So tun als ob

Der Koch Wieso, zum Henker, gibt es eigentlich vegetarische Wurst? Jörn Kabisch fragt sich, warum Tofu stets wie Fleisch aussehen muss
Jörn Kabisch | Ausgabe 08/2014 15
So tun als ob
Illustration: Otto

Ich habe da mal eine Frage, da muss mir jemand helfen. Warum gibt es vegane Wurst? Das Thema treibt einige Menschen um. Sie glauben, wenn überhaupt, dann könnte ich es wissen. Aber ich muss auch passen.

Vor Kurzem war ich am Wochenende auf einer Wurstmesse, sozusagen ein Hochamt für die Zipfel. Geräuchertes und Geselchtes von überall her lag auf den Markttischen oder hing an Stangen darüber: Lyoner und Krakauer, Salami und Schinken, Kaminwurz und Landjäger, Debreziner und Ahle Wurst und noch so einige mehr, deren Namen ich nicht behalten habe. An einem Stand gab es vegane Wurst. Einige Leute waren neugierig, probierten auch, zeigten Anerkennung, gingen dann aber schnell weiter und verschmolzen wieder mit der vereinten Fleischseligkeit. Ein Bekannter tippte mich auf die Schulter und stellte wieder diese Frage.

Es ist paradox: Warum soll man, wenn man sich gegen Fleischverzehr entschieden hat, ausgerechnet Gemüse in einer Form essen, die an nichts anderes als Fleisch erinnert? Man kann das nicht mal mit dem Genuss von alkoholfreiem Bier vergleichen, das man meist bestellt, wenn man noch fahren muss. Trockene Alkoholiker dagegen lassen tunlichst die Hände davon, wegen der Rückfallgefahr. Warum aber greifen dann ehemalige Fleischesser zu Wurst aus Gemüse. Ist das denn kein riskantes Spiel? Oder gibt es da einen Phantomschmerz, der gelindert werden muss?

Tofu als Ersatzdroge

Sieht man sich die Homepage des Deutschen Vegetarierbundes an, dann muss man sich falsche Wurst tatsächlich als Substitutionspräparat vorstellen: „Vegetarisch leben bedeutet nicht Askese, ganz im Gegenteil“, heißt es da. „Hunderte von Produkten und Rezepten warten darauf, von Ihnen entdeckt zu werden! Zum Einstieg und für die Übergangsphase sind gerade Lebensmittel vorzüglich geeignet, die sie sich problemlos in jede Mahlzeit anstelle von Fleisch, Wurst und Fisch integrieren lassen.“ Und dann werden Tofuprodukte und vegane Wurst beworben wie Ersatzdrogen.

Liebe Vegetarier, so wird das nichts. Wenn ihr nicht eigene Einstiegsdrogen findet, muss man sich als Fleischloser doch immer vorkommen wie ein halber Esser. Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich kenne einiges, was einen süchtig auf Gemüse machen kann. Ich mag Tofu und Tempeh, und auch vegane Wurst schmeckt, vor allem, wenn das Rezept sich nicht an irgendeinem fleischlichen Vorbild orientiert. Aber warum zum Henker soll man trotzdem noch Fleisch vor Augen und in den Ohren haben? Seitan-Gyros oder Soja-Hackfleisch: Muss das so heißen? Mir fällt auf die Schnelle zwar auch nicht so viel ein, aber wenigstens das: In Bayern wird eine Frikadelle auch Fleischpflanzerl genannt. Zucchini-Pflanzerl finde ich noch appetitlicher. Und auch noch doppeldeutig.

Wenn ich richtig schlau ankommen will, dann antworte ich auf die Frage nach der veganen Wurst, dass das gar keine neue Erfindung ist. In der buddhistischen Küche ist es eine über tausendjährige Tradition, Fleisch aus vegetarischen Zutaten nachzubauen und zu imitieren. Aber im Lichte meiner Argumentation hilft dieses Wissen auch nicht weiter. Es macht sogar alles nur schlimmer. Denn man kann das auch so sehen: Hier haben Vegetarier offenbar über unzählige Generationen einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex weitervererbt.

So kann das einfach nicht weitergehen. Eine andere Herangehensweise muss her. Vielleicht sollten Vegetarier, die gefragt werden, warum sie das essen, einfach mit einer Gegenfrage antworten. Zum Beispiel: Warum essen Menschen Hummer? Keine Ahnung? Ganz einfach: Weil man ihn essen kann! Oder haben Sie eine bessere Idee?

 

 

06:00 22.02.2014
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

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