Pasta in den Wok

Der Koch Die Faschisten kämpften gegen die Liebe zur Nudel an. Zum Glück ohne Erfolg. Wie die italienische Küche sich wandelt
Pasta in den Wok

Illustration: Otto

Was soll nur werden, wenn die Italiener keine Nudeln mehr essen? Die Zahl ist, fast ganz ohne jede journalistische Übertreibung, erschreckend. Um 23 Prozent ist der Verbrauch in den vergangenen zehn Jahren gefallen, 2003 aß eine Familie im Schnitt noch 40 Kilo Pasta pro Monat, heute sind es nur noch 31, wie italienische Zeitungen berichten.

Während sich viele Kommentatoren Sorgen um die Zukunft der pastasciutta machen, immerhin ein Symbol der nationalen Identität, wären diese Zahlen für einen hingegen doch eine gute Nachricht: Filippo Tommaso Marinetti, Schriftsteller, Faschist und Gründer der futuristischen Bewegung. Er veröffentlichte am 28. Dezember 1930 in der Turiner Tageszeitung Gazzetta del Popolo ein kulinarisches Manifest und forderte darin die völlige Abkehr von der bisherigen Küche. Vor allem die Nudeln waren ihm ein Dorn im Auge. Für das Tempo des modernen Lebens, meinte er, sei die Pasta zu schwer. Sie würde Skeptizismus, Ironie und Sentimentalität und damit den Pazifismus unter seinen Landsleuten fördern. Außerdem mache der hohe Nudelkonsum das Land abhängig von ausländischen Weizenimporten. Man solle sich lieber von Luft ernähren, und wenn das nicht reiche, von inländischem Reis.

Die Italiener scherten sich um diese Worte nicht allzu sehr. Sollte man auf einen Mann hören, der auch Messer und Gabel abschaffen wollte? Nur bei Benito Mussolini – mit ihm war Marinetti befreundet – stieß er nicht ganz auf taube Ohren, wie John Dickie in seinem Buch Delizia! erzählt, einer sehr lesenswerten Geschichte der italienischen Küche. Wenigstens was die Umstellung auf Reis angeht. Unter dem Duce wurden sogar kostenlose Proben davon in Süditalien verteilt, wo die Bewohner bis dahin keinen besonderen Geschmack dafür entwickelt hatten.

Gegen die Liebe zur Nudel schafften es die Faschisten, aber wenn, dann nur für kurze Zeit anzukämpfen. In den Notzeiten, die angefangen mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren auch in Italien anbrachen, zog Sparsamkeit in die Küche ein. Wie Dickie weiter erzählt, rückte damals ein sättigender erster Gang – will sagen: viel Pasta – in den Mittelpunkt des Menüs. Seitdem erst regiert der primo piatto das Essen vom Stiefel.

Vielleicht bedeuten die Veränderungen im Nudelkonsum also, dass die Italiener erst nach weit über 70 Jahren nun das faschistische Erbe in ihrer Küchentradition ablegen. Man sollte darüber froh sein. Um den Sitten und Gebräuchen zu entsprechen, habe ich in Osterien auf dem Lande schon einige Male die Abfolge von antipasto, primo, secondo und dolci weniger genossen, sondern eher mühsam hinter mich gebracht. Und später genudelt festgestellt, dass die Einheimischen am Nebentisch es mit den Sitten und Gebräuchen gar nicht so ernst nehmen und den deutschen Touristen wegen seiner eisernen Disziplin eher amüsiert beobachten.

Gleichzeitig bin ich mir aber sicher, an der Leidenschaft für die Teigware wird sich kaum etwas ändern. Bei aller Normalisierung und dem ebenfalls in Italien einsetzenden Trend zu kalorienbewusster Ernährung. Und auch wenn die Italiener ihr Interesse für fremde Küchen entdecken und inzwischen Sushi-Bars besuchen, beim Chinesen oder beim Inder einkehren: Der Nudelverbrauch liegt noch immer weit über dem europäischen Durchschnitt. Ein Deutscher etwa isst durchschnittlich sieben Kilo im Jahr. Neulich entdeckte ich auf dem Flughafen von Rom einen Tisch mit Kochbüchern, die meisten von ihnen zum Thema Wok. Aber als ich die Bücher aufschlug, da enthielten die großen chinesischen Garpfannen auf den Fotos vor allem Spaghetti Bolognese, Penne all’arrabbiata oder Linguine mit Pesto.

06:00 27.11.2013
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch
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