50 Jahre Döner: Auch eine ostdeutsche Gewaltgeschichte

Essen Der türkisch-deutsche Exportartikel ist mittlerweile auch in New York beliebt. Aber in Ostdeutschland schreibt der Döner Kebab eine ambivalente Geschichte
Der Dönerroboter – so die offizielle Produktbezeichnung –, manchen auch bekannt als „der Gerät“, in Aktion
Der Dönerroboter – so die offizielle Produktbezeichnung –, manchen auch bekannt als „der Gerät“, in Aktion

Foto: Caroline Pankert/AFP/Getty Images

Denke ich an den Siegeszug des Döners, muss ich eine Geschichte aus New York erzählen. Vor ein paar Jahren war ich das letzte Mal dort. Mich interessierte vor allem die junge Food-Start-up-Szene. Nirgendwo war sie damals lebendiger als in dieser Stadt. Junge Gründer*innen experimentierten mit neuen Liefer- und Imbisskonzepten, mit veganem Fleisch oder entkleideten Urban Gardening der Schrebergarten-Romantik und bauten Container zu Gewächshäusern um. All das ist inzwischen auch in Europa angekommen. Während ich durch lange Gänge eines „Food Court“ im angesagten Brooklyn lief – in New York gibt es kaum noch ein Viertel ohne Markthalle –, fragte ich mich, ob es überhaupt noch etwas gibt, das den umgekehrten Weg nehmen könnte, von Europa in die USA, bog um eine Ecke und stieß auf eine Filiale von „Kotti Berliner Döner“.

Es gab Zeiten, da wünschten sich Deutsche, waren sie ein paar Tage im Ausland, Jacobs-Kaffee, Vollkornbrot und Teewurst. Jahrzehnte später bestelle ich, ohne zu überlegen, einen Döner Kebab für 14 Dollar, beiße hinein, schmecke Heimat und denke: Verdammt, sogar das Brot ist besser als zu Hause.

Wie konnte der Döner zum mit weitem Abstand beliebtesten Fast Food in Deutschland werden? Über eine Milliarde Portionen werden täglich verkauft. In diesem Jahr feiert er hierzulande seinen 50. Geburtstag, wenigstens, wenn man den Aussagen des „Vereins Türkischer Dönerhersteller in Europa“ vertraut, wonach 1972 am Berliner Bahnhof Zoo der erste Döner to go verkauft wurde. Exakt zum Jubiläum ist nun ein Buch erschienen, von einem der berufensten Kebabologen, dem Sozialwissenschaftler Eberhard Seidel. Es heißt einfach Döner (März Verlag, 257 S., 20 Euro), ist so unterhaltsam und überraschend wie kenntnisreich, und es liefert einige Antworten auf diese Frage.

Döner ist Ostdeutschland

Denn Seidel ist klar: Am Geschmack und an der Qualität liegt es am wenigsten. Er will den Döner gar nicht feiern, er ist für ihn Vehikel für eine deutsch-türkische Kulturgeschichte, die mit allerlei Legenden aufräumt, zum Beispiel genau jener, dass der Döner in Berlin erfunden worden sei. Dafür erzählt er die faszinierende Geschichte, wie der Imbiss zugleich dort wie in Istanbul in Mode kam. Er unterschlägt nicht die Rolle des Gyros beim Aufstieg in Deutschland und wo die deutsche Döner-Industrie heute ihren Hauptproduktionsstandort hat, nämlich in Polen. Der stärkste und wichtigste Teil des Buches aber behandelt den Döner in Ostdeutschland. Das Sandwich und seine Macher spielten eine bedeutende Rolle bei der Integration der fünf neuen Bundesländer nach der Wende, zugleich aber ist das ostdeutsche Kapitel auch eine Gewaltgeschichte, die nicht erst damit beginnt, dass die Morde des NSU zu Beginn „Döner-Morde“ genannt werden, und einen traurigen Höhepunkt beim Anschlag von Halle 2019 erfährt, als neben der Synagoge auch ein Imbiss namens Kiez-Döner zum Anschlagort wird.

Der Döner ist sowohl Symbol für die Emanzipation und den wirtschaftlichen Aufstieg der ehemaligen Gastarbeiter wie neuerdings Gegenstand der kulturellen Aneignung durch eine kosmopolitische, biodeutsche Klasse, die das Fast Food inzwischen – selbstverständlich in Bio-Qualität – auf die Speisekarte des Hotels Adlon gebracht hat.

Wie das Bild des Döners zwischen diesen Polen hin- und hergerissen wird, das beschreibt Seidel fast wie nebenbei und so großartig, dass man versteht, warum sich dieses seltsame „sich drehende Grillfleisch“ eben auch als türkisch-deutscher Exportartikel für einen New Yorker Food Court eignet. Sein Image ist schimmernd, fluide und dreidimensional, alles, was ein Kultobjekt braucht.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell
Jörn Kabisch

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