Warum heißt es Gurkentruppe?

Koch Rehabilitierung: Die Gurke ist besser als ihr Ruf. Unser Koch wirft ein Blick auf das zu Unrecht verschmähte Gemüse

Es ist Zeit für eine Ehrenrettung der Gurke. Vielleicht ist es Ihnen auch so gegangen? Nach einigen Wochen der Abstinenz nimmt man dieses Gemüse, das sonst so alltäglich ist, anders wahr. Bei mir war das so. Der erste Gurkensalat nach Ehec hat anders geschmeckt als jeder zuvor. Denn trotz Seuchen-Entwarnung hat der erste Genuss etwas von einem Abenteuer – der höhere Adrenalinpegel sensibilisiert die Geschmacksnerven. Man fragt sich: Schmeckt es so wie immer? Und merkt, dass man gar nicht genau weiß, wie es immer geschmeckt hat.

Und warum sollte man das auch, bei einem Gemüse, das in jedem Supermarkt das ganze Jahr en gros ausliegt, meist zum Dauertiefstpreis von 49 Cent das Stück.

Die Gurke ist ein so allgegenwärtiges wie vernachlässigtes Gemüse. Der Genuss ist zweitrangig. Wenn sie nicht als Gesichtsmaske verwendet werden, liegen Gurkenscheiben als Garnitur auf Tellerrändern – mehr als Versprechen für eine gesunde vitaminreiche Ernährung, denn als Bestandteil.

Unreife Ernte

Und wir wissen doch genau, wie wenig Respekt wir dem Gemüse entgegenbringen. Wofür im Tierreich das Schwein her­halten muss, ist in der Flora die Gurke: „Faule Sau“ oder „dumme Gurke“ sind Schimpfwörter von gleicher Abschätzigkeit. „Gurkennase“ etwa ist der einzige vegetarische Kraftausdruck in dem an Verwünschungen überbordenden Wortschatz von Kapitän Haddock in Hergés Tim und Struppi. Ob „Höllenhunde“, „Kaulquappen“, „Affenpinscher“ oder „Salatschnecken“ – in der Tierwelt bedient sich Tims aufbrausender Gefährte dagegen eifrig. Ein fester Begriff ist inzwischen die „Gurkentruppe“. Ursprünglich eine Bezeichnung für die Nationalelf bei der Männer-WM 1986 (Ersatz-Torhüter Uli Stein, der Franz Beckenbauer auch noch „Suppenkasper“ geziehen hatte, musste deshalb die Heimreise antreten), ist sie heute häufig im politischen Sprachraum an­zutreffen. Wobei immer das Herumeiern oder „Gegurke“ einer Gruppe von Menschen gemeint ist. Verständlich, der Begriff geht nämlich auf das mittelgriechische Wort ágūros zurück, übersetzt: grün, unreif. Die Gurke ist bis heute die einzige Gartenfrucht, die unreif gegessen wird – die Samenstände sind noch weich und gallertartig.

Machen wir also ein Ende mit der Missbilligung. Setzen wir die Gurke in ein neues Licht. Sie ist ein hervorragendes Sommergemüse, in der chinesischen Küche gilt sie als kühlende Zutat – und das ist sie tatsächlich, nicht nur, weil die Kürbisfrucht zu über 90 Prozent aus Wasser besteht. Der süßliche, leicht bittere Geschmack macht sie aus.

Sommerlich

im Geschmack

Ich habe nach Rezepten gesucht, die der Gurke die Hauptrolle einräumen. Sehr interessant ist das der Gurkenroulade, ich habe es aus einem westdeutschen Kochbuch aus den 60er Jahren. Für die Roulade wird eine Salatgurke entkernt und mit Hackfleisch gefüllt, dann wird ein kurzes Rinderschnitzel, das mit Senf bestrichen ist und mit Dill bestreut, darum gebunden. Die Salatgurke verträgt Hitze, die Rolle ist noch nach einer Stunde im Schmortopf in Form. Zugegeben, so kocht man heute nicht mehr. Aber in Stifte geschnitten passt die Gurke durchaus in Wok-Gerichte. Und aus einfachen Supermarkt-Gurken lassen sich auch Schmorgurken machen. Die Gurkenstücke werden in wenig Wasser mit Lorbeer und Zwiebel gedünstet, bis sie glasig sind, anschließend mit Senf, Zitrone und Dill verfeinert. Ein großer Klacks saure Sahne, fertig.

Im Sommer passt die Gurke natürlich am besten als Suppe. Servieren Sie sie bitte nur nicht zu kalt. Mit ein paar Eiswürfeln leicht gekühlt, ist sie am schmackhaftesten. Und: Mogeln Sie der Suppe ein paar Senf­gurken unter. Das zahlt sich aus.

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09:00 02.07.2011
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Ausgabe 32/2020

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