Unser täglich Fleisch

Pferdefleischskandal Vegetarisch essen ist leider nicht jedermanns Sache. Aber mehr Respekt vor dem Tier wäre gut
Unser täglich Fleisch
Fleischessend gewordener Schrecken: Pantagruel. Hier als Holzstich von 1864, der eine spätere Fassung des Romans von Rabelais illustriert

Abb.: Gustave Doré/ AKG-Images

Meine Bekannte Ricarda erzählte mir neulich eine bezeichnende Geschichte. Sie war zu den Weihnachtsfeiertagen wieder einmal bei ihren Großeltern eingeladen. Ein Pflichttermin, und das nicht nur weil Ricarda seit ihrer Jugend Vegetarierin ist. Groß geworden ist sie wie ihre Onkeln, Tanten und Großeltern im westfälischen Schweinegürtel, der im Nordosten das Ruhrgebiet umringt, und alle sind sie gute Katholiken. Für die Entscheidung, fortan auf Fleisch zu verzichten, erntete die damals 14-Jährige einiges Kopfschütteln: „Hätte ich mich als Lesbe geoutet, wäre es nicht schlimmer gewesen“, sagt sie.

Was für ein Geschenk, als die Oma sie nun mit den Worten empfing: „Heute habe ich extra für dich gekocht.“ Ein paar Stunden später sagte sie der ganzen Familie: „Wegen Ricarda gibt es heute ausnahmsweise mal kein Fleisch“, und stellte einen Topf mit Hühnerfrikassee auf den Tisch.

Als passionierter Esser wünscht man sich heute nicht selten eine solche schwejksche Unbedarftheit. Doch die Unschuld ist dahin. Jeder Bissen Fleisch ist, wenn nicht mit einem dicken Klecks schlechten Gewissens, dann doch mit Verunsicherung gewürzt. Das stört vor allem den Genuss. Auch jetzt wieder: Allerorten wird Pferdefleisch in Fertiggerichten gefunden, die eigentlich Rind enthalten sollten. Was mit einer Lasagne begann und sich anfangs als dreister Akt von Verbrauchertäuschung darstellte, hat sich inzwischen zu einem europaweiten Skandal ausgewachsen.

Vervierfachter Fleischkonsum

Die Empörung ist auch deswegen so groß, weil einiges an die BSE-Krise von 2000 erinnert. Erneut geht es um Rind, erneut nimmt die Sache von Großbritannien aus ihren Lauf und kennt keine Ländergrenzen. Und wieder einmal steckt der Fehler im System: In einer langen Herstellungskette können Zutaten so weit anonymisiert werden, dass nicht einmal der Endproduzent selbst genau weiß, was in seinem Produkt enthalten ist.

Zwölf Jahre nach der BSE-Krise kann man uns den Appetit schnell verderben. Zur Jahrtausendwende gab es wenigstens noch trotzige, französische Rinderzüchter, die vor laufender Kamera blutige Steaks verzehrten. Das hat man seitdem nicht mehr gesehen, nicht, als Dioxin im Schweinefleisch gefunden wurde (2011) oder zu viele Antibiotika im Hühnerfleisch (2012).

Wir leben inzwischen auf dem Höhepunkt des pantagruelischen Zeitalters. Gargantua und Pantagruel, so heißt ein Klassiker der Renaissance-Literatur, geschrieben von François Rabelais, in der Art der Groteske vergleichbar mit Dantes Göttlicher Komödie oder den Bildern von Hieronymus Bosch. Die Protagonisten sind zwei Riesen-Söhne, und der Jüngere, eben Pantagruel, entwickelt schon kurz nach der Geburt einen Mordshunger. Keine menschliche Amme hat genug Milch, um den Säugling zu stillen. Bald braucht es Tausende von Kühen, und einmal packt sich das Riesenbaby so eine Kuh und frisst ihr die „Euterzitzen samt Leber und Nieren“ ab. „Er hätte sie mit Haut und Haaren aufgefressen, hätte sie nicht mörderisch gebrüllt.“

Dieses Bild passt. Wir verlangen nicht mehr nach unserem „täglich Brot“, sondern immer mehr nach Fleisch, das uns in den Supermärkten mithilfe von Schnäppchenpreisen schmackhaft gemacht wird. Und weil Wohlstand noch immer mit vermehrtem Fleischkonsum einhergeht, hat dieser Trend längst Schwellenländer wie China erfasst. In den letzten 60 Jahren hat sich der weltweite Fleischkonsum mehr als vervierfacht. Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rechnet damit, dass sich die Menge der gehaltenen und verzehrten Nutztiere durch den vermehrten Wohlstand einer wachsenden Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten bis 2050 noch einmal verdoppelt. Schon heute verschlingt die globale Fleischproduktion drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzflächen der Erde.

Gibt es also keinen anderen Ausweg als den Abschied vom Fleisch? Es scheint so. Die Vertreter des Vegetarismus haben immer mehr Pfeile im Köcher. Gerade neu ist die Debatte ums Fleisch ja nun auch nicht. Angefangen bei Buddha und Pythagoras über Platon, Plutarch und Jean-Jacques Rousseau bis zu Einstein und Peter Singer forderten große Denker immer wieder Fleischverzicht. Ihr Argument ist ein rein moralisches, sie sagen, es sei verwerflich, Tiere zu töten und ihnen Leid anzutun, nur um ihre schmackhaften Körperteile zu verköstigen. Unterstützung gab es nun von Neo-Vegetariern wie Jonathan Safran Foer; sie erweiterten die Debatte um ökologische und soziale Perspektiven und rechneten vor, wie viel fossile Energie allein für das Futter der riesigen globalen Nutztierherde draufgeht – vom Methanausstoß dieser rund zwölf Milliarden Tiere ganz zu schweigen. Mit Recht betonten sie, welche Armut wir produzieren, wenn wir immer teurer werdendes Getreide ans Vieh verfüttern und Menschen leer ausgehen müssen.

Eine starke Argumentationsfront ist das. Ein paar Abers lassen sich dennoch ins Feld führen. Denn mit der Vernunft und der Ernährung ist das so eine Sache. Bauchsachen sind für rationale Argumentationen und noch mehr für Verzichtsforderungen ziemlich unempfindlich. Das beste Beispiel dafür ist das christliche Fleischverbot während der Fastenzeit. Die Kirche hat damit die Fixierung aufs Fleisch wahrscheinlich eher befördert. Schwer vorstellbar jedenfalls, dass ohne den Fastenkalender Europa eine so reichhaltige kulinarische Kultur entwickelt hätte, wo an allen Ecken und Enden Gerichte nach dem Prinzip des Herrgottsbescheisserles entstanden sind – wie der Schwabe seine Maultaschen nennt.

Auch wer das Leid der Tiere im Auge hat, muss sich noch ein paar Fragen gefallen lassen. Denn natürlich sollen Kuh, Schwein oder Huhn ein glückliches Leben führen. Aber wissen wir, wann diese Kreaturen glücklicher sind? Ohne den Menschen würde es eine ganze Reihe dieser Tierarten überhaupt nicht geben. Ohne einen Nutzen für uns wären sie zum Aussterben verdammt. Und man muss sogar fragen: Wären sie glücklicher, wenn wir ihnen ein Leben ermöglichten, so lange es nur geht? Die Frage ist ja inzwischen selbst für den Menschen nicht mehr ganz so eindeutig. Es ist allerdings unerträglich, wenn wir heutzutage die eine Spezies wie ein gleichwertiges Mitgeschöpf behandeln, die andere aber von Geburt an mästen, sie in Ställen eingepfercht zu Kannibalen machen und anschließend in Schlachtfabriken stecken, sodass den meisten Menschen gar nicht mehr bewusst ist, dass für ihr täglich Brot ein Tier sterben musste. Vernünftig jedenfalls ist weder das eine noch das andere. Hinzu kommt, dass sich Neurobiologen und Umweltphilosophen längst mit der Frage beschäftigen, ob auch Pflanzen eine Seele haben. Ernsthaft. Was können wir noch essen, wenn wir auch dem Weizenhalm kein Leid zufügen wollen?

Fleisch als Beilage

Rigorismus hilft nicht weiter, um das pantagruelische Zeitalter hinter uns zu lassen. Essen wird Bauchsache bleiben. Der Ernährungsphilosoph Harald Lemke plädiert daher für einen „gastrosophischen Hedonismus“. Dieser besagt, dass wir für all die Lebewesen, die wir töten werden, um sie zu verspeisen, alles tun sollten, damit diese ein artgerechtes Wohlergehen haben, solange wir sie leben lassen.

Es geht um mehr Maß, oder wie der Berliner Sternekoch Michael Hoffmann es sagt – um „Respekt“. Sein Restaurant „Margaux“ im Schatten des Brandenburger Tors hat eine kleine Revolution erlebt. Hoffmann kocht fast ausschließlich vegetarisch, Obst und Gemüse zieht er nach den Regeln des ökologischen Landbaus im eigenen Garten vor den Toren der Hauptstadt. Er würde nie auf Fleisch verzichten, dafür schmecke es ihm zu gut, sagt er. Aber er hat die Verhältnisse auf den Tellern umgedreht: „Gemüse ist heute nicht mehr die Beilage: Ich reiche das Fleisch als Beilage.“

Längst gibt es Rückzugsorte für eingefleischte Esser: Restaurants, die ausschließlich Fleisch auf der Karte haben. Sie kennen die Züchter, die Köche nehmen an Schlachtungen teil, sie zelebrieren Steak und Braten. Ich war vor ein paar Tagen in so einem Restaurant, es trägt den Namen „Beef or not to beef“. Ich teilte mir mit einem Freund eine riesige „Bistecca alla Fiorentina“, ein Rinderkotelett vom Grill, 900 Gramm schwer. Das Fleisch schmeckte köstlich, im ganzen Raum roch es nach Steak. Aber als ich die Gäste an den Tischen sah, alle die Messer mit gezahnten Klingen in der Hand, fühlte ich mich auf einmal an einen Coffeeshop in Amsterdam erinnert. Teilzeit-Carnivore – das wäre nicht die schlechteste Aussicht auf diese Zukunft.

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

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09:00 22.02.2013
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 41/2021

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