Edmund Stoiber (cand. kanzl.)

Kommentar Seehofer beantwortet die K-Frage

Wetten werden fürs Erste nicht mehr angenommen. Wer will schon auf einen Klepper setzen, der sich noch in der Startbox glaubt, während die andere Mähre bereits leichten Hufes um den halben Platz getrabt ist. Die Quoten für Angela Merkel sind tief im Keller, besonders im eigenen Wählerlager. Dort wollen sie noch weniger als Kanzlerkandidatin als bei allgemeinen Umfragen. In den Worten Horst Seehofers: Edmund Stoiber ist der einzige noch ernst zu nehmende Schröder-Gegner.

Ernst ist daran, dass nun der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion gesprochen hat. Vor wenigen Wochen war es allein Erika Steinbach, die sich offen für Stoiber aussprach: eine zu vernachlässigende Stimme - die profilsüchtige Vertriebenenpräsidentin schießt gern mal im eigenen Lager quer. Seehofer hingegen ist ein Schwergewicht, nicht nur seines Amtes wegen. Er hat in den vergangenen Monaten oft als Solist noch einen kleinen Ruch von Opposition im Bundestag verstreut und sich Respekt in den eigenen Reihen verschafft, während sich der eigentliche Fraktionsvorsitzende daran versuchte, als Spitzenkandidat in Stellung zu kommen. Von der Auswechselbank besteht Friedrich Merz heute ebenso maulig wie Angela Merkel auf dem Termin im Frühjahr 2002, um den Kanzlerkandidaten zu bestimmen. Derweil hat Edmund Stoiber Mitte des Monats schon mal die ersten Pläne für sein Schattenkabinett vorgelegt. Was macht es ihm, wenn er erst in einem dreiviertel Jahr offiziell den Nachsatz "cand. kanzl." erhält?

Eigentlich stellt sich schon seit längerer Zeit die Frage, ob es sich hier wirklich um eine Konkurrenz zwischen den beiden Parteivorsitzenden handelt. Denn in der K-Frage bewegt die Union vor allem, wer mehr zu verlieren hat. Mit Sicherheit nicht Stoiber. Für ihn gilt die Regel, dass Ministerpräsidenten nach Niederlagen als Kanzlerkandidaten umso größere Erfolge bei den nächsten Landtagswahlen einfahren; siehe Strauß, Rau, Lafontaine. Angela Merkel muss da vorsichtiger sein. In Oppositionszeiten sind Vorsitzendensessel besonders wackelig, persönliche Niederlagen also fatal. Und es ist überhaupt nicht ihre Sache, nur die Lorbeeren einzuheimsen für eine aussichtslose Kandidatur gegen einen Kanzler, der wohl auch noch zum Wahltermin in vollem Saft steht. Denn Merkel hat im Lauf der Jahre bewiesen: bei den Big Points ist sie immer zur Stelle, egal um was es ging: den Sprung auf den Ministersessel, den Aufstieg zur Generalsekretärin oder der Griff nach dem Vorsitzendenposten. Und realistisch hat die Union zurzeit erst 2006 Chancen, wieder an die Regierung zu kommen. Darauf schielt der Rivale Koch, und wer will gegen den schon eine verlorene Wahl im Rücken haben?

Und dann gibt es noch die, die mit dem Kandidaten Stoiber nur gewinnen können, nämlich die bayerischen Emissäre in Berlin, eben Seehofer und wohl auch Michael Glos: mindestens einen noch stärkeren südlichen Einfluss in der Unionsfraktion.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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