Big Data sortiert Bohnen

KI Wenn Menschen in den sozialen Medien Fotos von ihrem Essen teilen, lernen damit die Maschinen der Lebensmittelindustrie – vom Feld bis in die Küche
Big Data sortiert Bohnen
Wohin führt die Nutzung von KI in der Lebensmittelindustrie? Wahrscheinlich zum Ende der Diversität, zum Beispiel von Stangenbohnen

Foto: Mint Images/IMAGO

Eigentlich erzähle ich hier bereitwillig, was ich gern esse. Heute nicht. Stattdessen komme ich mit Datenschutz. Ja, ausgerechnet der Koch. Glauben Sie nicht? Ich fürchte, ich werde Ihnen bis zum Ende dieser Spalte kaum die Dimensionen der ganzen Problematik begreiflich machen.

Über Ernährung und Digitalisierung wird seit geraumer Zeit geredet, als befände sich noch alles in der Startlöchern. Erst wenn alle Funklöcher gestopft sind und 5G bis an jeden Feldrand reicht, kann es wirklich losgehen. Was für Andi Scheuer das Flugtaxi ist, ist für Julia Klöckner die Ackerdrohne. Ein selbstlernender Roboter, der 24/7 das Wachstum überwacht, Unkraut jätet, Schnecken aufsammelt und den Nährstoffhaushalt in der Pflanze kontrolliert, so dass in nicht allzu ferner Zukunft Pestizide und Herbizide gar nicht mehr nötig sind. Klingt nach Science Fiction? Zwar gibt es Ackerdrohnen noch nicht massenhaft. Aber was sie antreibt, nämlich Sensortechnologie, künstliche Intelligenz und Big Data, also Massen von Informationen, die das Maschinenlernen überhaupt erst ermöglichen: All das wird im ganzen Ernährungsbereich längst eingesetzt – vom Feld bis in die Küche.

Ein ganz einfaches Beispiel: Für Stangenbohnen, die bald Saison haben, gibt es längst automatische Sortiermaschinen. Sie fegen nicht nur Gemüse mit fehlerhaften Stellen vom Band, sondern auch Bohnen, deren Grün zu hell oder zu dunkel ist. Und längst ist es möglich, dass sie per KI entscheiden, welche Farbe sich am besten verkauft: anhand von Fotos, die Menschen von ihren Tellern und Einkäufen auf sozialen Medien teilen. Wozu führt das? Wahrscheinlich zum Ende der Diversität von Stangenbohnen, all die gelben, die violett gesprenkelten, die fast schwarzen Exemplare würden aussortiert. Ist das realistisch? Kaum ein Wirtschaftsbereich ist so auf Effizienz getrimmt wie der Foodbereich. Ja, natürlich.

Wenn es um Digitalisierung und künstliche Intelligenz geht, dann machen wir uns gern einen Kopf um Roboterethik oder moralische Algorithmen. Die Crème der Philosophie diskutiert, ob man selbstfahrenden Autos die Entscheidung überlassen darf, eine Oma überfahren zu müssen, um das Kind auf der Rückbank zu schützen. Aber was, wenn künstliche Intelligenz sich anschickt, bei der Frage mitzumischen, was angebaut und geerntet, gezüchtet und geschlachtet wird, also auch, wie das aussieht?

Vielleicht werden sich die Menschen künftig noch ausdenken, wie die Straßengefährte von morgen aussehen, während die Software unter der Motorhaube schon entscheidet, was neben der Straße wächst. Warum ich das sage? Ein Buch hat mir da die Augen geöffnet, es heißt Foodcode. Die Autoren Olaf Deininger und Hendrik Haase haben so viele Beispiele zusammengetragen: Ich hätte es nie für möglich gehalten, wie viel Science Fiction längst Realität ist.

Leider gilt das aber auch für die Risiken und Probleme, die damit einhergehen. Ob 3D-Drucker für künstliches Fleisch, die intelligente Kompostiermaschine in der Restaurantküche oder eine App, die per Körperdaten die Diät täglich neu justiert: Da entsteht Zukunftstechnologie, die das Lebensmittelsystem nachhaltiger, fairer, gesünder, sogar schmackhafter zu machen verspricht. Aber auch eine Technologie, die uns ziemlich viel Entscheidungen darüber, was wir auf dem Teller haben, mit noch mehr Macht abnehmen könnte, als es die Lebensmittelindustrie schon heute vermag.

Und ich habe gelernt: Möglich ist das auch, weil wir schon seit Jahren mit keinen Informationen so freigebig umgehen wie mit denen über unsere Ernährung. Was ich morgen essen werde: Wahrscheinlich hat das irgendein Algorithmus schon ausgerechnet.

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06:00 07.07.2021
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 30/2021

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