Ich frühstücke gern allein – das ist auch besser fürs Klima

Nachhaltigkeit Jagdwurst, Rührei-Berge und in Plastik verpackte Nutella-Portionen: Das Buffet im Hotel ist für unseren Autor ein Gruselkabinett. Dabei ließe es sich ganz leicht ersetzen – und damit sogar noch das Klima schonen
Uaaah! Unmengen von Lebensmitteln, die nach All-you-can-eat-Schema daliegen
Uaaah! Unmengen von Lebensmitteln, die nach All-you-can-eat-Schema daliegen

Foto: Panthermedia/Imago

Neulich in einem Hotel am Frühstücksbuffet. Es ist eigentlich alles wie immer: Gäste schaufeln sich staubtrockenes Rührei auf die Teller. Sie bedienen sich aus Karaffen mit dem Schild „frischer Orangensaft“. Die gelbe Flüssigkeit riecht nach Quench, das war im Westen in den 80ern ein beliebtes Saftpulver. Sie greifen nach Schalen mit Obstsalat, der sein Leben lang vor allem Dosenblech von innen gesehen hat. Nur eines ist anders: Die Hotelgäste tragen Masken und Einweghandschuhe.

Sie treten sich beim Räucherlachs auf die Füße, sie begutachten einzeln die Butterröllchen im Eiswasser oder ignorieren das Vorlegebesteck, das im Käse- und Wurstaufschnitt steckt. Aber sie tragen Handschuhe. Es ist Corona.

Ich halte mich fern. Ich finde Buffets unappetitlich, vor allem am Morgen. Schon die Aussicht, dann große Platten mit Aufschnitt ansehen zu müssen, mit Jagdwurst, Cervelat oder Bierschinken: Ich liebe Wurst, aber früh im Hotel wünschte ich, es gäbe Séparées für Wurstesser. Beim Käseaufschnitt geht es mir ähnlich und auch bei Rühr- und Spiegelei. Regelmäßig liegen da auch Bratwürstchen mit der Haut von 120-Jährigen. Dass die Gäste danach in Handschuhen von der Tankstelle greifen – Sie wissen schon: Dieselhandschuhe –, macht es nicht besser.

Für meine Abneigung gibt es zwei tieferliegende Gründe: Ich finde das Frühstück die intimste Mahlzeit des Tages. Es geht dabei doch darum, gut in den Tag zu kommen. Zu allen anderen Gelegenheiten hat man gern Menschen um sich, hier dafür lieber Vitamine, Ballaststoffe oder Antioxidantien. Geht das nur mir so? Wie ich auf Turbo komme, brauchen andere nicht zu sehen. Im Gegensatz zu allen anderen Mahlzeiten des Tages bin ich beim Frühstück daher gern allein. Aber wie soll das am Buffet klappen?

Dort, das ist der zweite Grund, regiert das Supermarktprinzip den Gastraum. Uaaah! Unmengen von Lebensmitteln, die nach All-you-can-eat-Schema daliegen, jedes einzelne ist meist billig, völlig beliebig und oft vor allem nach Haltbarkeit ausgewählt. Würde ich was essen, es käme mir vor, als würde ich als Schnäppchen in den Tag starten.

Aber es gibt eine Alternative. Und dass sie sich verbreitet, auch daran ist Corona schuld. Es ist die Frühstückskarte. Jüngst bekam ich beim Einchecken einfach ein DIN-A4-Blatt überreicht, um anzukreuzen: Kaffee, Tee, sonstiges. Mehrkorn-, Weizenbrötchen oder Croissant. Knuspermüsli, Porridge, Bircher. Gekochtes Ei: Bitte geben Sie an, wie viel Minuten …

Am nächsten Morgen setzte ich mich an den Tisch, und es stand alles da. Kein Anstehen an der Marmeladen- oder an der Saftstation. Ich konnte loslegen, musste keine fremden Teller ansehen, keine Butter des Staniols entkleiden oder angstvoll Nippel an den Portionsschalen mit Kondensmilch, Honig oder Nutella ziehen. Überhaupt: es stand da gar kein Tischmülleimer.

Verlangen Sie im Hotel oder in der Pension eine Frühstückskarte. Die Auswahl ist kleiner, dafür haben Sie morgens Abstand. Sie produzieren weniger Verpackungsmüll, Sie helfen dem Hotelier, der dann nicht über die Verwertung ungegessener Ware nachdenken muss: Wurstsalat, Semmelknödel, Multivitaminsaft – alles kreative Weiterverarbeitungen von Resten auf Aufschnittplatten, im Brötchenkorb oder vom Obstsalat. Aber wer ist schon so kreativ?

Wenn ich mir die überbordenden Buffets von früher vorstelle und mit den leergegessenen Tellern in der Pension mit der Frühstückskarte vergleiche, frage ich mich sofort, wie viel Millionen Tonnen von CO2 man einsparen könnte, würden sich die Menschen für mehr Genuss am Morgen entscheiden? Es ist so eine „low hanging fruit“, aber so was von low.

Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell
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