Kochen mit denen, die andere etepetete fanden

Alfred Biolek Oft wurde ihm der fehlende journalistische Blick vorgeworfen. Die Kunst der Gastfreundschaft hatte er perfektioniert

Es gibt eine Folge von alfredissimo!, da hat Alfred Biolek Blixa Bargeld zu Gast. Dass der Frontmann der Einstürzenden Neubauten im Fernsehen am Herd steht, ist eine Sensation. Nicht nur das T-Shirt und die Augenlider sind schwarz, sondern auch das Risotto – ein Tintenfischrisotto mit Tinte. Und Bargeld rührt und rührt und hat nur Augen für den schwarzen Reisbrei, mit dessen unappetitlichem Aussehen Kamera und Licht etwas Probleme haben. Auch der Moderator: Biolek stellt eine Frage nach der anderen, auf die Bargeld nicht oder nur einsilbig antwortet und dann irgendwann sagt: Das mit dem Reden gehe gerade schwer, er sei doch da, um zu kochen.

Diese Szene ist eine Sternstunde des Kochfernsehens. Es ist Mitte der 90er, das Genre beginnt gerade, sich neu zu erfinden. Auf anarchische Weise zeigt der Bargeld-Auftritt aber bereits, wo die Grenzen sind und die Entwicklung hingehen wird. Das Kochfernsehen wird den Herd bald hinter sich lassen.

Alfred Biolek, der vergangene Woche mit 87 Jahren gestorben ist, wird in den meisten Nachrufen als Talkmaster und Fernsehkoch bezeichnet, als ob es einen Unterschied gegeben hätte, wenn neben seinem Sessel bei Boulevard Bio ein Glas Wein stand oder er in der Studioküche selbst zum Korkenzieher griff. Biolek selbst sah keinen Unterschied zwischen den Formaten. Er bezeichnete sich als Gastgeber, gerade auch auf den Vorwurf hin, ihm fehle der journalistische Blick. Die Disziplin der Gastgeberschaft beherrschte er in Perfektion.

Was heißt das? Beste Wirt:in ist, wer Menschen fernab von der Heimat für eine bestimmte Zeit das Gefühl von Zuhause zu geben vermag. Das funktioniert aber nicht mit eindimensionaler Gemütlichkeit. Sondern nur, indem man Menschen zu Aufgeschlossenheit gewinnt, was oft mit dem seltsamen Essen beginnt, das vor einen auf den Tisch gestellt wird, und vielleicht bei dem Tischgespräch endet, das, obwohl man keine Silbe versteht, ein tiefes Gefühl von Vertrautheit herstellt. An solche Momente erinnert man sich lange. Und auf solche Momente kam es in den meisten Biolek-Formaten an. Der Moderator lud gern Paradiesvögel ein, Charaktere, die Otto Normalzuschauer eigentlich etepetete fand, die sich aber dann irgendwie als auch sehr normal herausstellten. Man lernte bei Biolek, wie Toleranz bereichern kann.

Diese gastronomische Denke musste zwangsläufig bei alfredissimo! enden. Doch es ging dabei gar nicht so sehr ums Kochen, wie Blixa Bargeld dachte. Es ging Biolek vielmehr um das gemeinsame Genießen. Die Requisiten waren dafür zentral, die übergroße Pfeffermühle, der Kochwein, der Knoblauch, der von Biolek – sehr deutsch – eher mit spitzen Fingern behandelt wurde. Es erzählte, dass Geschmack immer mit Spleens zusammenhängt. Es enthob das Urteil dem Apodiktischen. Das Publikum war Voyeur des gegenseitigen Lobs – und wenn etwas schiefging, des gemeinsamen Lachens über die menschliche Unzulänglichkeit.

Das wies schon über das reine Kochen hinaus. Mit Biolek endete die „Ich hab da mal was vorbereitet“-Zeit eines Clemens Wilmenrod oder Max Inzinger. Jamie Oliver und Tim Mälzer traten auf den Bildschirm, junge Wilde, die Malheurs, weil sie Profis sind, kreativ nutzten. Zugleich beginnt auch im Kochfernsehen ein anderer Voyeurismus um sich zu greifen, einer, der auf Spott und Häme aus ist.

Unjournalistisch? Man muss heute nur ein bisschen Biolek auf Youtube anklicken, um zu erkennen: Der kritische Blick von heute kann auch Pose sein.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:24 28.07.2021
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 37/2021

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