Ich und meine Venus

Männersache Frauenrasierer, Männerrasierer? Alle Rasierer sind für alle da, findet Jörn Kabisch. Weil es auf die inneren Werte ankommt: nicht die Farbe, sondern die Klinge

Okay, dass die Rasierer in Pastellfarben ankommen – mintgrün oder cremerosa, das ist schon albern. Aber sonst sind Frauenrasierer mein Ding. Warum? Weil sie einfach besser in der Hand liegen.

Jeder Mann hat mit Rasierern seine eigene Geschichte. Sie beginnt sehr früh, schon bevor die ersten Barthaare sprießen. Der Sohn steht neben dem Vater vor dem Spiegel und beobachtet, wie der sich konzentriert die Wangen einseift, Schaum von den Lippen wischt und dann immer an der selben Stelle mit dem Messer ansetzt; nämlich links neben dem Ohr, wenn Papa Rechtshänder ist. Dann wird grimassiert, geschabt, die Rasur geprüft, wieder geschabt, alles unter höchster Konzentration. Da ist Papa Mann.

Und bitte, was ist dagegen zu sagen, wenn der Junge auch das Gesicht eingeseift bekommt und sich den Schaum mit einem Teigschaber abkratzt? So fand meine erste Rasur statt, und da war ich älter als manches Mädchen, das im Kindergarten schon mit Ohrsteckern und gelackten Fingern ankam. Ich denke immer wieder daran, wenn das Wort von der sogenannten „geschlechtsspezifischen Erziehung“ fällt: Väter, bringt euren Söhnen wenigstens bei, wie man sich anständig den Bart abkratzt.

Wenn Männer sich rasieren, dann ist das ein Ritual. Man steht morgens im Bad, noch nicht ganz wach, vielleicht verkatert, und hantiert, wenn man Nassrasierer ist, mit scharfem Gerät. Da ist Konzentration angebracht. Und es empfiehlt sich auch, eine spezielle Routine zu entwickeln. Immer nach der selben Methode vorzugehen, ist ein­faches Sicherheitsmanagement. Viele Männer beenden ihre Rasur deshalb über den Lippen oder am Kinn. Da gilt das Prinzip: Heikle Stellen zuletzt.

Wie man sich rasiert, das ist vom eigenen Selbstbild abhängig. Der klassisch-konservative Typ bevorzugt den alten Schraubkopf mit doppelschneidigen Klingen und Dachshaarpinsel. Er dürfte bisweilen auch schon daran gedacht haben, auf das traditionelle Barbiermesser umzusteigen. Der leger-sportliche Typ benutzt die neueste Fünf-Klingen-Version aus Titanium mit Gleitstreifen und zieht sich das Rasier-Gel aus der Dose. Der Purist hat noch nie verstanden, warum mehr als zwei hinter­einandergesetzte Klingen besser schneiden sollen, benutzt wie Jahr und Tag Gilette Sensor und schäumt sich das Gesicht mit dem Stück Handseife vom Waschbeckenrand ein. Und das sind nur die Nassrasierer-Typen, über Trockenrasierer kann ich nichts sagen. Es muss sie zwar geben, aber ich kenne keine.

Es wundert Sie, wie jemand, der so viele Worte über die männliche Rasur verlieren kann, auf Rasierer kommt, die Venus heißen oder Intuition, und nicht Quattro oder Mach3? Zurecht. Ich gebe zu, es ist alles reine Psychologie. Denn ich vermute: Frauen rasieren in der Regel nicht nur ein paar Quadratzentimeter wie ein Mann, sondern größere Körperregionen. Es geht auch öfter richtig in den Intimbereich. Und der Rasierer hat es mit einer weicheren verletzlicheren Haut zu tun. Das waren meine Annahmen, warum ich es für möglich hielt, dass Apparate und Klingen für Frauen auch aus männlicher Sicht kein Pfusch sein können.

Wahrscheinlich gibt es gar keinen so großen Unterschied. Beim Rasieren kommt es wie immer, wenn man mit Messern arbeitet, auf eine scharfe Klinge und einen guten Halt an. Und diese Frauenrasierer mit ihren ergonomischen Griffen, die liegen einfach besser in der Hand als Männerrasierer, die wie Schaltknüppel aussehen. Für Schaltknüppel gibt es nur einen sinnvollen Ort: Neben dem Lenkrad.

Der Mann und sein Intimbereich: Ich rasiere mit Venus

Die wöchentliche Kolumne Frauensache/Männersache im Alltagsressort widmet sich Genderthemen und wird abwechselnd von weiblichen und männlichen Autoren geschrieben. Zuletzt schrieb Ulrike Baureithel über die Frage, ob das Geschlechtergerede eigentlich von etwas ganz anderem handele

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Ihre Freitag-Redaktion

09:00 01.04.2012
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 41/2021

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