Jörn Kabisch
20.01.2011 | 10:30 49

Was uns billig kostet

Essen Preiswert ist es nicht, wie wir uns ernähren. Aber an der Kasse merkt das keiner. Wie wir zu perfekten Kunden der Lebensmittelindustrie geworden sind

Elf Prozent. Das ist eine magische Prozentzahl, die den Deutschen arithmetisch so gut beschreibt wie die 1,4 (Geburtenrate) oder die 15 Prozent (Sparquote). Elf Prozent ihres Haushaltseinkommens geben die Deutschen für ihre Ernährung aus. Das ist nicht nur weniger als Franzosen oder Italiener, das ist auch ein historisches Tief in Deutschland. Und da muss es einen doch nicht wundern, heißt es, wenn wir inzwischen in regelmäßigen Abständen Lebensmittelskandale erleben – wie nun den Dioxin-Skandal, pünktlich zum Start der Grünen Woche am Freitag. Selbst schuld, meint die Zahl. Wenn der Verbraucher es billig will, bekommt das Tier eben Maschinenfett ins Futter gemischt.

Wer aber bloß mit dem Finger auf die Konsumenten zeigt, nimmt Protesten für eine neue Agrarpolitik die Glaubwürdigkeit. Warum sollten Politiker überhaupt etwas ändern, wenn doch die Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten alles bestimmen? Selbst schärfere Kontrollen und ­höhere Strafen – wie Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner sie am ­Dienstag von ihren Länderkollegen forderte – nützen in dieser Logik wenig.

Teurer einkaufen hilft kaum

Höhere Preise und teure Einkäufe helfen für sich zunächst einmal gar nichts. Was im Supermarkt teurer etikettiert ist, ist oft nicht mehr als ein Ablassbrief für eine schuldbewusste Klientel, die eine Ahnung davon bekommen hat, dass ihr Einkaufsgebahren schlecht ist für sie selbst, die Umwelt und den Globus.

Wenn es um Lebensmittel geht, führen Schuldfragen aber nicht weiter. Es geht ums System. Und um die Frage, warum wir eigentlich so billig essen? Warum wir es können und warum wir es wollen? Da ist manchmal kein so großer Unterschied. Und die Antwort auf diese Frage ist nicht so selbstverständlich, wie man annimmt.

Noch immer ist Ernährungspolitik Hungerpolitik, nicht nur in fernen Teilen der Welt. Den galoppierenden Agrarrohstoffbörsen begegnen Staaten in Asien in diesen Tagen wieder mit Getreideankäufen und Preismoratorien für Grundnahrungsmittel, um die Versorgung eines Großteils ihrer Bevölkerung sicherzustellen. In Europa ist das so zwar nicht mehr nötig, aber es ist gar nicht so lange her, dass Staaten als Suppenküchen fungierten. In den USA etwa werden bis heute Lebensmittelmarken ausgegeben – an knapp 40 Millionen Menschen. Es ist der einzige starke Pfeiler des US-amerikanischen staatlichen Sozialsystems und kaum jemals in Zweifel gezogen worden.

Hunger ist die anarchischste Kraft der Welt. Gerade im anbrechenden Jahrtausend konnte man das beobachten. 2007 begannen die Demonstrationen in Myanmar als Proteste gegen steigende Konsumpreise und entwickelten sich erst in den folgenden Wochen zu einer Bewegung gegen die Militärdiktatur. 2008, auf der Höhe der Finanzkrise, erwog die isländische Regierung bereits, Verordnungen für die Verteilung von Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs zu erlassen. Und sie empfahl öffentlich, Vorräte anzulegen. Auch bei den aktuellen Aufständen in Tunesien spielen die Lebensmittelpreise eine Rolle. Dass Präsident Ben Ali den Protesten mit Preissenkungen zu begegnen versuchte, half ihm allerdings nicht mehr.

Kuchen für alle

Dass es in Europa oder gar Deutschland zu Brotrevolten kommen könnte, scheint beinahe undenkbar. Trotzdem floriert die Tafelbewegung, die kostenlose Lebensmittelverteilungen organisiert, weil die für die Ernährung bestimmten 132 Euro Hartz IV vielen Menschen nicht einmal mehr für den Einkauf im Discounter reichen. Steigende Preise, das will niemand. Auch der Staat beugt Versorgungsengpässen vor. Die so genannte „Bundesreserve Getreide“ umfasst 440.000 Tonnen Weizen, 140.000 Tonnen Hafer und 50.000 Tonnen Roggen, die dezentral in Lagern über die Bundesrepublik verteilt sind, für alle Fälle. Ein Anachronismus, der in der Nachkriegszeit begann – und aus den Deutschen eine vereinte Nation von Billigkäufern machte.

Kein anderes Land in Westeuropa hat im 20. Jahrhundert so viele Hungerjahre erlebt. Die Lebensmittelversorgung der Zivilbevölkerung war schon während des Ersten Weltkriegs katastrophal – die Heeresführung hatte mit einem nur wenige Wochen dauernden Krieg gerechnet. Die Situation verbesserte sich in der Zwischenkriegszeit kaum – die Nazis machten deshalb auch mit Suppenküchen und Gulaschkanonen Wahlkampf. Und einmal an der Macht begegneten sie dem Mangel mit Programmen zu guter Ernährung und einem Führer, der ein Vorbild an vegetarischer Askese zu sein vorgab. Die Fresswelle, die in Westdeutschland ein paar Jahre nach dem Hungerwinter von 1946/47 einsetzte, der bislang letzten Hungerskatastrophe in Westeuropa, war deshalb auch gelebter Antifaschismus – und ein Schlussstrich unter knapp drei Jahrzehnten der Knappheit und des Maßhaltens. „Kuchen für alle“, ähnlich wie es einst Marie Antoinette am Vorabend der französischen Revolution wollte – auf genau diesen Nenner ließ sich die neue Esskultur in der jungen Demokratie bringen.

Die Deutschen haben tatsächlich eine demokratische Art zu essen. Niemand ist am Tisch so gleich und brüderlich wie wir. Dass etwa in Frankreich, Italien oder auch Großbritannien mehr für die Ernährung ausgegeben wird, liegt auch daran, dass dort bestimmte Schichten ihre Identität über die Essgewohnheiten definieren. In Deutschland gibt es zwar auch unterschiedliche kulinarische Kulturen, aber keine echten Abgrenzungsbemühungen. Wenn es bei Aldi guten Champagner gibt, sieht man auch Nerzmäntel an der Kasse stehen – und nicht nur dann. Billige Lebensmittel sind noch immer der Kitt, oder besser: der Aspik dieser Gesellschaft.

Aber all das heißt noch lange nicht, dass wir uns auch preiswert ernähren. Wir haben die Verantwortung, welchen Preis unser täglich Brot hat, stattdessen an der Kasse abgegeben. Wir sind keine Kunden mehr, sondern zum Endpunkt der industriellen Nahrungskette geworden und haben es zu einer sagenhaften Entfremdung von dem gebracht, was wir in uns hineinmampfen.

Ein paar Beispiele: 1. Man kann zwar verstehen, dass Hamstern und Vorratshaltung einen Hautgout haben, aber über Jahrhunderte haben Menschen so ihr Auskommen gesichert. Sie haben darüber auch gelernt, welche Produkte gut und haltbar sind, und welche nicht. Gehamstert wird in Deutschland höchstens noch Benzin, die Meldung aus Island, Reserven anzulegen, war hierzulande ein skurriler Vermerk in den Vermischten-Spalten. Vorrat wird zwar noch gehalten, aber doch nur, um uns einmal um die Welt kochen zu können. In den Speisekammern von einst finden sich heute meistens die Mülltonnen. Oder die Wertstofftonnen, wie wir sie heute nennen. Deutsche Haushalte sind kleine Vordeponien geworden. Warum? Weil der Müll uns teuer zu stehen kommt. Das wissen wir, doch beim Essen wollen wir es noch nicht erkennen.

Beispiel 2: Sie ist kein Einzelfall, die lustige und gern erzählte Geschichte vom frisch gebackenen Rentner, der nach Jahrzehnten das erste Mal anstelle seiner Frau in den Supermarkt geht – und zuhause anschließend eine Menge Firlefanz präsentiert, ebenso wie eine saftige Rechnung. Sie glauben, Sie sind davor gefeit? Weit gefehlt. In jedem von uns steckt dieser Pensionär. Wir gehen, wie es der US-amerikanische Buchautor Michael Pollan beschreibt, der Industrie immer wieder in die „Omnivoren-Falle“. Als Allesfresser sind wir evolutionär auf der Suche nach energiereicher Kost, die das Überleben sichert. Wenn Sortimente in Supermärkten wechseln, und das tun sie oft, ist das, als ob neue Früchte an den Bäumen hingen. Wir pflücken instinktiv, obwohl der Mensch über Jahrtausende gelernt haben sollte, was für ihn gut ist und was nicht. Der neueste Angriff der Industrie heißt „functional food“, Lebensmittel mit medizinischen Versprechen. Die Falle hat sich gerade wieder sperrangelweit geöffnet.

Versteckte Kosten

Beispiel 3: Das Essen als sozialer Akt ist am Verschwinden. Soziologen beobachten nicht nur, dass in deutschen Haushalten getrennt gegessen wird, sondern auch, dass sich unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten ausprägen. Wir pflegen einen kulinarischen Individualismus, nicht nur am Frühstückstisch. Trotz kleiner Preise, wenn der Kühlschrank ein Sortiment enthalten soll, das einer Restaurantkarte entspricht, dann wird das teuer. Die Industrie unterstützt den Trend nicht nur, sie treibt ihn an – mit Ein- und Zwei-Personen-Verpackungen. Auch wegen der Produktdiversität landen in Deutschland jährlich etwa 20 Millionen Tonnen von Lebensmitteln im Müll. Die Kosten dafür stehen an keinem Regal.

Beispiel 4: Es galt einmal der Satz: „Teuer ist gut, billig ist schlecht.“ Vor allem Markenartikel profitierten von der Faustregel. Die Verbraucher aber haben andere Erfahrungen gemacht, und rieben sich vielleicht erst noch die Augen, als Olivenöl aus dem Discounter ausgezeichnete Tests bekam. Weil Billigketten gleichzeitig ständig um ihr Image fürchten müssen, sind Sicherheitsmanagement und Produktinformationen hier tatsächlich oft besser als anderswo. Das heißt sogar: Es gibt Vertrauen in billig.

Beispiel 5: Billig hat heute vor allem unser Fleisch zu sein. Kein Supermarkt, der nicht das Minutensteak im Prospekt führt. Rund 5 Euro pro Kilo ist seit Jahren der durchschnittliche Preis beim Schwein, das ist billiger als so manches Obst und Gemüse. Aber ob Supermärkte für günstig oder teuer gehalten werden, das bestimmen inzwischen viele an den Fleischpreisen. Durchaus angebracht, bei den 88 Kilogramm Fleisch- und Fleischprodukten, die ein Deutscher heute durchschnittlich im Jahr isst. Es heißt aber auch: Während des Preiskriegs haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als die Hälfte der deutschen Schweinebauern kapituliert. Die Industrie hat mit Turbomast übernommen.

Sozialer Preisstempel

Diese „billige“ Art zu essen, ist nicht preiswert. Seit Jahren geht der EU-Etat zur Hälfte in die Agrar- und Lebensmittelbereich, anfangs um die Produktivität des Sektors zu stärken. Der ist kaum noch ausbaubar, das Geld aus Brüssel dient dazu, die Folgen dieser Entwicklung abzumildern und Bauern wieder als sozialen Arbeitgeber, Naturpfleger und Klimaschützer zu fördern. Regierung und Verbände aus Deutschland sperren sich übrigens, hierzulande stehen durch die Reform zu viel Pfründe auf dem Spiel.

Die Folgekosten der industriellen Entwicklung des Agrarsektors und billigen Etiketten im Supermarkt sind heute allenfalls als Dunkelziffern bekannt. Der Klimaschutz hat einst entscheidende Fortschritte gemacht, als uns vorgerechnet wurde, welcher Preis ein Flug von A nach B fürs Klima hat – der Klima-Fußabdruck. Ein ökologischer und sozialer Preisstempel für Lebensmittel, wäre das nicht – neben der Ernährungsampel – mal das Gelbe vom Ei? Aber wer solche Transparenz will, muss einsehen, dass das auch seinen Preis haben kann.

Kommentare (49)

luggi 20.01.2011 | 19:32

Ich halte den Begriff Lebensmittel für bedenklich - der Begriff Chemieprodukte würde wohl zutreffender sein. Viele chemische Stoffe kann man billig herstellen und das widerspiegelt sich in den Preisen. Wieviel kosten 1 kg Äpfel? Und wieviel kostet ein Glas Apfelmus?

Und noch Video... (hoffentlich funzt einbetten mit iframe von der Tube)

Und...

den Begriff "Omnivore" sollten wir doch einmal praktisch klären.

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belle-hopes 20.01.2011 | 20:57

Wer Transparenz will muss transparent einkaufen, d.h. regional und bewusst. Diese Umstellung (für die einen eine geringere, für andere eine größere Umstellung) sollte es einem schon wert sein. Das ist die Macht des Verbrauchers, gleichzusetzend mit der Eigenverantwortung für sein Leben. Vielleicht ist das ja der Knackpunkt. In dem Sinne kann man schon fast froh sein über jeden Skandal, der es ans Licht schafft, damit man endlich mal darüber nachdenkt, was Überproduktion, Massenhaltung und Billiglebensmittel bedeutet.

merdeister 25.01.2011 | 19:44

Eigentlich disqualifiziere ich mich gerade für dieses Thema, denn linker Hand findet sich eine Tüte "Kracher" von "Maoam" (braun, orange, grün und gelb) angeblich ohne künstliche Farbstoffe. Einen habe ich im Mund.

Zu diesen 11% habe ich eine Frage in der Hoffnung, dass die nicht völlig bescheuert ist.
Wenn Menschen die hartziv leben, 132 Euro für Essen bekommen und 340 Euro im Monat, dann geben die einen höheren Teil ihrer Einkünfte (39%) für Essen aus? Oder muss man die Miete dazu zählen? Selbst wenn man nochmal 340 Euro Miete dazu nimmt, sind es 18%. Das heißt doch auch, dass teure Lebensmittel für solche Menschen ein größeres Problem darstellen, als für Menschen mit höherem Einkommen. Die müssten dann doch eigentlich auch einen geringeren Anteil ihrer Einkünfte für Essen ausgeben, immerhin gibt es x-Millionen hartziv lebende Menschen.
Die einen könnten also selbst wenn sie wollten kein Bio- oder sonstwie besseres Essen kaufen und den anderen sind sogar 11% zuviel.

Die Kracher musste ich mit viel Wasser runterspülen...irgendwo hier habe ich noch einen Apfel...

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forenboy 25.01.2011 | 20:08

@merdeister, ich denke da machst Du Milchmädchenrechnungen auf.
In den 11% sind die "hartziv" lebenden Bürger doch enthalten.
Ein statistischer Wert trifft auf keine einzige Gruppe exakt zu, deshalb ist das Zahlenspiel müßig. (hartziv ist ja eine tolle Wortschöpfung, ich habe bisher immer "gehartzt" benutzt.

In einem ähnlichen Blog hatte ich schon mal geschrieben, dass die gehartzten Bürger sehr wohl genügend Geld für wertvolle Nahrungsmittel hätten, wenn sie auf Leichenteile, Alkohol und Nikotin verzichteten.
Das käme nicht nur der eigenen Gesundheit zugute, sondern auch dem Sozialwesen und den hungernden Menschen in den Dritt-Ländern.
Ich denke, dass gerade politisch links denkenden Menschen eine weniger egoistische Denkweise leicht fallen dürfte.

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forenboy 25.01.2011 | 22:09

@merdeister, von Verantwortung würde ich da sprechen, nicht von Bevormundung.

Wer nur ein begrenztes Budget für Nahrungsmittel zur Verfügung hat, dem sollte man in seinem Interesse und zu seinem Wohle unbedingt sagen, auf was er verzichten sollte, und welche Vorteile das ihm und anderen bringt.

Wer dies aus falsch verstandener Selbstbestimmung des anderen unterlässt, zeigt in meinen Augen Verantwortungslosigkeit.

Schließlich zwinge ich ja niemanden, sich an meine Empfehlung zu halten.

Ich tue es im übrigen auch selbst, obwohl ich nicht gehartzt bin, weiß also, wovon ich spreche.

merdeister 25.01.2011 | 22:11

Ohne es jetzt direkt nachzuschauen, habe ich soweit ich weiß Links eingestellt, die zu Quellen führen, die besagen, es kann keine eindeutiger Zusammenhang zwischen Krankheiten und Fleischkonsum nachgewiesen werden. Das habe ich gemacht, weil ich der Meinung bin, dass es genug Argumente gegen übermäßigen Fleischkonsum gibt und es niemanden weiter bringt, den Menschen Angst zu machen, damit sie kein Fleisch mehr essen. Offenbar bin ich jedoch daran gescheitert, meine Argumentation deutlich zu machen. Ich werde daran arbeiten.

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Ehemaliger Nutzer 25.01.2011 | 22:18

Wer ein "begrenztes Budget für Nahrungsmittel zur Verfügung hat...sollte...in seinem Interesse"...versuchen herauszufinden wer und was in ihn da so unverschämte Grenzen setzt, anstatt sich in Verzichtsmoral und begrenzten Verstandesleistungen zu üben...
Meine Empfehlung - Kopf einschalten...

merdeister 25.01.2011 | 22:22

Es geht ja in diesem Blog eigentlich um Essen und was ich sagen will, können andere hier in der FC besser erklären als ich. Man kann ja nicht einfach so tun, als sei Hartz IV gottgegeben. HartIV sorgt bei dem einen dafür, dass er oder sie nicht mehr ins Theater, Konzert oder Kino gehen kann, bei anderen dafür, dass nur noch Bücher gelesen werden können, die es in der Stadtbibliothek gerade gibt, beim nächsten verhindert es den Weg in die Kneipe. Alle werden ein bisschen vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Und der nächste muss sich zwischen gutem Essen und einer Waschmaschine entscheiden. Oder es stehen Schulsachen für die Kinder an oder was weiß ich. Das Konzept ist auf Mangel ausgelegt und die Argumentation "Die müssen ja nicht..." überträgt die richtige Verantwortung auf die falschen Leute.

(Wie gesagt, es gibt FCler, die das besser ausdrücken können als ich)

j-ap 25.01.2011 | 22:32

Aber warum denn? Es gibt abertausende Sinnsucher, Gottvertrauer und sonstige »Mäßigkeitsvereinsstifter der buntscheckigsten Art« (Marx), die sich nicht zu blöd sind, der Misere auch noch selbsttätig einen Lorbeerkranz zu winden.

Denn die »Gier« nach gutem Essen in Hülle und Fülle ist doch wirklich nur etwas für Décadents und ähnliche Zivilisationskranke! Da halten wir uns lieber an den Sauerampfer, den wir uns von der Dorfwiese pflücken, newahr, da wissen wir wenigstens, daß wir gesünder sterben (und falls der Dorfanger neben der Straße liegt, haben wir kostenlos auch noch ein Schwermetall-Dressing dabei — na wenn das nichts ist!) als die urbanen Rumpsteak-Besteller mit ihren Herzkranzverfettungen.

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forenboy 25.01.2011 | 22:42

@merdeister, als wenn es auf den Ausdruck ankäme, auf die geschwollenen Worthülsen mit denen sich hier manche zu übertreffen versuchen sind jedenfalls weniger verständlich als Deine Aussagen.

Aber wie Du sagst, hier geht es ums Essen, und welches Budget jeder dafür zur Verfügung hat oder vorsieht.

Ich finde, dass man soviel Verantwortung für sich und andere aufzubringen hat, indem man sich gesund ernährt.
Alles andere wäre asoziales Verhalten, ob gehartzt oder nicht.

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forenboy 25.01.2011 | 22:50

Gegen Kopf einschalten hat keiner was, aber die Realität wahrnehmen ist schon mal die erste Voraussetzung.

Die Reihenfolge bleibt aber in jedem Fall:

1. gesunde Ernährung.
2. Verbesserung der eigenen Situation.

Umgekehrt sind die Erfolgsaussichten deutlich geringer, weil 1. sofort geht, und 2. länger dauern kann.

Unsachliche Kommentare á la j-ap sind wenig zielführend sondern reine Stimmungsmache.

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belle-hopes 25.01.2011 | 22:53

Im Text gehts um unsere Ernährungsindustrie und auch direkt und indirekt um die Frage, ob man soviel überhaupt braucht, soviel Fleisch beispielsweise, und die Antwort heisst nein. Wenn du dich mit der Frage nach Hartz IV beschäftigen willst, gut. Aber selbst in Läden, in denen ich mein Bio-Zeug kaufe kostet das Bio-Zeug nicht wesentlich mehr, wenn überhaupt mehr als das andere. Die Zeiten haben sich geändert bzw. war es nie allgemein so, dass gesundes Essen mehr kostet, im Gegenteil, da Gesundes dem Körper mehr gibt als Billiges oder Zuckerzeugs, das noch mehr Hunger anregt, relativiert sich Vieles. TV-Köche widmen Bücher der Frage wie trotz wenig Einkommen, übrigens haben das andere Menschen auch,nicht nur Leistungsempfänger, gut und gesund essen. Über den Text bin ich jedenfalls sehr froh, wie über Fall, der aufzeigt, wie die Strukturen aussehen und welche Schuld daran auch der Käufer trägt, ohne die Hersteller abzumildern.

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belle-hopes 25.01.2011 | 22:57

Um zu der alten Frage im Text von Frau Zinkant zu kommen, die von mir angesprochene Gicht nennt man auch Wohlstandskrankheit oder Nachkriegskrankheit, da nach dem Krieg zuviel Fleisch gegessen wurde. Und der Zufall will es, hat schon der alte Hesse in seinem "Kurgast" sich als Gichtler geoutet und dies seinem Fleischkonsum zugeschrieben. Tja, die Literaten, großartig im Zusammenhangerkennen.

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Ehemaliger Nutzer 25.01.2011 | 23:13

Hallo j-ap,

Weiter denken als die Moral erlaubt – wo kämen wir denn da hin!

Das Foristenbübchen zieht in seiner Lieblingsrolle als ideeller Staatsanwalt schon ganz automatisch den Bourgeois in sich aus dem Verkehr und blogwartet fordernd bei Seinesgleichen die rechten Tugenden ein – schließlich gehorcht, vergammelt und verplempert er doch auch so vorbildlich in seiner einzigen und unwiederbringlichen (verordneten) Existenz.

merdeister 25.01.2011 | 23:23

@Belle Hopes
Zu Frau Zinkants Text und der Diskussion um Gicht geht es hier. Zu diesen Kochbüchern wurde hier alles gesagt.

@Forenboy

Man kann nur in Rahmen der gesetzten Grenzen Verantwortung übernehmen. Die sind bei HartzIV eng gesteckt.
Zum Thema "gesunde" Ernährung zitiere ich gerne nochmal Cochrane:

Our review suggests that the average changes in individual nutrients and related risk factors obtained through dietary advice are likely to be relatively small.

Ich will damit sagen, dass es kein ungesundes Essen gibt. Dabei bestätigen Ausnahmen die Regel. Es gibt bei immer mehr Menschen ein ungünstiges Verhältnis zwischen Kalorienverbrauch und Kalorienaufnahme, das zu Übergewicht führt, was zu Erkrankungen führt.

j-ap 26.01.2011 | 00:06

Ach luggi, Du weißt doch, wie ich's meine. Was ist gegen gesunde Ernährung einzuwenden? Überhaupt nichts, im Gegenteil. Nur die numinosen Spintisierereien, die gemeinhin auf dem Fuße folgen, sind lächerlich — als hinge das Wohl der Welt vom Zustand der eigenen Peristaltik ab!

Daß Gesundheit keine Privatsache, sondern erste Volksgenossenpflicht sei, ist nicht nur ein alter Nazi-Slogan, sondern als solcher nichts anderes als eine säkulare Entbergung einer ganz und gar christlichen Hirnverbrennung, die sich früher als unmittelbare Pflicht zum möglichst langen Überleben aussprach. Gehörte der Leib früher dem Herrgott, weswegen es nebst anderem verboten war, dies göttliche Eigentum durch Suizid unbotmäßig zu verwenden, gehörte er später als Volkskörper dem Führer und dazwischen und danach der industriellen Reservearmee, für deren bittschön weiterprozessierende Verwertung man sich gefällig »fit« zu halten hat.

Wer den Zusammenhang zwischen unbedingter Selbsterhaltungspflicht, kapitalem Verwertungsinteresse, Blattspinat und der völlig außer Rand und Band geratenen Joggerei der halben Welt am frühen Morgen nicht bewußt realisiert, der drehe besser noch einmal ein, zwei Runden im Aufklärungsbecken.

weinsztein 26.01.2011 | 03:29

Guter Beitrag, finde ich, das Thema wird facettenreich dargestellt.

Seit Jahren lesen, hören, sehen wir diese Lamentiererei, dass deutsche Komsumenten auf billigbillig ausseien, ganz anders als unsere europäische Nachbarn, die bereit seien, mehr Geld pro Kopf für die Ernährung auszugeben als die Deutschen. Und dass deutsche Verbraucher sich daher nicht wundern sollten, dass dies zwangsläufig zu Lasten der Lebensmittelqualität gehen müsse, anders als bei den europäischen Nachbarn.

Aber unsere Nachbarn essen ähnliches Zeug wie die Deutschen, Franzosen dieselben gefrosteten Fertig-Pommes-frites, Niederländer noch viel schlimmeres Zeug, so was wie „Frikandel“, das aus gekutteter Schwarte, Fett, Aromastoffen, Pimmeln von Rindern
Schweinen und aus Bindemitteln mit Gewürzen bestehen soll.

Tiefkühl-Hähnchen sind überall in Europa für weniger als 2 € zu haben, ein Bresse-Huhn (evtl. liebevoll aber industriell gezüchtet in der Gegend um Lyon) kostet etwa 15 € pro Kilo, es schmeckt wirklich viel besser als die gefrosteten Billighähnchen, aber original „Bresse“ kann sich auch in Frankreich nur eine kleine Minderheit leisten.

Aber ist das einseitig mit Mais ernährte Bresse-Huhn gesünder als das Tiefkühl- oder das ähnlich billige frische Hähnchen? Ist das billige Schweinefleisch zu 3 € gesünder als das mindestens vier mal teurere Fleisch vom schwäbisch-hällischen Schwein in Bio?

Ich weiß es nicht. Allerdings, das schwäbisch-hällische schmeckt mir bedeutend besser. Andererseits leiden Bio-Schweine oft an einer Leberkrankheit, die Öko-Schweine eher seltener.
Gemüse Obst.

Bei Blindstudien schneiden bio und „konventionell“ gleich gut ab. Lasse ich eine Testperson einen konventionellen Apfel probieren mit meiner Behauptung, der sei aus biologischem Anbau, findet sie ihn knackiger und reicher an Aromen. Untersuchungen von Inhaltsstoffen ergeben selten signifikante Unterschiede zwischen bio und nicht-bio.

Der Preis als Kriterium taugt auch nichts. Der Champagner Veuve Cliquot kostet rund 30 €, bei Aldi Süd weniger als die Hälfte, nur heißt er dort Veuve Monsigny und Cliquot ist drin.

Die laborgeprüfte Qualität vonFleisch, Obst, Gemüse, Nudeln, Reis usw. der billigen Discounter ist selten schlechter aber oft besser als die in Fachgeschäften, Super- oder auf Wochenmärkten.
Aber wie seriös sind die Labore?

merdeister schrieb am 25.01.2011 um 22:23: “Ich will ... sagen, dass es kein ungesundes Essen gibt. Dabei bestätigen Ausnahmen die Regel. Es gibt bei immer mehr Menschen ein ungünstiges Verhältnis zwischen Kalorienverbrauch und Kalorienaufnahme, das zu Übergewicht führt, was zu Erkrankungen führt.“

Ich vermute, dass merdeister recht hat.

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belle-hopes 26.01.2011 | 09:21

Ein schönes fleischloses Beispiel ist der Deutschen liebstes Obst, der Apfel. Da gibt es die auf süß-sauer gezüchteten pappigen mit klingenden Namen, und es gibt die, etwas kleineren, alten Sorten mit mehr Schmackes und wohl auch mehr Vitastoffen, die wegen dieser Inhaltssoffe mittlerweile in der Kosmetik gehypt werden. Meine Oma verwendete für ihren Apfelkuchen die kleineren, Marke Eigenanbau im Garten, sie wird schon gewusst haben warum. Und jeder (hoffe ich), der mal Bilder von Massentierhaltung gesehen hat und dennoch darauf besteht sein Fleisch müsse möglichst billig sein kann getrost als herzloser Ignorant bezeichnet werden. Mahlzeit.

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belle-hopes 26.01.2011 | 09:27

Du meinst jetzt Dioxin im Essen ist gesund? Dann brauchen wir uns ja über Skandale keine Sorgen mehr machen, über wer-weiß-was im Essen. Ungesundes Essen ist nicht nur Zuviel, sondern auch Was, du sagst doch oben selber was von deinen Chips, denkst du in deinen Chips sind die gesunden Fettsäuren oder die aus Altfett oder sonstwoher stammenden alten, gesättigten Fettsäuren. Sorry, aber mit Sätzen wie es gibt kein ungesundes Essen untergräbst du dich selber. Du redest doch selbst von Leuten mit geringen Einkommen, die sich gesundes, höherwertiges Essen nicht leisten könnten. ?

merdeister 26.01.2011 | 12:51

Erstens schrieb ich "Dabei bestätigen Ausnahmen die Regel." und zweitens wird die Meinung, dieses oder jenes Essen sei ungesund, auch unabhängig vom Dioxin vertreten. Weinzstein ist in seinem Kommentar auf einige oft angeführt Argumente eingegangen.
Meine Chips waren Cola-Kracher von Maoam, die sind frei von Fett und voll von Zucker. Ich steh auf Zucker. Allerdings würde ich mich nicht von dem Zeug ernähren, mein Kommentar zielte im Grunde darauf ab, mich für einen entspannten Umgang mit dem Essen auszusprechen. Bevor Du jetzt in Luft gehst, bedeutet das nicht, dass ich Fan von der Art und Weise bin, wie unsere Lebensmittel z.T erzeugt werden. Aber dieses "Wer-nicht-Bio-Fleischlos-Lokal-is(s)t-ein-schlechter-Mensch" geht mir auf den Keks. Denn es ändert nichts. Wenn Empfehlungen an der Realität vieler Menschen vorbei geht, sind sie nutzlos.

Ich zum Beispiel habe zur Zeit weder eine Küche, die diesen Namen verdient noch die Möglichkeit, Zutaten und gekochtes Essen zu lagern. Das hat Einfluss auf meine Ernährung und führt dazu, dass ich manchmal Dinge kaufe, von denen ich nicht überzeugt bin. Ich würde zum Beispiel gerne ein Gemüsekiste bestellen, weiß aber, dass im Moment das Meiste davon schlecht werden würde, also lasse ich das und mache es, wenn es passt.

Früher, als ich noch zu Hause gewohnt habe, konnte man bei einem Bauern, der 2KM entfernt seinen Hof hatte, Milch direkt kaufen. Da ich mich die ersten 20 Jahre meines Lebens morgens und abends fast ausschließlich von Haferflocken mit Milch und Kakao ernährt habe (Mittags hat Mutti was gekocht), ging bei uns viel Milch durch. Ich bin alle zwei Tage zum Bauern und habe in zwei Tupperkannen 4 Liter Milch gekauft, direkt aus dem Sammelbehälter, nebenan standen die Kühe im Stall. Manchmal war ich etwas zu früh dort, dann war noch keine Milch da, weil die Kühe gerade erst angeschlossen wurden. In dem Moment bekommt man dann mit, dass nicht immer alles da ist.

Einmal haben meine Eltern sich mit Freunden zusammengetan und von einem Landwirt in der Nähe eine große Menge Fleisch gekauft. Es handelte sich um irgendeine schottische Rinderart, deren Weide in der Nähe war, ein paar Mal bin ich mit dem Fahrrad daran vorbei gefahren. Ein Freund von mir war von dem Anblick beim zerlegen der Kuhteile so geschockt, dass er Vegetarier wurde. Bei uns wurde das Fleisch in der Kühltruhe eingefroren und im Laufe der Zeit verspeist.

Meine Mutter hatte bis vor zwei Jahren Hühner im Garten und hatte so viele Eier, dass Sie gar nicht wußte, wohin damit. Das war ihr dann aber zuviel Arbeit. Im Sommer gibt es aber noch Tomaten, die dort wachsen, so kleine und die schmecken super, was aber auch mit dem Erlebnis zu tun hat, diese zu pflücken. Dieses Erlebnis will ich aber gar nicht immer haben, denn es kostet auch Zeit. So wie es Zeit kostet hier und dahin zu fahren, damit ich das "richtige" Essen bekomme.

Jörn Kabisch hat oben ja z.T. skizziert welche Anreize dazu führen, dass zuviel produziert wird. Dass die folgen der Landwirtschaft im Moment z.T. desaströs sein können und dass sich etwas ändern muss, streite ich nicht ab.

Auch wenn ich mich wiederhole, ist der Gesundheitsaspekt ein schlechtes Argument um etwas zu ändern, weil er nicht richtig ist. Dein Beispiel mit der Gicht zeigt das auch. Fleischkonsum hat einen Anteil an der Entstehung für Gicht, allerdings bei Menschen, die ohnehin ein hohes Risiko dafür haben. Fleisch ruft nicht Gicht hervor.

Kommen wir zur Menge. Zuviel Fleisch macht krank sagst Du, zuviele Kartoffeln auch, sage ich. dazu kann man sich einmal die Zahlen anschauen, die in dem Bericht stehen. 88kg pro Mensch und Jahr, das sind 250g pro Mensch und Tag (wenn ich mich nicht verrechnet habe). Ich finde 250g Fleisch am Tag viel. Aber oben steht, dass die Cochrane-Library herausgefunden hat, dass Veränderungen im Ernährungsstil keinen (wesentlichen) Einfluss auf die Gesundheit haben. Also sind die 250g im Schnitt nicht ungesund, und 400g wahrscheinlich auch nicht, trotzdem ist es zuviel, weil der ökologische Preis zu hoch ist, der gezahlt wird. Weil die Tiere, um diese Mengen zu produzieren unter Bedingungen gehalten werden müssen, für die wir uns schämen sollten.

Meinen Kommentar zu Essen und Hartz IV solltest Du schon im Zusammenhang mit der Diskussion davor sehen.

Tobiwa 26.01.2011 | 14:58

Dass zwischen "billig" und "preiswert" auch und gerade bei Lebensmitteln Welten liegen können, ist bekannt. Erst im Zuge des letzten Skandals mit Dioxin in Futtermitteln habe ich, in der Nähe der deutsch-französischen Grenze wohnend, darauf geachtet, wie erheblich sich die Qualität von Lebensmitteln des täglichen Bedarfs, die in herkömmlichen französischen Supermärkten angeboten werden, tatsächlich von der hiesiger Anbieter unterscheidet. Nicht die vermeintlichen Luxusartikel, die man gerne mit der "französischen Lebensart" assoziiert, sondern Fleisch, Eier, Mehl, Milchprodukte. Fakt ist, dass der durchschnittliche französische Kunde einen Großteil der Lebensmittel durchschnittlicher Qualität, die die deutschen Lebensmittelregale zahlreich bevölkern, niemals kaufen würde.
Das Preisniveau für Lebensmittel in Frankreich liegt deutlich über dem, was wir in Deutschland für unsere Verpflegung bereit sind zu zahlen. Dafür ist die Qualität signifikant besser. Und zwar durchweg.
Redundante "Qualitätssiegel" im Stile der "QS-geprüften", hausgemachten Zertifizierung sind unbekannt. Auch in den Filialen der großen, landesweit vertretenen Lebensmittelketten stammt das Fleisch aus der jeweiligen Region. Woher auch sonst ? Ganze Hähnchen für unter zwei Euro werden nicht angeboten. Dafür hat der Kunde die Auswahl unter Hühnervögeln aus verschiedenen Regionen des Landes. Herkunft und Fütterung werden auf dem Etikett deutlich angegeben, Durchschnittspreis 7 Euro pro Hähnchen mit Spielraum nach oben. Bei Eiern und Milch verhält es sich ähnlich. Regionale Produkte sind Standard. Unsere hoch geschätzte Markenbutter aus deutschen Landen ist das Discount-Produkt neben den mind.10 Sorten aus dem eigenen Land. Hierzulande kontrolliert und zertifiziert sich die Lebensmittelindustrie lieber selbst und garniert ihre Produkte mit nichtssagenden Siegeln, in unserem Nachbarland hat die Regierung bereits vor Jahrzehnten (1960, erweitert 2006) per Gesetz ein Zertifizierungsverfahren mit Prüfsiegel ("Label Rouge") geschaffen, um, lange vor der Bio-Welle, Produzenten mit hohem Anspruch an die Qualität der von ihnen produzierten Lebensmitteln die Möglichkeit zu geben, diese freiwillig nach strengen Standards (auch die artgerechte Tierhaltung und qualitativ hochwertige Fütterung gehören dazu) prüfen zu lassen. Bei positivem Prüfungsergebnis darf sich das Produkt mit dem "Label Rouge" schmücken. Werden die Standards nicht mehr erfüllt, wird das Siegel entzogen. Das Siegel selbst ist als geschütze Marke des Landwirtschaftsministeriums eingetragen, Missbrauch führt zu empfindlichen Sanktionen, gefackelt wird da nicht lange. Produzenten schmücken sich und ihre Produkte gerne mit dem Siegel, da der Wert einer solchen Zertifizierung jedem Verbraucher bekannt ist und hervorragende Qualität nicht nur suggeriert, sondern bestätigt. Der Produktionswert der so zertifizierten Produkte liegt derzeit bei 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Das Ministerium sieht sich in erster Linie dem Schutz der Verbraucher verpflichtet und schaut den Produzenten auf die Finger, die ihrerseits darum bemüht sind, es sich mit dem durchweg qualitätsbewußten Kunden nicht zu verscherzen. Das honoriert der Kunde, indem er sich lieber für Qualität entscheidet. Dumpingpreise, beispielsweise für Fleisch, die man bei uns freudig als Schnäppchen bezeichnet, würden den Argwohn der Verbraucher wecken, weil sie Zweifel an der Qualität angebracht wären.
Wir lassen uns leider eine Menge auftischen, Hauptsache, der Preis stimmt. Für das gute Gefühl, man ernähre sich gesund, tut es dann noch ein wenig "functional Food" mit viel gutem Gefühl und wenig Nutzwert, aber sinnlos hohem Preis. Der Lebensmittelindustrie ist's nur recht und billig, so lange man dem deutschen Michel das Gefühl gibt, er tue sich was Gutes und habe gleichzeitig Geld gespart. In Berlin wird der Industrie mit viel Verständnis und Nachsicht begegnet. Im Falle eines Falles tritt man dem mit ziellosem Aktionismus entgegen und verspricht viel, hält aber wenig.
Da ist weniger meistens mehr. Und preiswert besser als billig. Mahlzeit.

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belle-hopes 26.01.2011 | 19:08

Mal ehrlich, die Nummer mit den Sternchen und mit dem Rechthabenmüssen ist schon ein wenig albern. Zum Thema: du hast dir ganz einfach selbst widersprochen, wenn es kein ungesundes Essen, nach dir, gibt, dann ist das mit Hartz IV oder mehr Geld ja hinfällig. Ganz einfache Logik. Und mittlerweile weiß ich nicht ob du absichtlich oder nicht absichtlich falsch liest: ZUVIEL Fleisch kann Gicht hervorrufen. Und dass ein Zuviel egal wovon nicht gut ist, dazu braucht man keine Studien, ist nichts neues und hab ich auch schon mal geschrieben. Also, wo ist jetzt das Problem? Den Widerspruch sehe ich nicht gelöst. Aber es ist ja auch nicht mein Argument. Im Sinne von Vernunft und Änderung der Verhältnisse, das sagt ja hier jeder, dass er das will, ist der Artikel doch sinnvoll und gelungen.

luggi 26.01.2011 | 19:37

Mensch merdie,

mit der Küche ist irgendwie blöd, wa? Kann ich dir aber einen guten Rat geben. Ersetz einfach mal die eine oder andere Mahlzeit mit Obst (reif und schön langsam essen). Wenn es geht möglichst Obst mit hohem Flüssigkeitsanteil z.B. Orangen. Schön mit beiden Händen schälen, das kräftigt auch die Fingernägel entspricht auch dem Rhythmus des menschlichen Verdauungssystems. In der gewonnenen Zeit, die du ja nicht mit Kochprozessen verplempern musst, blätterst du im folgenden Link.

Und...

Wenn die Cochrane-Library herausfindet, dass Veränderungen im Ernährungsstil keinen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit haben, dann kannst du dieses Institut in die Tonne treten. Ich mein', du gehst doch sehenden Auges durch die Welt, oder?
Tss, Ärzte, die eine ungesunde Ernährung verteidigen. Gott sei Dank sind andere Ärzte schon weiter. Aber du bist noch jung und hast viele neue Erkenntnisse vor dir.

merdeister 26.01.2011 | 21:03

Du kennst ja Leute...

Unter dem Punkt Fast Food macht dumm werden gegen Fleisch zwei Studien in Stellung gebracht und auf einen Artikel im Spiegel verwiesen. In dem Kommt das Wort Fleisch aber gar nicht vor. Es purzeln fröhlich "Übergewicht" und "ungesunde Ernährung" durcheinander. Die Ergebnisse scheinen eher Grundlagenforschung zu sein.

Bei Vegetarische Ernährung hat günstigen Effekt bei chronischer Nierenerkrankung wurde in einer Studie gezeigt, dass der Phosphatspiegel im Blut, bei Menschen die an Niereninsuffizienz leiden, geringer ist, wenn sie sich vegetarisch ernähren. Das ist schön für diese Menschen und bietet eine Möglichkeit für eine Diät. Jemanden mit gesunden Nieren interessiert das wenig. Wie man aus diesen Fakten die Aussage "Proteine pflanzlichen Ursprungs sind also wesentlich verträglicher als tierische Proteine." herausfabuliert ist mir unklar.

Unter Fleischkonsum fördert Arteriosklerose wird eine Studie aus Korea angeführt, die zeigen soll, dass erhöhter Fleischkonsum, die Wand der Halsschlagader verkalken lässt. Da mit erhöhtem Fleischkonsum auch die Beilagen mehr werden, die Kalorienzahl also zunimmt, wundert mich auch dieses Ergebnis nicht. Auch hier wurden Menschen untersucht, die bereits ein gesundheitliches Problem haben (metabolisches Syndrom).

Unter Pflanzenbetonte Ernährung vermindert Frakturrisiko kann man lesen, Vegetarier hätten weniger Knochenbrüche. Das glaube ich gerne. Vegetarier sind im Mittel Gesundheitsbewußter als nicht Vegetarier und machen wahrscheinlich auch mehr Sport. Bewegung führt zu festerer Knochensubstanz und damit zu weniger Frakturen.

Eine ähnliche Erklärung nehme ich für Proteinaufnahme und Körpergewicht an.

Da geht es wieder darum, Menschen Angst zu machen, damit sie sich "richtig" verhalten. Das wundert mich wiederum auch nicht, denn das Internationale Institut für Erfahrungsheilkunde, welches die Seite fleisch-macht-krank.de betreibt, gehört zum Universelles Leben - Heimholungswerk Jesu ChristiQuelle.

Da geh lieber zu einem Arzt, der auf Cochrane hört, Du musst ja nicht mit ihm Essen gehen.

PS. Da ich noch keine Arzt bin, darf ich noch verteidigen, was ich will :-p

luggi 26.01.2011 | 23:47

Weißt du merdie, was mir und vielen anderen Angst macht? Das ist der Dogmatismus angehender Ärzte, ähm und praktizierender Ärzte. Und ich verstehe es irgendwie nicht, warum Novizen ihr Lerngebiet bis zur Benutzung des Eklektizismus verteidigen.

1. Wenn 1 plus 1 gleich 2 ist, dann ist diese Erkenntnis sehr, sehr unabhängig von irgend welchen Bekenntnissen. Wenn festgestellt wird, dass der Fleischverzehr für den Menschen verhängnisvoll ist, und ich beziehe mich vordergründig auf die thermisch veränderte Variante, dann ist das halt so. Von mir aus kann das auch auf der Website des Aachener Karnevalsvereins stehen, es ist so.
2. mein Lieber argumentierst du unsauber. Du beziehst dich sehr gern und allgemein auf Studien. Wenn Studien mit gegenteiligen Erkenntnissen in Kommentaren aufgeführt werden, dann akzeptierst du sie hochnäsig nicht. Tja, merdie, du benutzt Studien, wie sie dir passen, oder lernt man sowas in deutschen Universitäten? Oder hast du keinen Arsch in der Hose, Studien allgemein kritisch zu bewerten? Hast du überhaupt Ahnung, wie Studien bewerkstelligt werden?
Und...
deine Argumentation zur Gicht; die "Rentner-Bravo" ist dir um Lichtjahre voraus.
3. lies deinen o.a. Kommentar noch einmal durch und finde deine Widersprüche.
Allein die Aussage, dass Bewegung zu höherer Knochendichte führt;...mal zugespitzt... Glasknochenkranke...bewegt euch, ihr Krüppel. Kannst du beweisen, dass körperliche Betätigung zu 100% Osteoporose verhindert? Hast du Studien gelesen, dass gerade in Europa die Korrelation zwischen dem enormen Verzehr von Milchprodukten und Osteoporose mehr als signifiant ist?

Die Ausreden der Mediziner für eigenes Unvermögen heißen dann genetisch bedingt, prädestiniert oder, wie hast du es formuliert, eigenes Risiko. Einem Wissenschaftler würde diese Form der Argumentation nicht durchgehen, was beweist, dass Medizin keine Wissenschaft ist. Tja merdie, so ist das. Wissenschaft beruht auf Gesetzmäßigkeiten. Das ist Medizin nicht. Genau so wenig wie Homöopathie. Öcotrophologie auch nicht.
P.S. Überprüfe mal dein Fastfoodverhalten. Auch in deinem Eingangsstatement liegst du falsch, weil zu den Auslösern auch sicherlich vegetarische Pizzen und Döner gehören. Aber das liegt halt nicht am Fleischgehalt, wobei entgegen deiner Bewertung es eben nicht um den Fleischanteil geht.

btw. zählt Fisch zu Fleisch oder/auch Gichtverursachern?

weinsztein 27.01.2011 | 02:08

@ Tobiwa

Auch in Frankreich können Konsumenten in Supermärkten und Discountern sehr unterschiedlicher Qualität einkaufen. Das französische Preisniveau für Lebensmittel liegt deutlich höher als das deutsche. Ob Frankreichs Hähnchen für 7 € besser sind als deutsche für 2 € weiß ich nicht. Beide stammen normalerweise aus industrieller Fleischproduktion.
Ob Mehl von dort, Obst oder Gemüse besserer Qualität sind als deutsche Produkte, bezweifle ich, wenn man deutsche und französische Durchschnittsqualität vergleicht.

Billig kann durchaus auch preiswert sein.

Sie können den Bon Marchais in Paris nicht mit deutschen Discountern wie Norma, Penny oder Netto vergleichen. Im Bon Marchais kaufen Menschen mit Hüten ein, etwa den Schinken vom schwarzen iberischen Schwein für 190 € pro Kilo (in bio ca. 220 €). Sie können unter 100 Sorten (Marken) Olivenöl wählen.

"Der Produktionswert der so (mit dem 'Label Rouge') zertifizierten Produkte liegt derzeit bei 1,4 Milliarden Euro im Jahr" schreiben Sie.
Allzusehr beeindruckt mich das nicht. Es bedeutet, dass der Durchschnittsfranzose pro Jahr rund für rund 23 € Produkte mit dem Label Rouge kauft, also 6 Cent pro Tag.

weinsztein 27.01.2011 | 02:51

Ergänzung.

Das Angebot in französischen Super-, Hyper-, Bon- und sonstigen Marchais ist vielfältiger als in den vergleichbaren deutschen Läden, etwa bei fleischhaltigen Pasteten, Butter- oder Käsesorten.

Über die Qualität sagt das noch gar nichts. Auch dort stammen die meisten Produkte aus Nahrungsmittelfabriken. Ob die weniger skrupellos sind als die deutsche Konkurrenz mag sein, ist aber nicht anzunehmen.

Betrug ist überall möglich. Wenn etwa frische deutsche Schinken werden gen Italien gefahren werden, um ihnen dort das original Parma-Siegel verpassen zu lassen. Wenn elsässische Winzer nebenan im Badischen billige Weißweinreste aufkaufen, damit sie mehr vom leckeren Edelzwicker anbieten können. Wenn Winzer im Medoc Eichenholzspäne in die Stahltanks schütten, wegen der Fassgärung. Wenn beim original Olivenöl aus der Toskana die wahre Herkunft Türkei verschwiegen wird oder original Carrara-Marmor auch aus Milas (türkische Ägäis) stammen könnte.

Und so weiter.

claudia 27.01.2011 | 09:27

>>Vermutlich auch: die Kombination von viel Fleisch und heftiger Dauersauferei.
Kann man so sehen, ja. Stark purinhaltige Nahrungsmittel erhöhen die Harnsäurekonzentration im Blut. Alkohol verringert die Ausscheidung der Harnsäure und der Alkoholabbau* führt ausserdem zur Übersäuerung, bei der die Harnsäure schlechter löslich wird und kristallisieren kann. Der Gichtanfall wird durch die Ablagerung von Harnsäurekristallen in Gelenken hevorgerufen...

*Äthanol -> Acetaldehyd; Acetaldehyed -> Essigsäure

claudia 27.01.2011 | 09:42

Mal ohne Scherz: Im Fühling und Sommer haben industrie- und strassenferne Wiesen, Brachflächen und Wälder schon was zu bieten: Angefangen beim jungen Löwenzahn, Brennesselgemüse, weiter zur Salatwürze mit gehackten Gänseblümchenblättern. Auch alle Wegericharten sind eine feine Zugabe zum Salat aus zarten jungen Lindenblättern...
Dann natürlich im Sommer die Himbeeren und mit etwas Glück Pilze aus dem Wald.
Und Schlehenwein ist als Vitamin-C-Spender im Winter auch nicht zu verachten... :-)

-Unkraut schmeckt lecker und ist vitaminreich-

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belle-hopes 27.01.2011 | 11:12

Wie kann man einen so einfachen Satz wie "ZUVIEL FLEISCH KANN ZU GICHT FÜHREN", eigentlich nicht verstehen? Und wenn man mal bei Google wirklich liest steht da als Ursache für Gicht Harnsäuren, wie claudia schreibt, kommen die vom Fleisch, der Alkoholkunsum steht da nicht als Hauptursache, das wäre auch falsch. Also bitte, wenn schon dann richtig und nicht mit soviel Unvermögen, das tut ja schon weh. Wer gerne mal denkt... Ach, das Sternlein stammt nicht von mir. So, neverending story...Wie auch immer.

claudia 27.01.2011 | 12:13

>>Wenn Winzer im Medoc Eichenholzspäne in die Stahltanks schütten, wegen der Fassgärung.
Da zeigt sich der schmale Grat zwischen "andere Technik" und Betrug: Das Eichenfass beeinflusst das Aroma des Weines. (Wenn es nicht allzugross ist.)
Eichenspäne im Stahlgärtank tun das in gleicher Weise. Man könnte also ganz ehrlich sagen: "Wir erzeugen 'barrique-artige' Weine etwas billiger" und den Preisvorteil weitergeben...

Tobiwa 28.01.2011 | 01:49

@ weinsztein

Nun, es ist nicht meine Absicht, einen "schiefen" Vergleich zu ziehen zwischen hochpreisigem Luxusangebot in F und den Discountern in D. Beim Vergleich zwischen einem französischen Hypermarché und dem deutschen Äquivalent (betrieben von egal welchem der großen Lebensmittelhändler in unserem Land) fällt durchweg auf, dass auch bei durchschnittlichen Produkten (keine Discont-, keine Premiumartikel) das Preis- und das Qualitätsniveau in Frankreich über dem in Deutschland liegt. Vor einigen Stunden war ich zunächst "drüben" zum Wochenendeinkauf. Widerum ist mir aufgefallen, dass die Bereitschaft, für gute Produkte gutes Geld zu bezahlen, bei unseren Nachbarn schlicht besser ausgeprägt ist. Das bereits angesprochene Hähnchen gab es -heftig als Sonderangebot beworben- zu € 6,50 das Stück (aber nur im Zweierpack zu € 13). Es geht mir schlussendlich nicht um Erbsenzählerei, sondern um die Feststellung, dass die Preisspirale abwärts im deutschen Lebensmitteleinzelhandel zwingend eine sich verschlechternde Qualität nach sich zieht. Dies übrigens nicht im mikrobiologischen Sinn. Das billigst produzierte Fleisch/Gemüse sieht vielleicht auf den ersten Blick seinem preis-wert produzierten Verwandten ähnlich und ist gesundheitlich unbedenklich, aber damit hat es sich auch schon. Das Prinzip, dass hinten nur das rauskommen kann, was man vorne reinsteckt, gilt universell. Es geht nich darum, handgestreicheltes Kobe-Beef zu propagieren, sondern um Kritik an der "Geiz ist geil" Mentalität, die in Deutschland vor allem bei Lebensmitteln gilt. Analogkäse lässt grüßen. Hauptsache billig. Die Billigproduktion von bspw. Fleisch und Gemüse ist nur noch am Rande des gesetzlich Zulässigen möglich, weil jeder permanent das Kilo Fleisch zum Preis einer Schachtel Zigaretten haben möchte. Das geht nur industriell. Kollateralschäden für Mensch, Tier und Umwelt bleiben, es geht ja um's Geld, unberücksichtigt. Stilblüten wie das "Umrubeln" dänischen Schweinefleischs zu italienischem Schinken sind jenseits des guten Geschmacks, der leider zulässig. Die AOP/AOC Regelung der EU nützt da nicht sonderlich viel, aber immerhin etwas. Hardcore biologisch-dynamische befremdet mich ebenso wie industrielle Landwirtschaft. Mich würde es freuen, wenn man mittelfristig einen Mittelweg finden würde, bei der die Produkte wieder einen ihrer eigentlichen Wertigkeit entsprechenden Preis erzielen würden, gerne aus einer biologisch orientierten, konventionellen Landwirtschaft. Ohne Schweine-, Hühner-, Rinderfarmen mit Turbo-Mast und buntem, aber geschmacksneutralem Gemüse und Obst. Das wird der Lebensmittelindustrie weniger gefallen, käme aber letztlich jedem zugute. Wenn der Verbraucher kapiert, dass ein Kilo Kotelett zum Preis einer Schachtel Kippen völliger Irrsinn ist.

Das Beispiel "Label Rouge" diente als Hinweis, dass es durchaus möglich ist, auch von staatlicher Seite ein werthaltiges, anerkanntes Zertifierungsverfahren zu schaffen. Bei uns schafft man sowas nicht, sondern die Verantwortlichen betätigen sich als Sekundaten derjenigen, die sich vehement gegen offizielle Kontrollen wehren, weil sie sich lieber selbst kontrollieren.

Für uns Deutsche muss man es, etwas provokant, in Auto-Sprech erklären:
1) Wieso haben wir so viele Kfz-Gutachter, aber so wenige Lebensmittel-Gutachter
2) Wieso muss ein Kfz regelmäßig zum TÜV, Lebensmittelbetriebe u.a. werden aber nur sehr unregelmäßig (wenn überhaupt)

weinsztein 28.01.2011 | 02:44

@ Tobiwa

Dass gute Lebensmittelqualität ihren Preis haben, also teurer sein muss als Durchschnittsqualität, widerlegen die deutschen Discounter. In allen möglichen Tests liegen viele Artikel z.B. von Aldi Süd ziemlich weit vorn und deren Preise liegen sehr deutlich unter dem Durchschnitt.

Woher wissen Sie, dass französische Hähnchen aus dem Supermarché besser sind als die aus deutschen Supermärkten, evtl. gesünder? Supermarkthähnchen werden in der EU industriell produziert. Ich vermute, es ist überall der gleiche Dreck und die Produktionskosten dürften überall in etwa gleich sein, aber die französischen Hähnchenfabriken verdienen mehr.
Es geht doch um die Alternativen: bäuerliche Landwirtschaft oder Agrar-Industrie-Komplex.

Und ja, wir brauchen mehr Lebensmittelkontolleure und -prüfer. Aber in wessen Auftrag sollen die unterwegs sein? Bei welchen einflussreichen Betrieben haben diese Experten sich ein wenig zurück zu halten, ähnlich wie Steuerfahnder?

Ich lebe seit einiger Zeit in der Türkei. Gestern habe ich mir ein sogenanntes Dorfhähnchen gekauft, als Alternative zum hiesigen Industrie-Supermarkthähnchen.
Es war gut doppelt so teuer, es musste fast doppelt so lange garen (vermutlich weil es doppelt so lange gelegt hatte wie seine Supermarktkollegen), es schmeckte wie ein Bresse-Huhn. Mindestens.