Das Brandstifterpärchen

KOMMENTAR Expeditionsfeld Berlin-Kreuzberg

Von Ferne riecht Tränengas nach Räucherstäbchen. Doch die Rotoren der Hubschrauber und die unablässigen Polizeisirenen führen schnell ins Gedächtnis, um welch ritualisierte Nostalgieveranstaltung es sich hier handelt - dann juckt es schon in den Augen. Das Ergebnis einer nicht allzu langen Kreuzberger Nacht im Mai, die Flugblätter revolutionär nennen: Ein paar hundert Festnahmen und leicht Verletzte auf beiden Seiten. Die Stadtreinigung fährt am Dienstagmorgen einige Sonderschichten - "We kehr for you" -, und auf den Straßen tragen grüne Minnas wieder mehrheitlich das B im Kennzeichen. So beginnen der Wonnemonat und der Sommer in Berlin. Alles Routine? Nur scheinbar.

In Wahrheit hat das Berliner Versammlungswesen an diesem Wochenende seine Grenzen erreicht, ganz absichtlich. 40 Demonstrationen und 16 andere Veranstaltungen haben stattgefunden, und es ist ein Wunder, dass sich die einzelnen Züge nicht ins Gehege gekommen sind. Berlin am ersten Mai-Wochenende war vor allem ein Ort, in der man sich zielstrebend nur zwischen Ordnern bewegen konnte. Die Innenstadt starrte großräumig vor Polizeikräften - insgesamt 6.400 - die an jeder Ecke je nach Demonstration die Straßen und abends ganz Kreuzberg abriegelten. Dazwischen kreuzten fast ausnahmslos Polizeifahrzeuge aus dem ganzen Bundesgebiet, es schien manchmal, als hätten sie sich verirrt, aber auch das kann Methode haben. Mitte, Kreuzberg, Tiergarten und auch Hellersdorf, wo sich die NPD wieder einmal nach einem völlig unzureichend begründeten Verbot vergnügen durfte, im präventiven Ausnahmezustand. Hätte Bürgermeister Diepgen ihn wirklich ausrufen wollen - eine Ausgangssperre hätte in Minuten durchgesetzt werden können. So legt man einer Stadt die Nerven blank. Die Deeskalationsstrategie, mit der die Polizeiführung im Vorfeld warb, war eine Mogelpackung und die einzelnen versprengten Versuche, potenzielle Krawallmacher von der Straße zu holen, Lachnummern: "Erlebnisorientierte Jugendliche" sollten sich fußballerisch mit den Uniformierten messen. Die Veranstaltungen verkamen zu heimeligen Kiezfesten, die ins Visier gefassten Jugendlichen aber widmeten sich lieber markentreu dem Original, auch wenn es verwaschener daherkommt, als eine alte Levis-Jeans.

Nach der Nacht streifte das Brandstifterpärchen Diepgen-Werthebach denn auch das Feigenblatt Deeskalation endgültig von der martialischen Präventionsstrategie ab, schlug sich vor die stolzgeschwellte Brust und forderte ein neues Mal die Verschärfung des Versammlungsrechts und ein Bannmeilengesetz. Der Streit entbrannte sofort, und noch hält sich die Gegnerschaft im Reichstag und in der Polizeigewerkschaft wacker, aber die nächste Großdemo und ganz besonders der nächste 1. Mai kommen bestimmt. Alles Routine also doch besonders für die Posemuckel-Zwillinge im Berliner Senat. Auf Wiedersehen bis ins nächste Jahr.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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