Einstürzende Sandburgen

Banker Staat Die mögliche Verstaatlichung der Münchner Bank Hypo Real Estate läutet eine neue Runde der Bankenrettung ein – der Staat als Banker und Schrotthändler

Warum soll es keine Alternative sein, den Münchner Pleitier Hypo Real Estate (HRE), dessen Geld-Hybris offenbar keine Grenzen kannte, in den Konkurs zu schicken, um ein Exempel zu statuieren? Es wäre ein mahnendes Beispiel. Es würde zur kollektiven Züchtigung der ganzen Branche und Banker-Kaste taugen, wäre doch dem gärenden Revanche- und Rache-Bedürfnis all derer Rechnung getragen, die unter dem Begriff Öffentlichkeit oder Bevölkerung zusammengefasst werden (und inzwischen teilweise am eigenen Leibe erfahren, was mit Sozialisierung der Verluste gemeint ist).

Der Markt richtet – diesmal richtet er eben hin, könnte man sagen ...

Und die Regierung Merkel könnte auch deshalb von der HRE-Rettung lassen, weil ihnen unter Umständen nicht mehr klar ist, was sie eigentlich retten sollen. Ohnehin streiten die Experten darüber, ob die ostentative Passivität der damaligen US-Regierung beim Absturz des bankrotten Instituts Lehman Brothers Mitte September wirklich die Initialzündung für den großen Wall-Street-Crash war. Oder ob es dazu nicht sowieso gekommen wäre.

Also: Welche Lawine sollte die wiederholte Rettung von Hypo Real Estate – nun durch eine Verstaatlichung – aufhalten? Die rast längst unaufhaltsam zu Tal. Hält die hartnäckige Kreditblockade von privaten und Investmentbanken in Deutschland nicht unvermindert an? Und hängt das nicht damit zusammen, dass alle wissen, was sie an faulen Papieren noch im Depot haben, und dies zum Anlass nehmen, von sich auf andere zu schließen? Die Konsequenzen für die Produktionswirtschaft verkünden nicht nur die Arbeitsmarktzahlen dieser Woche – die bezeugen auch einstige Branchenflaggschiffe wie Opel, Porsche, BMW oder Schaeffler, die in schwerer See nach fremden Rettungsankern um die Wette funken.

... aber was, wenn die ultimative Vernichtungsakte drohen

Ein ungerührtes Zusehen der Bundesregierung, wie sich Hypo Real Estate endgültig verabschiedet, wäre jedenfalls marktwirtschaftlich nicht zu beanstanden. Eine einwandfreie und saubere Lösung. Der Markt richtet – diesmal richtet er eben hin. Wäre es dem Wettbewerb als Lebenselixier des Systems vergönnt, sich der Bankenkrise nach Herzenslust anzunehmen, wie ihm das sonst in der stinknormalen Arbeitswelt erlaubt ist, man brauchte heute nicht mehr über das Schicksal von Hypo Real Estate, IKB oder Commerzbank orakeln, sondern wüsste dieselben längst bestattet.

Aber Marktwirtschaft und Wettbewerbsmotorik müssen nun einmal gebremst werden, wo sie in ultimative Vernichtungsakte münden. Denn im Falle von HRE gingen beim finalen Crash nicht nur 92 Milliarden Euro verloren, die bereits als Staatshilfen und Steuergelder geflossen sind. Auch alle Banken müssten ihre Einlagen bei diesem Bankrotteur abschreiben und würde noch mehr ins Schleudern geraten – von den Kollateralschäden auf dem Hypotheken-, Versicherungs- und Pfandbriefmarkt ganz zu schweigen.

Insofern statuiert die Hypo Real Estate in ihrer fortschreitenden Agonie selbst ein bemerkenswertes Exempel: Die herrschende Wirtschaftsordnung muss vor sich selbst geschützt werden, damit sie nicht zur Selbstvernichtung übergeht und die ganze Gesellschaft mit sich reißt. Soviel Aufklärung war selten.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 31.01.2009
Geschrieben von

Lutz Herden | Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 38/2021

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