Der alte Drang nach dem Surrogat

Lebensmittel-Imitate Es gibt zwei Gründe, warum die Industrie mit gefälschten Lebensmitteln arbeitet: Der Verbraucher und die Menschheitsgeschichte. Warum also die Aufregung?

Es ist die wohl komplizierteste Abkürzung der Welt: WYSIWYG. Sie steht für "What you see is what you get", und seit Ende der 80er Jahre ist eigentlich jedes Computerprogramm unverkäuflich, wenn der User nicht sofort sieht, was für Auswirkungen seine Eingaben haben. Wüsiwüg, wie man landläufig sagt, ist heute unter Programmierern Standard. Das bedeutet im Unterschied zu vielen anderen Lebensbereichen einen gewaltigen Sprung in Sachen Qualitätsmanagement.

Die Lebensmittelindustrie dagegen ist gerade wieder mit einer wütenden WYSIWIG-Debatte konfrontiert. Denn was in Ernährungslabors und Foodfabriken entsteht, entfernt sich zusehends von unseren Vorstellungen vom Essbaren. Es ist nicht drin, was draufsteht. Von Analogkäse, Wasabi-Plagiaten und Press-Eiweiß ist da die Rede, von Krebsfleisch-Imitat und Formschinken. Einige dieser Ausdrücke sind gar nicht so neu. Trotzdem ist die Wut von Verbraucherschützern und Agro-Politikern enorm. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner an vorderster Front hat angekündigt, die "schwarzen Schafe" an den Pranger zustellen.

Die Gründe für den Fake

Ich frage mich, kann man besser heucheln? Eine Politik, die seit Jahren stoisch ablehnt, der Industrie eine Kennzeichnungspflicht zu verordnen, die auf E-Abkürzungen und andere schönfärberische Ausdrücke verzichtet, die selbst eine Fett-Ampel nach dem britischen Vorbild auf Produkten erfolgreich verhindert, stellt sich jetzt an die Spitze des Bewegung. Dass sie auch noch schwarze Schafe ausmachen will, ist der Gipfel an Dreistigkeit. Denn es lenkt in Wahrheit davon ab, was seit Jahren und flächendeckend Standard ist: Dass die Lebensmittelindustrie mit großem Einsatz von Ersatzstoffen und Chemie arbeitet – weil der Verbraucher das fordert.

Das hat drei Gründe: Erstens erwarten wir, dass Erdbeerjoghurt, Fischstäbchen, Nudelsoßen, ja sogar bestimmte Arten von Wein immer gleich schmecken. Mit Zutaten aus der Natur ist das nicht zu schaffen. Weintrauben, Erdbeeren, Tomaten, Fisch schmecken immer anders, je nach Lage, Wetter und anderen Umweltbedingungen. Sogar unter Zuchtbedingungen bekommt man nicht das immer gleiche Ergebnis. Der menschliche Gaumen lässt sich nur überlisten, wenn man Geschmack rausnimmt, viel Zucker zugibt - oder sich mit der Retorte behilft. Gute Lebensmittelproduzenten verwenden alle drei Techniken – und zwar so, dass es die Konsumenten nicht allzu sehr schmerzt.

Der zweite Grund ist unser Wusch nach der Allverfügbarkeit von Lebensmitteln. Nur ein Beispiel: Was in Europa an Mango-Produkten in den Läden steht – vom Smoothie bis zum Eis – übersteigt allein die Mango-Produktion Südamerikas. Auch unser Lammhunger ist nur mit Importware aus Neuseeland zu befriedigen, unser Appetit auf Fisch und Sushi bringt Experten zu Prognosen, dass die Weltmeere in 25 Jahren ausgefischt sind.

Die Geschichte des Fake

Was soll man denn in einer solchen Lage anderes tun, als auf Ersatzstoffe auszuweichen. Es gibt keine Alternative, noch dazu bei dem unbarmherzigen Preiskampf, der im Lebensmittelsektor herrscht. Das ist der dritte Grund: Wer billig will, bekommt eben auch billig. So einfach ist das.

Ersatznahrung selbst ist gar nicht das eigentliche Problem. Die Menschheit hat eine lange Kultur, sich mit Surrogaten ihrer Lieblingsspeisen zu behelfen, wenn das Original nicht aufzutreiben war. Aus den unterschiedlichsten Motiven. Und das hat oftmals zu einer Bereicherung unserer Esstische geführt. Nur zwei Beispiele: Der Buddhismus hat eine an die 2.000-jährige Tradition, Fleisch zu imitieren, nicht nur mit Soja. Die religiöse Überzeugung schreibt vor, auf Fleisch zu verzichten, nicht aber auf den Geschmack. Aus dem Ersatzkaffee der Nachkriegsjahre ist heute nicht nur ein Markenprodukt namens Caro geworden, sondern Zichorienkaffee ist auch ein großer Anteil in dem Aufguss, den sich Nescafé-Liebhaber wie Harald Schmidt zuführen.

WYSIWYG war beim Essen also nie. Stattdessen steckt die Überflussgesellschaft durch den Drang nach Allverfügbarkeit in so etwas wie einer selbst gemachten Notsituation. Es gibt übrigens noch eine scherzhafte Übersetzung des Akronyms: "What you see is why you go" – frei übersetzt: Was Du siehst, ist der Grund, warum Du gefeuert bist. Doch zu diesem Verhalten sind wir Verbraucher in der letzten Konsequenz noch nicht fähig. Leider.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

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