Verdammter Sonntag

KOMMENTAR NPD-Aufmarsch am Brandenburger Tor, zum Zweiten

Da haben die Glatzen-Fratzen ihre Nasen durch den Maschendrahtzaun schieben können hin zum Pariser Platz, wo die Kinder lieb und laut trommelten für den Thierse-Bär und die Locken-Lea und noch ein paar tausend andere Demonstranten und gegen das Gespenst, das umgeht in Deutschland - heute an einem grau verregneten Sonntagnachmittag, an dem die ganze Republik nur auf eines wartet, nämlich dass der Frühling beginnt, und deswegen auf der ITB in Urlaubsvorfreuden den Hula tanzt oder wahlweise daheim ihre Frau und Kinder auf der Couch ersticht. Zur Zeit kommen in der Umgebung des Brandenburger Tors nur Ethnologen noch auf ihre Rechnung.

Ihre Fahnen und Uniformen haben sie heute daheim lassen müssen, auch durchs Tor hindurch zu marschieren wie weiland die SA und sie selbst noch im Januar und dabei der Quadriga feixend unter den Rock zu blicken, das haben die Richter verbieten wollen, pfui. Als ob das wirklich was ändern würde. Aber auf den ganzen Klimbim kann man verzichten, der Jörgl hat gezeigt, wie es ohne viel besser geht, heute als Discount-Variante: Deswegen haben die fünf Busladungen auch Transparente dabei: "Mein Freund ist Österreicher", und verhülsen uns die verhülsten, aber dennoch so schönen Kampfbegriffe nur noch mehr: Gegen den "Neoliberalismus" ziehen ihre Wortspucker zu Felde und machen aus den Autonomen "die Agenten des internationalen Großkapitals" - heute am 62. Jahrestag des Anschlusses, der nur ein 62. wäre, wenn nicht ein paar hundert mit ihren nackten Schädeln bis zur Unkenntlichkeit vermummt vor dem Brandenburger Tor stünden, nicht die österreichische Tourismusministerin Rauchzipfel kostend am Tirolstand auf der ITB und nicht über unser liebstes Urlaubsland die Plage der schwarzblauen Fliegen hereingebrochen wäre.

Westseitig zweistellig, ostseitig dreistellig haben sie sich versammelt, die einen für, die anderen gegen Haider, das Ergebnis ist schnell ausgerechnet: Sieg für die "aufrechten Demokraten". Aber kein Sieg für das neue Berlin, wispern Eberhard Diepgen und sein Chefzündler Eckehart Werthebach, der den NPD-Aufmarsch fadenscheinig verboten hat, ungeduldig wartend, dass die Gerichte den Beschluss wieder kassieren. Es wäre doch gelacht, wenn wir die Ex-Bonner nicht klein bekämen und dann die Bannmeile ums Tor ziehen könnten, haben sich die beiden schon zugerufen. Den nächsten Aufmarsch verbieten wir wieder nicht richtig, den am 20. April, den am 1. Mai und noch viele mehr. Verkaufsoffene Wochenenden ausgenommen, da müssen andere demonstrieren.

Nur eins soll uns an diesem verdammten Sonntag ruhig einschlafen lassen: Kreuzberg ist teilweise nationalistisch befreit geblieben.

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Geschrieben von

Jörn Kabisch

Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012 und Kolumnist bis 2022, seitdem Wirt im Gasthaus zum Schwan in Castell

Jörn Kabisch

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