Raus ins Kraut

Reisebegleiter Langsamer geht es kaum: Wer mit einem Esel durch die Alpen wandert, lernt, dass sich nicht alles erzwingen lässt und entwickelt einen neuen Blick aufs Grün am Wegesrand

Mann, was für ein Esel. Macht keinen Schritt mehr. Schreit nicht Iaah. Steht nur da. Interessiert sich auch nicht für das leckere Kraut am Wegrand. Es steht so hoch, dass es die Nüstern kitzelt. Ein fester Zug an der Trense, der Versuch, hinten anzuschieben – bringt alles nichts. Wir stecken fest, auf einem Bergpfad mitten in den südfranzösischen Alpen. So hatten wir uns immer vorgestellt, muss es passieren, wenn man fünf Tage durch die Berge wandert mit einem Packtier als Begleiter. Irgendwann macht es so auf stur, dass es kein Vor und Zurück mehr gibt. Wir stehen vor dem Esel wie vor einem Rechner, der sich aufgehängt hat. Nur, es gibt keine Reset-Taste. Und wo bitte ist der Admin?


Der Systemadministrator heißt Gerard. Vor fünf Tagen hat er das Packtier vorgestellt: „Ihr bekommt jetzt eine kleine Bedienungsanleitung für Gedeon.“ Was Gerard aber erzählte, war viel mehr, nämlich ein Vortrag über das Wesen, die Geschichte und die Intelligenz der knapp 40 Tiere, die er in den Sommermonaten mit Touristen aus dem Flachland auf Wanderung durch den Nationalpark Mercantour schickt.

Doch nun ist Gerard weit weg unten im Tal, ihn anzurufen verbietet die Eitelkeit. Streng sollten wir sein, das hatten wir all die Zeit mit Erfolg beherzigt. Aber hatte Gerard nicht auch erzählt, seine Tiere würden hier jeden Stein kennen? Und Gedeon hätte seinen Sohn schon einmal im undurchdringlichen Herbstnebel sicher den Berg hinab geführt. Ist es möglich, dass wir uns verlaufen haben?

Er frisst – und schenkt Zeit

Ich lasse den Zügel los, was ich die ganzen Tage nie getan habe, gehe ein paar Schritte zur Seite und sage zu Gedeon, der die Sprache des Menschen nicht verstehen sollte, erst recht nicht, wenn er ein Deutscher ist: „Dann geh doch Du vor.“ Auf einmal setzt sich der Esel in Bewegung. Er dreht sich auf dem engen Pfad, die dicken Packtaschen an seinen Seiten brechen junge Baumschösslinge ab und reißen an Brombeerzweigen. Dann läuft der Esel bergab. Wir versuchen nur noch, das Tier nicht aus dem Blick zu verlieren. Ein paar Minuten später sind wir wieder an der Abzweigung, die wir vor 20 Minuten verlassen haben. Der Esel wartet. Seine Schnauze steckt in einem weißblühenden Feld wilder Möhren. Hier also geht’s lang...

Was treibt zwei Großstädter, sich eine Woche lang mit einem Huftier auf Wanderschaft zu begeben, das fortwährend von riesigen Bremsen umschwärmt wird, ungefähr so angenehm riecht wie ein nasser Hund, immer auf Ausschau nach einer leckeren Blüte im Gras ist und ständig angehalten werden muss, auf dem Weg zu bleiben? So dass die zwei Wanderer sich ziemlich blöd vorkämen, würde man sie sehen, wie sie durch die Berge laufen und dabei ständig „Tse, Tsee“ rufen – das schreibt die Bedienungsanleitung nämlich vor. Doch trifft man hier im Mercantour auf andere Wanderer, dann wird der Esel umringt und beäugt wie ein neuer Ferrari vor dem Waldorf Astoria. Das ist schon mal ein Grund. Nur dass ein Esel nicht für Beschleunigung gebaut ist, sondern genau andersrum. Ständig kommt man aus dem Tritt, aber das frisst keine Zeit, sondern schenkt welche.

Der Col de Champs liegt am Ende des Valle du Var. Hier entspringt etwa eine Stunde nördlich von Nizza auf 3.000 Meter Höhe der Fluss Var. 1979 wurde hier der Nationalpark Mercantour eingerichtet. In den letzten Jahren hat er wegen der Wölfe, die hier wieder angesiedelt wurden, Reden von sich gemacht. Bis in die 70er Jahre, so erzählt Gerard, war das Var-Tal, obwohl es touristisch zur Provence zählt, ein von Gott und den Menschen verlassener Winkel.

Heute ist es nur noch gottverlassen. In den kleinen Bergdörfern wohnen wieder Menschen. Der Tourismus spült Jahr für Jahr eine Handvoll Aktivurlauber in ihr Bergtal: Radler, Biker, Wanderer. Kaum eine Bergregion ist so gut begehbar wie der Mercantour. Denn die vielen Schilder und Pfosten tragen alle Ziffern, und diese Nummern sind in den Karten eingetragen.

Aber wenn man nicht nur die Natur, sondern auch die Einheimischen näher kennen lernen will, dann nimmt man sich einen Esel. Ob Ouzo, Lilo oder Lula – sie sind überall bekannt. Nie ließ es sich jemand nehmen, Geschichten von den Tieren zu erzählen, auch Nicole und Alain Bonamy nicht, ein herzliches altes Paar, das sich vor Jahren hier auf der Hochebene im Schutz der steil aufragenden Wände des Aiguilles de Pellens ein altes Natursteinhaus als Ruhesitz gesucht hat. Es war unsere Endstation am dritten Tag der Wanderung.

Kraut für Tier und Schnaps

Morgens war es durch Kiefern- und Laubwald über Serpentinen hinab in ein kleines Tal gegangen, den Bach mussten Mensch und Tier durchwaten. Nach dem Wiederaufstieg durch Lärchenwälder kreuzte der Weg Steilhänge voll bröckelnder schwarzer Felsen, in der Mittagshitze flirrte die Luft. Anschließend erreichten wir die Hochebene, einst die Kornkammer des Var-Tals. Die kleinen Felder und Terrassen erzählen noch heute die Geschichte von der Kulturlandschaft, die die Bergbevölkerung hier einst schuf. Blühende Almwiesen, karge Hänge, die von Murmeltieren und Gemsen bevölkert werden, klare Bergseen und saftiggrüne Lichtungen wechseln sich ab.

Wer mit einem Esel läuft, wird vom Panorama häufig abgelenkt, er fängt auch an, die Flora am Wegesrand näher zu beobachten. Wilde Möhren, Fenchel und vor allem eine Pflanze, die aussieht wie eine riesige gelbe Hyazinthe, zählen zu den Esel-Delikatessen. Wie das Gewächs – wir nannten es Eselmais – tatsächlich heißt, konnte uns auch Alain Bonamy nicht sagen. Sein Fachgebiet ist vor allem das Genepi, ein unscheinbares Kraut, das in den steilen Felslagen über seiner Hütte wächst und für den gleichnamigen Digestif gesammelt wird, einen goldfarbenen, öligen Kräuterschnaps. Eine große Flasche davon stand auf dem Tisch, während Alain die wagemutigen Geschichten eines Genepi-Kletterers erzählte.

Als wir zurück sind an der Abzweigung, hören wir Eselschreie. Gedeon verliert sein gefräßiges Phlegma. Auf einmal läuft er und bald erreichen wir unsere Endstation. Und dann kann ich Gedeon nur noch mit einem locken, um ihm zum Abschied die Ohren zu kraulen: einem Strauß Eselmais.

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15:00 22.07.2009
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 37/2021

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