Das K.u.K. Ping-Pong

KOMMENTAR Der ehrenwerte Herr Koch

Es gibt Politiker, die sollen das zweite Gesicht haben. Manchen verhilft das zur Wahl, wenn auch nicht in westlichen Breiten, so soll es doch im asiatischen Raum schon vorgekommen sein. In Indonesien etwa, wo viele Menschen an den bösen Blick glauben, schrieben die Zeitungen der späteren Vizepräsidentin Megawati Sukarnoputri vor der Wahl ganz übersinnliche Fähigkeiten zu. Was hat das mit Deutschland zu tun, wo viele Leute immer noch zu lernen wissen, an gar nichts mehr zu glauben. Es ist kaum zu glauben, auch hier wächst einem Politiker eine Aureole um das Deckhaar. In Kürze wird er den Beinamen »Der Unantastbare« angelegt bekommen, und wenn nicht schnell doch noch ein Donnerblitz auf ihn hernieder geht, dann werden wir ihn wider Willen noch eine lange politische Karriere lang begleiten müssen. Sein Name ist Koch.

Warum rettet man sich zwischenzeitlich in Okkultismus über das Stehvermögen des hessischen Ministerpräsidenten? Und das, obwohl die CDU-Spendenaffäre in den vergangenen Wochen Dimensionen offenbarte, die - wären sie im Frühjahr an die Öffentlichkeit gelangt - den sofortigen Zusammenbruch der Partei bedeutet hätten? Heute wissen wir, Kohl hat die schwarzen Kassen selbst eingerichtet und eben doch von Anfang an alles gewusst, und: auch in einer Zeit, die schon Roland Koch zu verantworten hat, während des hessischen Landtagswahlkampfs und der Doppelpass-Kampagne gab es in der hessischen CDU noch ein zweites Finanzsystem. Doch im fortwährenden K. u. K.-Ping-Pong zwischen Berlin und Wiesbaden erzeugen diese Nachrichten eine Erregung, mit der immer ein Aufatmen verbunden ist; darüber, dass inzwischen bestätigt wird, was man früher kaum zu glauben wagte, auch wenn man sich inzwischen fragt, warum Schäuble eigentlich zurückgetreten ist.

Abgesehen von einer völlig unprofilierten SPD-Opposition im hessischen Landtag, der stupiden Dreistigkeit des Herrn Koch und seiner eulenspiegelhaften Verteidigungsstrategie, es nicht gewesen zu sein, es wenn, nicht so gewesen zu sein, und außerdem schon alles zugegeben zu haben, hat die CDU inzwischen erreicht, dass die Affäre zum Gockelkampf zwischen Abgeordneten oder reinem Zwist im chistkonservativen Clan geworden ist. Für alle Vorwürfe sind jetzt Staatsanwälte zuständig, sagt Herr Koch. Und das gegnerische Lager legt zurzeit nur langsam den Zynismus, die Müdigkeit und vor allem den Voyeurismus ab, der sich über dem langen Theater in aller Empörung eingeschlichen hatte. Dabei geht es bei der Affäre Koch mit einigem Gegensatz zur Affäre Kohl um gewisse personaltaktische Fragen.

Helmut Kohl legt seine Machtspielchen mit der eigenen Partei vielleicht nicht in so homöpathischen Dosen an, dass Frau Merkel über Wasser bleibt. Aber auch so, dass die Partei auf alle Fälle nicht unter die 30-Prozent-Marke sinkt? Wird dann der Unantastbare die neue Lichtgestalt?

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

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