Kennen Sie typisch deutsche Paprika-Gerichte?

Der Koch Gefüllte Paprikaklopse sind ein Kantinenschreck, aber leider ein Küchenklassiker. Dabei kann das weltweit beliebte Gemüse viel mehr, sagt unser Kolumnist
Kennen Sie typisch deutsche Paprika-Gerichte?

Illustration: Otto

Diese gefüllten Paprika sind einfach nicht aus der Welt zu bekommen. Mir sind sie eben wieder in einer Kantine begegnet. Die bemitleidenswerten Dinger schwammen in einer dicken roten Soße im Warmhaltebecken, daneben steckte eine Kelle in aufgequollenem Reis. Der Geschmack dieses gestopften Gemüses ist mir seit Kindertagen ein Begriff. Sie wissen, was ich meine: Ein zementfester, trockener Klops aus Hackfleisch in einer labbrigen grünen Paprika, die bitter schmeckt, dazu eine viel zu süße Tomatensoße und geschmackloser, überkochter Reis.

Wer möchte so etwas essen? Offenbar ziemlich viele. Sucht man in Rezeptdatenbanken nach Paprika, spuckt das Internet sofort eine Fülle von Rezepten aus, die empfehlen, die Schoten mit Hackfleisch zu füllen, sie mindestens über die Dauer einer Lindenstraßen-Folge in Tomatensoße schmurgeln zu lassen und dann mit Reis zu servieren. Nennen Sie bitte ein klassisches deutsches Paprika-Gericht. Da haben Sie es.

An dem Rezept ist so ziemlich alles schief gelaufen, was man sich vorstellen kann. Denn grüne Paprika schmecken grün und bitter, egal, wie lange man sie in den Ofen steckt. Es sind unreife Schoten, es fehlt die Süße, die das Gemüse schmackhaft macht. Das kann man auch nicht ausgleichen, indem man die Tomatensoße Zucker-Ketchup-mäßig aufmotzt. Und Hackfleisch trocknet bei solch einer Garzeit unweigerlich aus, egal ob Semmelbrösel oder Ei in die Masse kommen. Warum braucht man diese Zutaten überhaupt? Die Füllung soll doch durch die Paprika zusammengehalten werden, trotzdem werden Bindemittel untergerührt wie für Frikadellen-Teig. Seit fast 500 Jahren ist die Paprika ein in der ganzen Welt beliebtes Gemüse, nur die Deutschen haben ihre Qualitäten immer noch nicht erkannt.

Es ist tatsächlich ein erstaun­licher Siegeszug. Die Paprika, der botanische Name ist capsicum annuum, brauchte nur einige Jahre, um auf dem ganzen Globus heimisch zu werden; und das im beginnenden 16. Jahrhundert. Wie Tomate und Kartoffel stammt die Paprika aus Südamerika und ist ein Nachtschattengewächs. Schon kurz nachdem Christoph Kolumbus 1492 den Kontinent betreten hatte, brachten die Konquistadoren sie nach Europa, doch sie machte dort nicht halt, anders als Tomate und Kartoffel. In den Bäuchen portugiesischer Schiffe gelangte die Paprika wahrscheinlich innerhalb weniger Jahre nach Asien, wo sie in so kurzer Zeit ein fester Bestandteil der Küche wurde, dass die Menschen sie bald als heimische Pflanze betrachteten. Das Erfolgsgeheimnis dieser rasanten Globalisierung war die Schärfe des Gemüses, in einer Zeit, in der Pfeffer auf dem Weltmarkt das war, was heute Erdöl ist.

Eigentlich ist es also die Erfolgsgeschichte des Chili, botanisch heißt der ebenfalls capsicum annuum. Durch jahrelange Züchtung und Treibhauskultur haben ihn die Gärtner aller Schärfe beraubt und zur heutigen Gemüsepaprika herangezogen. Offenbar trifft das unseren Geschmack besser. Hierzulande mag man auch Paprikapulver lieber edelsüß statt rosenscharf.

Natürlich: Paprika eignet sich wie kein anderes Gemüse zum Füllen. Man muss die Schoten nicht erst aushöhlen. Aber suchen Sie sich um Himmels Willen ein anderes Rezept als das deutsche. Es gibt sie en masse. Und aus allen Weltgegenden.

Ich fülle das Gemüse gern mit einer scharf gewürzten Mischung aus Couscous, gebratenem Lammhack und Feta. Die Paprika dürfen im Ofen backen, dabei karamellisiert der Zucker in den Schoten. Dazu gibt es gesalzenen Joghurt mit feingehackter Minze. Es ist ein Gericht, von dem ich nie genug bekommen kann. Denn jedes Mal durchströmt mich das Glück, nie mehr grüne Paprikaklopse essen zu müssen.

Kennen Sie ein typisch deutsches Paprika-Gericht? Koch oder Gärtner? Heute der Koch. Jörn Kabisch beantwortet alle Fragen rund um den Herd

09:00 05.05.2012
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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