Essen verbindet

Der Koch Zu viel Reinheit kann einem leider den Appetit verderben
Ausgabe 17/2016
Verteidigt das Abendland: die Gesichtswurst
Verteidigt das Abendland: die Gesichtswurst

Foto: Imago/Imagebroker

Was haben das muslimische Schweinefleischverbot und das bayrische Reinheitsgebot gemeinsam? Man könnte sagen, es geht wie so oft um das, was ins Essen und Trinken hinein darf und was nicht – und diese Debatte geschieht in einer seltsamen Atmosphäre. Beim sogenannten Reinheitsgebot betrifft es das Bier. Vor 500 Jahren, im April 1516, verfügten die bayrischen Herzöge Wilhelm IV. und Ludwig X., nur Wasser, Hopfen und Gerstenmalz dürften hinein. Und darauf fußt, denken viele, seit Urgedenken deutsche Bierkultur.

Doch daran ist einiges Legende, bedenkt man nur, dass die Wittelsbacher die Bierordnung schon vier Jahrzehnte später änderten und neben Hopfen wieder andere Gewürze zuließen. Dass das Gebot also über Jahrhunderte gar nicht galt, und dass man sich erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder daran erinnerte. Dass der Begriff „Reinheitsgebot“ erst aufkam, als es in der Weimarer Republik zum Gesetz wurde. Es ging damals vor allem darum, die ausländische Konkurrenz abzuhalten, die mit Macht auf den Markt drängte.

Das älteste Lebensmittelrecht der Welt, wie es gern beworben wird, ist wahrscheinlich nur der erfolgreichste Marketing-Gag der deutschen Lebensmittelwirtschaft. Man könnte das als Anekdote abtun, wäre das Reinheitsgebot nicht zugleich so ein Solitär deutscher Kulinarik. Es läuft sogar ein Antrag zur Aufnahme ins Weltkulturerbe – für eine Regelung, die nicht auf Vielfalt abzielt, sondern eine fiktive Tradition pflegt.

Nicht nur beim Bier, generell ist das Reinheitsdenken heutzutage sehr ausgeprägt, wenn es um Ernährung geht. Der Schritt zum Tabu ist da nicht weit. Ich will nicht wieder mit Veganern und anderen Verzichts-Essern ins Detail gehen. Die Effekte, wenn Genuss ins Ideologische abgleitet, sind vielfältig.

Essen und Ernährung haben ja zwei soziale Funktionen: Sie verbinden, wenn sich Menschen gemeinsam an den Tisch setzen, wenn sie entdecken, dass sie Vorlieben teilen, gemeinsame Leibgerichte haben. Sie sind aber genauso wichtig, um sich voneinander abzugrenzen und Identität zu schaffen. Ich glaube, man kann von einer guten Kultur sprechen, wenn diese Funktionen im Mittel sind, ausgependelt.

Ich habe das Gefühl, diese Balance gerät jetzt ins Wanken. Die Schweinefleisch-Debatte, die sich aus heutiger Sicht wie der erste Akt zur antiislamischen Neuorientierung der AfD liest, ist da ein neuer Höhepunkt. Ein obligatorischer Schweinefleisch-Tag in öffentlichen Kantinen, diesen Vorschlag der Kieler CDU vom März dieses Jahres haben sich die Rechtspopulisten in einer verblüffenden Rasanz angeeignet. Das Schnitzel als Symbol der Verteidiger des Abendlandes? Guter Witz, wenn es nicht so traurig wäre.

Wie Essen verbindet, kann man heutzutage selten erleben. Ich habe vor kurzem mit Flüchtlingen gekocht, stand mit jungen Männern aus Syrien und Afghanistan am Herd. Wir verhackstückten das Gemüse etwa in die gleiche Bruchstückhaftigkeit, die unser Gespräch beherrschte: ein grober Mix, der aus ein paar Wochen Deutschkurs, ein wenig Englisch und Fotos und Bildern auf Smartphones bestand. Ja, natürlich, die Konversation hätte flüssiger sein können. Und ja, man merkte den Köchen die Trauer an, dass das Essen nicht ganz so schmeckte wie zu Hause in Aleppo oder Kabul. Es gab auch kein Schwein und kein Bier. Aber das machte alles nichts. Das Gewürz Solidarität machte das Essen zu einem großen gemeinsamen Fest.

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

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