Die Wilderer unserer Tage

Ernährung Die ewige Debatte um Preise von Lebensmitteln und besonders Fleisch nervt – und sie ist nicht ehrlich

Jennerwein, Klostermayr oder Kleinschmidt waren einst klingende Namen. Der bekannteste dieser Schar starb vor 120 Jahren in Augsburg unter dem Fallbeil: Mathias Kneißl, Wilderer, Vagabund und – Polizistenmörder. Seine Geschichte inspirierte Dichter und Musiker. Der bayrische Robin Hood.

Ich musste an diese Gestalten denken, als jüngst zwei junge Polizisten bei einer Verkehrskontrolle erschossen wurden, von zwei Männern mit Wild im Transporter. Eine entsetzliche und brutale Tat, maßlos selbstsüchtig und auch sehr idiotisch. Wie konnte es je Zeiten geben, in denen Wilderer zu edlen Verbrechern stilisiert wurden? Was für ein Kitsch! Aber das waren Zeiten des Hungers. Adel, König und Kirche hatten die Hand auf den Fleischtöpfen. Sie beanspruchten sogar das Wild, das doch frei in den Wäldern lebte. So bekamen Männer, die nachts durch den Forst streiften, kaum sahen, auf was sie anlegten, Heldenstatus angedichtet. Erst recht, als die Jagd zum Zeitvertreib der Obrigkeit verkam.

Ja, man bekommt ein schales Gefühl, wenn man in diesen Tagen an die alte Wilderer-Romantik denkt. Das Gefühl, dass sich bei mir einstellt, ist fast genauso schal, wenn ich Klagen von Leuten lesen, die sich wieder von den Fleischtöpfen abgeschnitten wähnen, ganz konkret. Zum Beispiel die Reaktionen, als Cem Özdemir bei Amtsantritt sofort mutig in die Debatte über die Dumpingpreise bei Lebensmitteln einstieg. Als ob es ein natürliches Recht gäbe, pro Kopf über 60 Kilo Fleisch im Jahr zu vertilgen, mehr als früher Adelige oder Könige.

Das Ende einer Ära

Wilderei ist heute so anachronistisch, weil die Industrialisierung kaum irgendwo eine solche Revolution ausgelöst hat wie im Nahrungsmittelbereich. Nicht mehr Hunger ist das Problem, sondern Überfluss. Die Folgen für die Tiere, das Land, das Klima und die Menschen.

Der Soziologe Harald Welzer propagiert seit einiger Zeit, dass wir uns am Ende einer Ära befinden, die von der sozialen Frage bestimmt war. Nun wird die ökologische Frage wichtiger. Ich habe Sympathie für diesen Perspektivwechsel. Und anhand der Debatte um Lebensmittel, die beim Fleisch nur immer kulminiert, kann man das so gut beschreiben. Hunger war einmal die soziale Frage schlechthin. Doch die Folgen seiner Abschaffung könnten uns die letzten Ressourcen rauben. Heute macht der Überfluss arm oder krank.

„Es darf keine Ramschpreise für Lebensmittel mehr geben, sie treiben Bauernhöfe in den Ruin, verhindern mehr Tierwohl, befördern das Artensterben und belasten das Klima“, sagt der neue Agrarminister. Er hat recht. Denkt aber Özdemir, höhere, gar staatlich verordnete Preise allein, eine höhere Mehrwertsteuer auf Fleisch könnten das Problem lösen? Das so zu verstehen, ist arglistig. So verkürzt man die Debatte wieder auf nur eine Dimension: den Geldbeutel, die soziale Frage.

Ist die ökologische eine soziale Frage?

Welzers eigentlicher Punkt – und deswegen schämt sich auch niemand für das Missverständnis: Es ist eine übermächtige Gewohnheit, ökologische als soziale Fragen zu diskutieren, einfach weil die Gesellschaft in den vergangenen 200 Jahren Verfahren gefunden hat, um soziale Fragen anzugehen: im Aufeinanderprallen von Gruppen, die ureigene Interessen vertreten. Aber, fragt er, wie funktioniert das, wenn es um Ökologie geht? Sie sitzt nie direkt am Tisch. Sie kommt zu kurz, wenn sie nur von Anwälten vertreten werden kann.

Wie also muss sich die Politik verändern, welche Aushandlungsprozesse werden mit der ökologischen Ära verbunden sein, fragt Welzer. Und gehört dazu nicht mindestens eines: zu fördern, dass sie sich ändern? Die ewige Debatte um Lebensmittel- und Fleischpreise bremst da nur. Sie ist unehrlich. Denn wenn die Ställe so voll bleiben wie heute, hilft das keinem Schwein, keiner Kuh und keinem Huhn. Auch wenn ihr Fleisch noch so viele Cent teurer verkauft wird. Die Übervölkerung mit Nutztieren schadet weiterhin dem Klima, der Umwelt und damit indirekt auch den Bauern. Es sind ihre Ressourcen. Was hilft, ist vor allem eines, mehr Platz in den Ställen, sprich: Verknappung.

Ich werde jetzt doch noch einmal romantisch. Es gibt nämlich wieder Wilderer. Die Ökorebellen von heute sind die, die containern. Sie sind der Stachel im Fleisch der Überflussgesellschaft. Es wäre doch sehr schön, wenn sich in 100 Jahren niemand mehr positiv an sie erinnerte.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell
Jörn Kabisch

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