Nieder mit den Grenzen auf dem Tisch!

Der Koch Es soll Esser geben, die starren ihrem Nachbarn ständig auf den Teller - und wollen kosten. So wie der Koch. Dabei haben wir früh gelernt, unser Revier zu markieren
Jörn Kabisch | Ausgabe 51/2013 9
Nieder mit den Grenzen auf dem Tisch!

Illustration: Otto

Du, darf ich mal probieren?“ Es ist dieser Satz, der eine bestimmte Kategorie Esser eindeutig charakterisiert. „Es ist eine Pest“, sagte eine Bekannte kürzlich. „Diese Menschen, die sich im Restaurant nicht auf ihren eigenen Teller konzentrieren können, sondern ständig zum Nachbarn starren.“ Das sei so unentschieden, meinte sie. Ihr käme es vor, als würden solche Leute die eigene Auswahl gleich wieder in frage stellen oder schlimmer: überprüfen, ob auf den anderen Tellern nicht etwas Besseres liegt.

Ich habe das noch nie so gesehen. Ich gehöre auch zu diesem Typ Esser. Dass ich übergriffig wirken kann, hat mir aber zu denken gegeben. Unsere Tischkultur ist schon seit Jahrhunderten von Individualisierung und Grenzziehung geprägt. Es begann mit dem Besteck, das sich im Mittelalter aus Küchengerätschaften entwickelte, aber zunächst als praktisches Werkzeug diente. Man aß gemeinhin noch aus einer Schüssel. Der Löffel aber wurde schon bald zu einer der ganz wenigen persönlichen Habseligkeiten, von denen sich niemand gern trennte. Das ist der Grund, warum wir noch heute davon sprechen, dass jemand „den Löffel abgegeben hat“, wenn er gestorben ist.

Erst mit der Renaissance verbreiteten sich Teller, und in der Folge entstand bei Hofe das Tischgedeck, also die Kombination aus Porzellan, Gläsern, Besteck und Servietten. Es waren kleine Ländereien, die die Adeligen da vor sich hatten – und sie existieren bis heute. Je teurer und exklusiver man Essen geht, um so höher werden die Reviermarkierungen. In edlen Absteigen sitzen sich die Gäste heutzutage manchmal waffenstarrend gegenüber, wenn Messer um Messer neben den Tellern liegen. Wie es genau dazu kam, kann man übrigens in dem Buch Eat Design, das eben im österreichischen Metroverlag erschienen ist, nachlesen und nachschauen: Besonders die Fotos darin nehmen unsere Tischkultur ziemlich ironisch aufs Korn.

Der Drang zu teilen

Beim Blättern ist mir die Frage gekommen, worin wohl der Sinn dieser doppelten Distanzierung liegt: Denn wenn ohnehin schon alle vom eigenen Untersatz essen, dann könnten wir doch auch wieder die Finger benutzen oder am Ende den Teller ablecken? Wir tun es nicht. Und dafür gibt es dann nur eine überzeugende Erklärung: Denn nur, wer vom Teller und mit Besteck isst, hält sein Essen so unangetastet, dass auch der Nachbar noch davon kosten kann. Bei aller Individualisierung – der Drang, das Essen zu teilen, ist immer noch groß.

In anderen Kulturen ist das viel selbstverständlicher. In chinesischen Restaurants haben zwar alle kleine Schüsselchen vor sich, aber das Essen steht in der Tischmitte, und es kann einem passieren, dass einem mit fremden Essstäbchen ein ganz unbekannter Bissen in den Mund gestopft wird. Das ist ein freundlicher Akt.

Doch blicken wir nicht in so ferne Länder. Im Westen haben wir nur kompliziertere Formen gefunden, das Essen zu teilen. Das Büfett, wie es jetzt gerade bei den betrieblichen Weihnachtsfeiern häufig wieder aufgebaut wird, ist so eine Variante. Und auch die Faszination des Fondues, das in den nächsten Wochen wieder auf viele Tische kommen wird, hat sicher weniger kulinarische Gründe. Sondern soziale. Wenn lange Gabeln in zerschmolzenen Käse oder siedendes Öl gehalten werden müssen, verschwimmen alle Reviergrenzen auf dem Tisch. Das ist dann wie aus einer Schüssel zu essen.

Warum ich so gern probiere? Ich will so viel schmecken wie möglich, und gern unterschiedlich. Vor ein paar Tagen war ich mit jemandem im Restaurant, der schon bei der Verabredung zur Bedingung machte, auch von meinem Teller kosten zu dürfen. Es war ein ausgezeichneter Abend.

eat design Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter Metroverlag, 240 Seiten, 39,90 Euro

06:00 21.12.2013
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch
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