Kulinarik zählt nicht mehr

Aus für Gourmet Fast siebzig Jahre lang war sie die wichtigste Kochzeitschrift der Welt. Jetzt ist "Gourmet" eingestellt. Die Online-Konkurrenz war stärker. Ein sentimentaler Abwasch

"Abwasch gemacht, Alle sind weg. Es war ein tolles Zusammentreffen heute Nacht. Ich mag die Leute so, mit denen ich bei Gourmet zusammengearbeitet habe. Kaum zu glauben, dass es vorbei ist", twittert Ruth Reichl heute morgen, in New York ist es gerade zwei Uhr Nacht. Ruth Reichl ist nur noch Ex-Chefredakteurin von Gourmet. Der Magazin-Verlag Condé Nast (Vogue, GQ, Vanity Fair, New Yorker) hatte am Montag angekündigt eine Reihe von Magazinen zu schließen, neben Hochzeits-Titeln auch eines der besten Food-Magazine der Welt. Die Redaktion ist bereits am Packen.

Trauer herrscht nicht nur unter den US-Feinschmeckern, die ihre "Bibel" verloren haben, Trauer herrscht unter Feinschmeckern in der ganzen Welt. Auch ich habe mir gerade einen neuen Schuber gekauft, um die Zeitschriften des letzten Jahrgangs zu sortieren. Die November-Ausgabe soll nun die letzte sein. Es ist wirklich kaum zu glauben. In der Verlagsankündigung wird der Schritt mit dem Einbruch der Anzeigeneinnahmen begründet. Ein Minus von 43 Prozent, auf dem amerikanischen Medienmarkt schlägt die Wirtschaftskrise voll durch.

Gourmet hat in den 68 Jahren ihres Bestehens viele Lorbeeren bekommen. "Sie war die Grande Dame der Essensmagazine", sagt Tim Ryan, Chef des Culinary Institute of America (CIA), der besten Kochschule der Vereinigten Staaten. Sie war sicher das schönste, glänzendste und bestgemachte Magazin, schreibt Jay Rayner im Word-of-Mouth-Blog des Guardian. Eines, das man einfach sammeln wollte. Ruth Reichl, vorher Gastro-Kritikerin der New York Times, die 1999 die Chefredaktion übernahm, wollte damals aus Gourmet den "New Yorker des Essens" machen, eine Kulturzeitschrift mit dem Fokus auf Kulinarik, das war schon in der Tradition des Heftes angelegt: Gourmet – Untertitel "Good Living" – setzte nie wie so viele andere Zeitschriften auf Rezepte und Service, das Magazin versuchte Geschichten ums Essen zu erzählen. Reichl schickte den Schriftsteller David Foster Wallace zum Hummerfang, dessen überlange Geschichte eines der größten Highlights der letzten Jahre war. Großartige Reportagen nach allen Regeln des Handwerks waren aber nicht alles, Gourmet leistete sich auch immer wieder scharfe Kritik an der US-Lebensmittel-Industrie und der amerikanischen Agrarpolitik. Die Auflage allerdings stagnierte seit einiger Zeit bei annähernd einer Million.

Dafür aber fuhr Gourmet eine eigentlich sehr zukunftsweisende Medien-Strategie. Das Magazin veröffentlichte seine Inhalte radikal im Netz, meist noch vor der Veröffentlichung in Print. Gourmet.com wurde neben Epicurious.com (ebenfalls Condé Nast) zu einer der meist geklickten Kochmagazine weltweit. Und im Archiv in Artikeln von Louis Diat und M.F.K Fisher, großen Pionieren des Food-Journalismus, aus den Vierziger Jahren lesen zu dürfen, war angenehmster Müßiggang. Das Magazin zu kaufen, lohnte sich dennoch. Denn online fehlten viele der Fotos, mit denen Gourmet auch Massstäbe und neue Trends im Food-Styling setzte. Außerdem ließen sich immer wieder schnell Rezepte blättern. Ach, schon der sehr puristische Titel war es eigentlich wert. Dennoch scheint das Blatt an der Konkurrenz aus schnellen Online-Rezeptseiten und Food-Blogs gescheitert zu sein.

"Gourmet hat mich gelehrt zu kreieren, nicht nur zu konsumieren", schreibt die Bloggerin Kylie Sachs. Sie hat auf Twitter eine Kampagne gestartet, das Magazin zu neuem Leben zu erwecken.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

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