, einer Neupositionierung vorzuziehen.

Und schließlich ist da ja auch noch die ANGST, denn abgesehen vom Kraftaufwand steht einiges, wenn nicht gar alles, auf dem Spiel, wird – ausgelöst durch einen Skandal, durch einen Protest – mein gesamtes bisheriges Dasein, werden meine Entscheidungen, Handlungen, die ich zumeist für richtig gehalten habe, in Frage gestellt, werde ich dazu gezwungen, mich (neu) und immer wieder zu legitimieren.
Es mag auch der Anonymität im Web 2.0, der Kurzlebigkeit der Ware „Information“ und einer generell schwindenden Aufmerksamkeit geschuldet sein, dass Sachverhalte irrational besprochen werden; dass persönliche Beleidigungen mittlerweile wesentliche Bestandteile solcher Diskussionen sind wiederum ist Ausdruck einer zutiefst existenziellen (GERMAN) ANGST „um das eigene Leben“, um das, was sich im Laufe der Jahre so anfühlt wie ein Ich. Angenommen also dem Freund meines Bekannten rutscht am Stammtisch auch gern mal das N-Wort raus, lacht er über eine rassistische Zote (natürlich nur, wenn Leute dabei sind, die das verstehen, die wissen, dass er „eigentlich gar nicht so drauf ist“), und kennt er sogar, wie er ja sagt, „Schwarze“, die über so Leute wie mich lachen, dann ist die öffentliche Diskussion um Blackfacing exakt das, was für einen latenten Sexisten, der sich insgeheim bei dem Gedanken an eine Frau am Herd doch ganz wohl (weil abgesichert, unbedrängt, unangetast) fühlt, der #aufschrei ist: eine Bedrohung, eine Variable, die plötzlich ein neues Licht auf die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auf mein Ich, dass ich ja (zumindest meistens) ganz okay, wenn nicht gar gut finde, wirft. Variablen machen Angst, denn sie bedeuten Unsicherheit, Dilemma, Wanken und Schwanken, Prekarität, Fragen statt Antworten, Auflösungen statt Lösungen.

(Gefühlt) in die Ecke gedrängt, verunsichert, verängstigt, wird dann eben (der kurzfristigen Einfachheit halber) nicht eine Neupositionierung des eigenen Ichs in Erwägung gezogen, sondern vielmehr offensiv versucht, das Problem selbst zu zersetzen und den Konflikt so zu minimalisieren. Und wenn das nicht geht, zum Beispiel auf Grund einer andauernden medialen Präsenz – dann müssen – siehe oben – halt die dafür den Kopf hinhalten, die sich für einen rationalen Diskurs eines diskussionswürdigen und –bedürftigen Themas einsetzen, müssen sich durch Beleidigungen herabwürdigen und als unglaubwürdig, da „beleidigenswert“ (!), erklären lassen.

Mit Sicherheit ist dies nicht ausschließlich ein deutsches Problem, nicht ausschließlich ein Symptom der GERMAN ANGST (erste Erwähnung im vovorvorvorvorletzten Satz!) – aber es ist, in beiderlei Hinsicht, vor allem eines. Es wäre falsch – wenn auch einfach – eine Erklärung in oft bemühten Klischees zu finden, der berühmte Stock im Arsch, über den bekanntlich jeder Deutsche verfügt, zum Beispiel. Aber wir sind ja nicht hier, um es uns einfach zu machen. Und deswegen gibt es einen zweiten Teil #anti-#aufschrei, in dem ich zum ersten Mal eine Reise in die Vergangenheit machen und einen Zusammenhang zwischen deutscher, existenzieller Angst (formerly known as GERMAN ANGST) und ökonomischen, politischen und kulturellen Strukturen in Deutschland suchen werde. Den Zettel mit der Schönschrift-Vermerkung, die Messlatte etwas niedriger zu hängen, habe ich gestern als Brotpapier missbraucht, da ist jetzt ganz viel Fett dran. Aber einen Versuch ist es vielleicht wert; und zwar bald, hier, an gewohnter Stelle, zu gewohnter Zeit, skandal- aber unter keinen Umständen protestfrei.

(c) 2013, John-H. Karsten

19:54 16.02.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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