Schlecken vor aller Augen

Der Koch Eiscreme ist der Verkaufsschlager der ersten frühlingshaften Tage. Der Koch weiß warum: Eis ist ein Refugium öffentlicher Lustbefriedigung
Jörn Kabisch | Ausgabe 12/2014 1
Schlecken vor aller Augen
Illustration: Otto für der Freitag

Kaum ist es ein bisschen wärmer, wollen die Menschen eine anständige Portion Frost im Magen. Ich wette, die Schlangen, die ich in der vorigen Woche an verschiedenen Eisdielen gesehen habe, sind bereits die längsten des Jahres gewesen. „So schmeckt der Sommer“ – das erzählt das Langnese-Lied seit zwei Jahrzehnten, dabei ist Eiscreme eigentlich ein Frühjahrshit. Auch ich habe fast eine halbe Stunde angestanden, für zwei Kugeln Joghurt und Waldbeeren.

Warum ist Eiscreme die erste Freiluftspeise der Saison geworden? Natürlich spielt die Verpackung eine Rolle, das Hörnchen. Es macht möglich, dass wir uns einen Schlag Stracciatella oder Vanille in seiner ganzen Überfülle vor die Nase halten und daran schlecken und lecken dürfen wie Kinder. Mit einer ganz ursprünglichen Lust. Ohne den kleinsten Anstoß zu erregen. Und ganz im Gegensatz zu dem Bild, das wir abgeben würden, lutschten wir in ähnlicher Weise die süße Füllung aus einem Pfannkuchen. Doch wo ist der Unterschied? Beim Pfannkuchen handelt es sich ja auch nur um ein Stück Gebäck, das mit süßer Creme gefüllt ist.

Die zu einem Kegel gedrehte Waffel erhält uns eine primitive Art der Lustbefriedigung. Dieses Moment ist es wohl auch, der das Museum of Modern Art bewogen haben muss, das Hörnchen in seine Bestände aufzunehmen. Als Mittler, der einen Atavismus über die Zeiten rettet, an Moden und sich verändernden Sittenvorstellungen vorbei. Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass dafür ein einzelner Mensch verantwortlich sein soll, man müsste ihn als einen der wirksamsten Konterrevolutionäre der Menschheit ansehen, aber das MoMA kennt seinen Namen: Italo Marchioni. Eigentlich ziemlich vermessen von den Kuratoren. Doch auf der anderen Seite wäre es auch blöd, hätte man ein Werk in seinem Bestand, das keinen Urhebernamen trägt.

Geistiges Eigentum an der Waffel

Italo Marchioni jedenfalls war ein New Yorker Eisverkäufer, der im Jahre 1903 das erste Patent auf ein Stück Gebäck anmeldete, um darin Eiscreme abzufüllen. Reich wurde er damit allerdings nicht. Er vergaß offenbar, das kegelförmige Musterstück beizulegen, das heute im MoMA liegt. Sämtliche Waffelhersteller, die er in den darauffolgenden Jahren wegen Patentverletzungen verklagte, drehten ihm eine Nase.

Es ist erstaunlich, dass gerade eine als so prüde verschriene Nation wie die Vereinigten Staaten in der Geschichte der Eiscreme eine so große Rolle spielt. So soll der Mann, dem wir das Eis am Stil verdanken, Frank Epperson aus Kalifornien sein. Er ging 20 Jahre nach Marchioni zum US-Patentamt, nachdem er versehentlich ein Glas Limonade mit einem Löffel im Winter vor der Tür hatte stehen lassen. Es war über Nacht gefroren.

Ich finde aber, man sollte den Amerikanern ihre angeblichen Erfinder lassen. Es hilft eh nichts. Wie man in US-Fernsehserien immer wieder beobachten kann, löffeln sie das Eis ohnehin am liebsten aus großen Eimern.

Hierzulande dagegen ist Eis, das es auf die Hand gibt, mehr oder weniger subtil besetzt. Man muss dafür nicht unbedingt an Eis am Stiel erinnern, der Teenie-Komödie aus Israel, die in den Siebzigern die ganze pubertierende Jugend Europas erregte. Und das hat seitdem nie aufgehört. Interessant ist eher, dass recht unverhohlene Bezeichnungen wie „Flutschfinger“, „Push up“ oder der Slogan von „Ed von Schleck“ nie das Interesse des Jugendschutzes fanden. „Schlecken, Schieben, Action – nur das bringt Satisfaction“, hieß es in der Werbung. Ich brauche solche Aufforderungen nicht. Ich weiß, was ich daran habe, mich durch die süße, kalte Creme bis in die enge Spitze der Waffel zu züngeln. Und warum ich dafür auch lange an der Eisdiele anstehe, wenn die Frühlingsgefühle erwachen.

 

06:00 22.03.2014
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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