Mancher Kellner ist ein Witz

Der Koch In der Dienstleistungsgesellschaft ist jeder Teil der Bedienung, meint unser Kolumnist
Mancher  Kellner ist ein Witz
Wenn der Job wenigstens mit Begeisterung vorgetragen wird, verzeiht unser Kolumnist auch mal einen Fehler

Foto: Keystone/Getty Images

Ich überlege, wann ich das letzte Mal einen Kellnerwitz gehört habe. Es ist so lange her, dass ich glaube, ich muss das erklären. Der Kellnerwitz ist das Genre, das zu 87 Prozent mit den Worten „Sagt der Gast: Herr Ober, in meiner Suppe schwimmt …“ beginnt. Das Genre ist verwaist, wenn nicht sogar tot.

Wenn der Berufsstand nicht mal mehr Spottfiguren hergibt, was sagt das? Ist es dem Publikum inzwischen egal, wer da an den Tisch kommt? Mir nicht. Ein guter Kellner, oder besser: eine gute Kellnerin, denn Frauen machen inzwischen die Hauptarbeit im Gastraum, muss viel mehr können als servieren. Sie müssen eine ganze Menge Eigenschaften mitbringen.

Die erste ist, auf einen neuen Gast überhaupt aufmerksam zu werden. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht besser eine Whatsapp- oder Facebook-Nachricht schreiben soll, weil meine pure Erscheinung, heftiges Augenaufreißen oder auch Winken keine Wirkung haben. Und das sogar in Lokalen, in denen die Bedienungen noch mit Block arbeiten und kein Tablet mit Bestellsoftware vor Augen haben.

Man kann ein noch so routinierter Restaurantgänger sein: Unweigerlich stellen sich dumme Gedanken ein, wenn man nicht einmal einen kleinen Blick bekommt, der sagt: „Ah, ein Neuer“. Vielleicht sitze ich an einem Tisch, der gar nicht für Gäste vorgesehen ist, oder nur für spezielle. Oder habe ich an der Tür die Person verpasst, die Reservierungen prüft und an den Tisch begleitet? Stimmt was an der Kleidung nicht?, frage ich mich als nächstes, und prüfe den Hemdkragen. Mein Unwohlsein wächst.

Bedienungen dagegen, die einen gleich in Empfang nehmen, verzeihe ich einiges. Neulich sogar dem jungen Kellner, der sofort mit dem Rotwein vor uns stand, dann aber den Korkenzieher, auch Kellnerbesteck genannt, wie ein Fragezeichen ansah. Als er dann anfing, mit der Spindel die Kapsel zu bearbeiten, nahm er dankbar meine Erklärung all der weiteren Bestandteile dieses Werkzeugs entgegen, auch ein kleines Messer ist darunter. Wir entschieden uns dann wegen seiner etwas linkischen Art für eine Bestellung, die uns den Satz „Herr Ober, Sie haben die Finger in der Suppe“ ersparte.

Es gab einmal eine Zeit, da herrschte in Restaurants zwischen Bedienung und Gast ein Top-Down-Verhältnis, das den gesellschaftlichen Verhältnissen widersprach. Der Widerstand dagegen, dass ein Mensch aus einfacheren Schichten, aber mindestens im weißen Hemd gekleidet, auf einmal in einer Machtposition stand, gebar überhaupt erst den Kellnerwitz. Und das könnte auch der Grund für sein Aussterben sein. In der Dienstleistungsgesellschaft gibt es kaum noch einen Beruf, bei dem nicht auch Qualitäten gefordert sind wie bei einer Servicekraft: Kundenorientierung, Reklamationsmanagement, Charme, vielleicht auch ein bisschen Unterhaltungswert. „Heute sind wir alle Kellner“, schreibt der Amerikanist Christoph Ribbat in seiner lesenswerten Kulturgeschichte Im Restaurant. Man begegnet sich dort mehr auf Augenhöhe.

Trotzdem gibt es Abende, da macht mir die Bedienung den Abend erst richtig zum Vergnügen, mit dem richtigen Maß an Distanz und Freundlichkeit. Mit einer ansteckenden Begeisterung für das Essen, das sie an den Tisch bringt. Einer wirklich guten Weinempfehlung. Wenn nicht zu unterscheiden war, was besser war, die Küche oder der Service, dann komme ich sicher sehr bald wieder.

Info

Jörn Kabisch schreibt als Der Koch für den Freitag regelmäßig über Küchen- und Esskultur

06:00 24.02.2019
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch
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