Castor unter die Spüle?

SELLAFIELD, DER AUSSTIEG, DIE NOTBREMSE In den achtziger Jahren, als die Müllschlucker in den Hochhäusern langsam zu eng wurden und den Westdeutschen die Abfallberge schon längst über die ...

In den achtziger Jahren, als die Müllschlucker in den Hochhäusern langsam zu eng wurden und den Westdeutschen die Abfallberge schon längst über die Köpfe gewachsen waren, gab es noch Alternativen, mit dem ganzen Dreck fertig zu werden. Er wurde kurzerhand zum Rohstoff ernannt, und der Duden kannte bald ein neues Wort: »Recycling«.

Außerdem wurde der Müll schön aufgeteilt. Die Deutschen betreiben die Mülltrennung inzwischen mit einiger Kunstfertigkeit und haben sich kleine duale Abfallsysteme unter ihre Spülen gestopft. Überall lagert mehr Müll, überall sind es kleine Häufchen, die man unter den Teppich kehren kann, aber keine großen Deponieberge mehr. Die andere Alternative wäre radikaler gewesen und hätte geheißen, Abfall einfach zu sparen.

Auch die Atomindustrie würde den grünen Punkt am liebsten auf ihre Brennstäbe kleben. Jedes AKW bekäme dann sein kleines Zwischenlager, auf der Schiene würde einiger Atommüll zur Wiederaufarbeitung nach La Hague und Sellafield hin und her kutschiert, kurz: alles in kleinen Dosen über die Republik verteilt, bis die Endlagerung geklärt ist. Außerdem, so das Kalkül: den Atomgegnern fehlte ein Grundstein ihres Protestes, wie es heute Gorleben und die Castortransporte sind. Sie würden zu Korinthenkackern gemacht.

Das duale System Atommüll ist indes schon heute zum Scheitern verurteilt. Immer wieder zeigt sich, zuletzt bei der Wiederaufarbeitung in Sellafield, davor bei den Castortransporten, dass es ein Sicherheitsrisiko in sich birgt, das von Menschen nicht mehr zu bewältigen ist. Ganz einfach deswegen, weil das Atommüllverschiebungs- und Recyclinggewerbe für die öffentliche Hand und auch die Atombetreiber zu groß werden würde und dezentralisiert und privatisiert werden müsste. Das schafft vielleicht einen neuen Wirtschaftszweig, aber wer will darüber Kontrolle ausüben können?

In Sellafield hat die britische Regierung noch einmal die Notbremse gezogen. Die Anlage sollte privatisiert werden. Und der Verdacht hält sich, dass das Management wegen des höheren Verkaufswerts in den letzten Jahren so gespart hat, dass man heute über die Sicherheit des WAA keine Auskunft mehr geben kann. Das britische Atominspektorat hat nicht nur bemängelt, dass Qualitätsberichte gefälscht wurden, sondern strukturelle Defizite in der »Sicherheitskultur« vom Pförtner bis in die Chef-Etage festgestellt. Und bei dem deutschen Betreiber Preussen Elektra ist seit Monaten bekannt, dass Brennstäbe mit gefälschten Zertifikaten an das AKW Unterweser geliefert worden sind.

Frisch im Amt vertrat Jürgen Trittin noch den Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung binnen Jahresfrist. Heute verhandelt er über Laufzeiten, die Zwischenlager und das weitere Atom-Recycling gerade bedingen. Und dann bauen wir uns neben die Altbatterie-Kästen bald Mini-Castoren unter die Spüle ein.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

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