Was uns billig kostet

Essen Preiswert ist es nicht, wie wir uns ernähren. Aber an der Kasse merkt das keiner. Wie wir zu perfekten Kunden der Lebensmittelindustrie geworden sind

Elf Prozent. Das ist eine magische Prozentzahl, die den Deutschen arithmetisch so gut beschreibt wie die 1,4 (Geburtenrate) oder die 15 Prozent (Sparquote). Elf Prozent ihres Haushaltseinkommens geben die Deutschen für ihre Ernährung aus. Das ist nicht nur weniger als Franzosen oder Italiener, das ist auch ein historisches Tief in Deutschland. Und da muss es einen doch nicht wundern, heißt es, wenn wir inzwischen in regelmäßigen Abständen Lebensmittelskandale erleben – wie nun den Dioxin-Skandal, pünktlich zum Start der Grünen Woche am Freitag. Selbst schuld, meint die Zahl. Wenn der Verbraucher es billig will, bekommt das Tier eben Maschinenfett ins Futter gemischt.

Wer aber bloß mit dem Finger auf die Konsumenten zeigt, nimmt Protesten für eine neue Agrarpolitik die Glaubwürdigkeit. Warum sollten Politiker überhaupt etwas ändern, wenn doch die Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten alles bestimmen? Selbst schärfere Kontrollen und ­höhere Strafen – wie Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner sie am ­Dienstag von ihren Länderkollegen forderte – nützen in dieser Logik wenig.

Teurer einkaufen hilft kaum

Höhere Preise und teure Einkäufe helfen für sich zunächst einmal gar nichts. Was im Supermarkt teurer etikettiert ist, ist oft nicht mehr als ein Ablassbrief für eine schuldbewusste Klientel, die eine Ahnung davon bekommen hat, dass ihr Einkaufsgebahren schlecht ist für sie selbst, die Umwelt und den Globus.

Wenn es um Lebensmittel geht, führen Schuldfragen aber nicht weiter. Es geht ums System. Und um die Frage, warum wir eigentlich so billig essen? Warum wir es können und warum wir es wollen? Da ist manchmal kein so großer Unterschied. Und die Antwort auf diese Frage ist nicht so selbstverständlich, wie man annimmt.

Noch immer ist Ernährungspolitik Hungerpolitik, nicht nur in fernen Teilen der Welt. Den galoppierenden Agrarrohstoffbörsen begegnen Staaten in Asien in diesen Tagen wieder mit Getreideankäufen und Preismoratorien für Grundnahrungsmittel, um die Versorgung eines Großteils ihrer Bevölkerung sicherzustellen. In Europa ist das so zwar nicht mehr nötig, aber es ist gar nicht so lange her, dass Staaten als Suppenküchen fungierten. In den USA etwa werden bis heute Lebensmittelmarken ausgegeben – an knapp 40 Millionen Menschen. Es ist der einzige starke Pfeiler des US-amerikanischen staatlichen Sozialsystems und kaum jemals in Zweifel gezogen worden.

Hunger ist die anarchischste Kraft der Welt. Gerade im anbrechenden Jahrtausend konnte man das beobachten. 2007 begannen die Demonstrationen in Myanmar als Proteste gegen steigende Konsumpreise und entwickelten sich erst in den folgenden Wochen zu einer Bewegung gegen die Militärdiktatur. 2008, auf der Höhe der Finanzkrise, erwog die isländische Regierung bereits, Verordnungen für die Verteilung von Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs zu erlassen. Und sie empfahl öffentlich, Vorräte anzulegen. Auch bei den aktuellen Aufständen in Tunesien spielen die Lebensmittelpreise eine Rolle. Dass Präsident Ben Ali den Protesten mit Preissenkungen zu begegnen versuchte, half ihm allerdings nicht mehr.

Kuchen für alle

Dass es in Europa oder gar Deutschland zu Brotrevolten kommen könnte, scheint beinahe undenkbar. Trotzdem floriert die Tafelbewegung, die kostenlose Lebensmittelverteilungen organisiert, weil die für die Ernährung bestimmten 132 Euro Hartz IV vielen Menschen nicht einmal mehr für den Einkauf im Discounter reichen. Steigende Preise, das will niemand. Auch der Staat beugt Versorgungsengpässen vor. Die so genannte „Bundesreserve Getreide“ umfasst 440.000 Tonnen Weizen, 140.000 Tonnen Hafer und 50.000 Tonnen Roggen, die dezentral in Lagern über die Bundesrepublik verteilt sind, für alle Fälle. Ein Anachronismus, der in der Nachkriegszeit begann – und aus den Deutschen eine vereinte Nation von Billigkäufern machte.

Kein anderes Land in Westeuropa hat im 20. Jahrhundert so viele Hungerjahre erlebt. Die Lebensmittelversorgung der Zivilbevölkerung war schon während des Ersten Weltkriegs katastrophal – die Heeresführung hatte mit einem nur wenige Wochen dauernden Krieg gerechnet. Die Situation verbesserte sich in der Zwischenkriegszeit kaum – die Nazis machten deshalb auch mit Suppenküchen und Gulaschkanonen Wahlkampf. Und einmal an der Macht begegneten sie dem Mangel mit Programmen zu guter Ernährung und einem Führer, der ein Vorbild an vegetarischer Askese zu sein vorgab. Die Fresswelle, die in Westdeutschland ein paar Jahre nach dem Hungerwinter von 1946/47 einsetzte, der bislang letzten Hungerskatastrophe in Westeuropa, war deshalb auch gelebter Antifaschismus – und ein Schlussstrich unter knapp drei Jahrzehnten der Knappheit und des Maßhaltens. „Kuchen für alle“, ähnlich wie es einst Marie Antoinette am Vorabend der französischen Revolution wollte – auf genau diesen Nenner ließ sich die neue Esskultur in der jungen Demokratie bringen.

Die Deutschen haben tatsächlich eine demokratische Art zu essen. Niemand ist am Tisch so gleich und brüderlich wie wir. Dass etwa in Frankreich, Italien oder auch Großbritannien mehr für die Ernährung ausgegeben wird, liegt auch daran, dass dort bestimmte Schichten ihre Identität über die Essgewohnheiten definieren. In Deutschland gibt es zwar auch unterschiedliche kulinarische Kulturen, aber keine echten Abgrenzungsbemühungen. Wenn es bei Aldi guten Champagner gibt, sieht man auch Nerzmäntel an der Kasse stehen – und nicht nur dann. Billige Lebensmittel sind noch immer der Kitt, oder besser: der Aspik dieser Gesellschaft.

Aber all das heißt noch lange nicht, dass wir uns auch preiswert ernähren. Wir haben die Verantwortung, welchen Preis unser täglich Brot hat, stattdessen an der Kasse abgegeben. Wir sind keine Kunden mehr, sondern zum Endpunkt der industriellen Nahrungskette geworden und haben es zu einer sagenhaften Entfremdung von dem gebracht, was wir in uns hineinmampfen.

Ein paar Beispiele: 1. Man kann zwar verstehen, dass Hamstern und Vorratshaltung einen Hautgout haben, aber über Jahrhunderte haben Menschen so ihr Auskommen gesichert. Sie haben darüber auch gelernt, welche Produkte gut und haltbar sind, und welche nicht. Gehamstert wird in Deutschland höchstens noch Benzin, die Meldung aus Island, Reserven anzulegen, war hierzulande ein skurriler Vermerk in den Vermischten-Spalten. Vorrat wird zwar noch gehalten, aber doch nur, um uns einmal um die Welt kochen zu können. In den Speisekammern von einst finden sich heute meistens die Mülltonnen. Oder die Wertstofftonnen, wie wir sie heute nennen. Deutsche Haushalte sind kleine Vordeponien geworden. Warum? Weil der Müll uns teuer zu stehen kommt. Das wissen wir, doch beim Essen wollen wir es noch nicht erkennen.

Beispiel 2: Sie ist kein Einzelfall, die lustige und gern erzählte Geschichte vom frisch gebackenen Rentner, der nach Jahrzehnten das erste Mal anstelle seiner Frau in den Supermarkt geht – und zuhause anschließend eine Menge Firlefanz präsentiert, ebenso wie eine saftige Rechnung. Sie glauben, Sie sind davor gefeit? Weit gefehlt. In jedem von uns steckt dieser Pensionär. Wir gehen, wie es der US-amerikanische Buchautor Michael Pollan beschreibt, der Industrie immer wieder in die „Omnivoren-Falle“. Als Allesfresser sind wir evolutionär auf der Suche nach energiereicher Kost, die das Überleben sichert. Wenn Sortimente in Supermärkten wechseln, und das tun sie oft, ist das, als ob neue Früchte an den Bäumen hingen. Wir pflücken instinktiv, obwohl der Mensch über Jahrtausende gelernt haben sollte, was für ihn gut ist und was nicht. Der neueste Angriff der Industrie heißt „functional food“, Lebensmittel mit medizinischen Versprechen. Die Falle hat sich gerade wieder sperrangelweit geöffnet.

Versteckte Kosten

Beispiel 3: Das Essen als sozialer Akt ist am Verschwinden. Soziologen beobachten nicht nur, dass in deutschen Haushalten getrennt gegessen wird, sondern auch, dass sich unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten ausprägen. Wir pflegen einen kulinarischen Individualismus, nicht nur am Frühstückstisch. Trotz kleiner Preise, wenn der Kühlschrank ein Sortiment enthalten soll, das einer Restaurantkarte entspricht, dann wird das teuer. Die Industrie unterstützt den Trend nicht nur, sie treibt ihn an – mit Ein- und Zwei-Personen-Verpackungen. Auch wegen der Produktdiversität landen in Deutschland jährlich etwa 20 Millionen Tonnen von Lebensmitteln im Müll. Die Kosten dafür stehen an keinem Regal.

Beispiel 4: Es galt einmal der Satz: „Teuer ist gut, billig ist schlecht.“ Vor allem Markenartikel profitierten von der Faustregel. Die Verbraucher aber haben andere Erfahrungen gemacht, und rieben sich vielleicht erst noch die Augen, als Olivenöl aus dem Discounter ausgezeichnete Tests bekam. Weil Billigketten gleichzeitig ständig um ihr Image fürchten müssen, sind Sicherheitsmanagement und Produktinformationen hier tatsächlich oft besser als anderswo. Das heißt sogar: Es gibt Vertrauen in billig.

Beispiel 5: Billig hat heute vor allem unser Fleisch zu sein. Kein Supermarkt, der nicht das Minutensteak im Prospekt führt. Rund 5 Euro pro Kilo ist seit Jahren der durchschnittliche Preis beim Schwein, das ist billiger als so manches Obst und Gemüse. Aber ob Supermärkte für günstig oder teuer gehalten werden, das bestimmen inzwischen viele an den Fleischpreisen. Durchaus angebracht, bei den 88 Kilogramm Fleisch- und Fleischprodukten, die ein Deutscher heute durchschnittlich im Jahr isst. Es heißt aber auch: Während des Preiskriegs haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als die Hälfte der deutschen Schweinebauern kapituliert. Die Industrie hat mit Turbomast übernommen.

Sozialer Preisstempel

Diese „billige“ Art zu essen, ist nicht preiswert. Seit Jahren geht der EU-Etat zur Hälfte in die Agrar- und Lebensmittelbereich, anfangs um die Produktivität des Sektors zu stärken. Der ist kaum noch ausbaubar, das Geld aus Brüssel dient dazu, die Folgen dieser Entwicklung abzumildern und Bauern wieder als sozialen Arbeitgeber, Naturpfleger und Klimaschützer zu fördern. Regierung und Verbände aus Deutschland sperren sich übrigens, hierzulande stehen durch die Reform zu viel Pfründe auf dem Spiel.

Die Folgekosten der industriellen Entwicklung des Agrarsektors und billigen Etiketten im Supermarkt sind heute allenfalls als Dunkelziffern bekannt. Der Klimaschutz hat einst entscheidende Fortschritte gemacht, als uns vorgerechnet wurde, welcher Preis ein Flug von A nach B fürs Klima hat – der Klima-Fußabdruck. Ein ökologischer und sozialer Preisstempel für Lebensmittel, wäre das nicht – neben der Ernährungsampel – mal das Gelbe vom Ei? Aber wer solche Transparenz will, muss einsehen, dass das auch seinen Preis haben kann.

10:30 20.01.2011
Geschrieben von

Jörn Kabisch

Food-Journalist, Blattmacher, Stellvertretender Chefredakteur des Freitag von 2008 - 2012
Jörn Kabisch

Kommentare 49

Avatar
belle-hopes | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar