Anpfiff für Schröder/Daum-Ära

KOMMENTAR Tante Käthe folgt Onkel Erich

Fußball und die Nation gehen oft eine undurchdringliche Verbindung ein, auf die hinzuweisen sich nichts desto trotz immer wieder Walter Jens befleißigt: Die Mannschaft sei genau so mittelmäßig wie das Land, für das sie angetreten ist, sprach der Tübinger Rhetorik-Professor. Das verdient natürlich begeisterten Applaus, auch wenn man den schalen Gedanken nicht los wird, diese Worte von Walter Jens schon mal gehört zu haben. Der Begriff von der Kohl/Vogts-Ära, stammte der nicht von vor Jahren von ihm? Schwamm drüber! Die Gelegenheiten sind rar, dass Intellektuelle in diesem Land dem Volk aus der Seele sprechen.

Blicken wir also nach vorne und fragen uns, ob die Nation den immer längeren Schatten einer Ära, die sich eben im Untersuchungsausschuss und sicher nicht das letzte Mal neu verdunkelt hat, einmal abgeschüttelt haben wird? Wir wissen: Das allumfassende Bündnisgespräch hat stattgefunden, jeder ward gehört und eingebunden, die Task Force geschaffen, und zum Abschluss liegt das Wort von der "historischen Zäsur" so leicht auf den Lippen wie allüberall in den heutigen Tagen. Solche Zäsuren bedeuten dabei immer nur eines: nämlich Geschichte den Laufpass zu geben - "Verdrängen, das ist eine Disziplin, in der sind wir immer noch ein Meister", sei hier ein weiteres weises Wort während der EM zitiert, diesmal eines von Horst-Eberhard Richter.

Ein Einschnitt also! Er bedeutet fürs Erste die Rückkehr der Oberlippenbärtchen, vor allem aber - und auch wenn nur die nächsten zehn Monate - eines Mannes mit grauen Locken und ohne Lizenz. Das war schon einmal so und hat den Weltmeistertitel gebracht. Was Kaiser Franz kann, kann Käthchen Völler allemal vorbereiten.

Der Kelch soll an Walter Jens und Horst-Eberhard Richter vorbeigehen, einmal die Ära Schröder/Daum "Paroli laufen lassen" zu müssen. Offensiv-Fußball? Nein, es brechen wahrlich moderate Zeiten an. Die des Konsens-Fussballs und der strategischen 0:0-Ergebnisse. Tore werden, wenn sie fallen, öfter Eigentore des Gegners sein. Videos überwachen bald die Seitenauslinien in deutschen Stadien, und noch mehr brasilianische Ballzauberer werden mit Green Cards ins Land gelockt. Das Keegan/Daum-Papier besiegelt in den nächsten Wochen das endgültige Ende aller proletarischen Balltreter-Tugenden. Schröder? Der widmet sich schon jetzt lieber lustvollem Pfeifen als dem in der Tiefe des Raums abwartenden Stellungsspiels seines Vorgängers Kohl. Von Daum kann er sich nur eines abschauen: die massenhafte Verwendung des Wörtchens "Wir". Und der sich das "Übrigens".

Die neue Ära wird vor allem das Aus für den Libero bedeuten. Deutschland endlich mit Viererkette - das ist doch schon was.

Mit dem Freitag durchs Jahr!

12 Monate lesen, nur 9 bezahlen

Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

Wissen, wie sich die Welt verändert. Testen Sie den Freitag in Ihrem bevorzugten Format — kostenlos.

Print

Die wichtigsten Seiten zum Weltgeschehen auf Papier: Holen Sie sich den Freitag jede Woche nach Hause.

Jetzt sichern

Digital

Ohne Limits auf dem Gerät Ihrer Wahl: Entdecken Sie Freitag+ auf unserer Website und lesen Sie jede Ausgabe als E-Paper.

Jetzt sichern

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden